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Parteitag der Demokraten : Brücken über die Enthusiasmuskluft

Obama-Fan: Eine Delegierte mit Parteitagsdevotionalien Bild: UPI/laif

Zwei Monate vor der Präsidentenwahl in Amerika wollen die Demokraten mit ihrem Parteitag die Weichen für Obamas Wiederwahl stellen. Der Amtsinhaber muss nicht darum bangen, dass viele Schwarze die Republikaner unterstützen könnten. Aber er muss darauf hoffen, dass sie überhaupt wählen.

          Sie stehen weiter geschlossen hinter ihm. Das Ergebnis der jüngsten Umfrage der Meinungsforscher von Gallup hat niemanden überrascht: 95 Prozent der Schwarzen in den Vereinigten Staaten haben eine gute Meinung vom ersten schwarzen Präsidenten des Landes. Aber werden die schwarzen Wahlberechtigten am 6. November auch geschlossen zur Wahl gehen und für Barack Obama stimmen, um ihm zu einer zweiten Amtszeit zu verhelfen? Bei keiner anderen Gruppe unter den potentiellen Wählern müssen sich die Wahlstrategen der Demokraten wegen der „Enthusiasmuskluft“ mehr Sorgen machen als bei den Schwarzen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Vor vier Jahren stimmten nach Wählerbefragungen 96 Prozent der schwarzen Wähler für Obama. Auch in diesem Jahr dürfte der Stimmenanteil Obamas unter den Schwarzen kaum niedriger sein. Fraglich ist aber, ob heuer wieder so viele Schwarze ihre Stimme abgeben werden wie vor vier Jahren, als die Begeisterung für den charismatischen Kandidaten vor allem die „African Americans“ mobilisierte. 2008 machten Schwarze 13 Prozent aller Wähler aus, das waren zwei Prozentpunkte mehr als 2004.

          Den Süden nicht kampflos den Republikanern überlassen

          Sollte der relative Anteil der Schwarzen an den Wählern wieder sinken, könnte das bei einem knappen Wahlausgang den Ausschlag geben. Zum Beispiel im Südstaat North Carolina, in dessen Wirtschaftsmetropole Charlotte am Dienstag der Nominierungsparteitag der Demokraten begann. Vor vier Jahren gewann Obama die 15 Wahlmännerstimmen von North Carolina, freilich nur dank eines denkbar knappen Vorsprungs von 14.000 der abgegebenen fast 4,3 Millionen Stimmen. Obamas Anteil lag bei 50 Prozent, der seines republikanischen Herausforderers John McCain bei 49 Prozent.

          In diesem Jahr liegt der republikanische Herausforderer Mitt Romney in Umfragen in North Carolina vor Obama - derzeit mit 47 zu 43 Prozent. Umso mehr kämpfen Obamas Wahlkampfstrategen um jede Stimme: 49 Wahlkampfbüros haben sie in dem Staat eingerichtet, mehr als doppelt so viele wie Romneys Leute. Die Entscheidung der Demokraten, ihre „National Convention“ in North Carolina abzuhalten, wird als Zeichen gedeutet, dass die Partei den Süden nicht kampflos den Republikanern überlassen will. Denn Südstaaten wie North Carolina, Tennessee, Florida und vor allem Texas sind in den vergangenen Jahrzehnten zu Motoren des Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums geworden, während alte Industriestaaten wie Michigan, Ohio und New York Jobs verloren haben.

          Damit verbunden ist auch eine Verschiebung des politischen Gravitationszentrums zum Süden, wovon bisher die Republikaner profitiert haben. Doch es gibt auch eine wachsende Rückwanderung von Schwarzen in „ihren“ Süden, mit dem sie seit je kulturell eng verbunden sind: Gut ausgebildete Mittelklasse-Familien finden in den neuen Dienstleistungszentren im Süden gut bezahlte Jobs, günstigeren Wohnraum - und besseres Wetter.

          Am wenigsten gewerkschaftlich organisiert

          Unter den Gewerkschaften, den treuen und bestens organisierten Kampagnenhelfern der Demokraten, ist die Entscheidung der Partei für Charlotte mit einiger Verwunderung aufgenommen worden: North Carolina gehört zu jenen 22 Bundesstaaten, deren „Right to Work“-Gesetze die in anderen Staaten zulässigen Pflichtmitgliedschaften in Gewerkschaften in manchen Branchen grundsätzlich verbieten; nur 2,9 Prozent der Arbeiter und Angestellten in North Carolina sind gewerkschaftlich organisiert. Weniger sind es in keinem anderen Bundesstaat. Deshalb haben die Gewerkschaften ihre Spenden zur Deckung der Parteitagskosten im Vergleich zu 2008 radikal reduziert.

          Kämpft im Süden um Wählerstimmen: Barack Obama

          Von den gut 9,5 Millionen Einwohner North Carolinas sind 65 Prozent Weiße, 21 Prozent sind Schwarze und 8,5 Prozent Latinos. In North Carolina wie in den meisten anderen Bundesstaaten sind Schwarze und auch Latinos besonders hart von der Wirtschaftskrise betroffen. Im Landesdurchschnitt liegt die Arbeitslosenrate derzeit bei 8,2 Prozent. Bei Weißen liegt sie bei 7,4 Prozent, während Schwarze mit einer Rate von zuletzt 14,4 Prozent fast doppelt so schwer betroffen sind; die Rate unter Latinos liegt bei elf Prozent.

          Wirtschaftliche Lage nicht verbessert

          Die wirtschaftliche Lage der Schwarzen in North Carolina und in fast allen anderen Staaten hat sich seit dem Amtsantritt von Obama nicht verbessert. Außerdem haben die Demokraten in ihrem am Dienstag verabschiedeten Parteiprogramm sich erstmals für die Anerkennung der Homosexuellenehe ausgesprochen - eine Haltung, die von der Mehrheit der Schwarzen und vor allem von den meisten wichtigen Pastoren und Bischöfen der Kirchen der Schwarzen abgelehnt wird. Bei einem Volksentscheid im Mai sprachen sich 61 Prozent der Wähler in North Carolina gegen die Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe aus. Als Präsidentschaftskandidat hatte sich Obama 2008 noch gegen die Homo-Ehe ausgesprochen, erst in diesem Frühjahr hat er seine Ansicht geändert.

          Trotz der für Schwarze besonders harten Folgen der Wirtschaftskrise und ungeachtet der weltanschaulichen Differenzen mit Blick auf die Homosexuellenehe und auch in der Abtreibungsdebatte ist man in Obamas Wahlkampfstab zuversichtlich, dass „African Americans“ auch in diesem Jahr Obama wieder massenhaft unterstützen werden. „Sie werden für den Präsidenten stimmen, weil dieser politische Erfolge in Bereichen erzielt hat, die ihren Lebensalltag wesentlich prägen: die Gesundheitsreform, Investitionen in Bildungseinrichtungen und bei Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“, sagt die Sprecherin von Obamas Wahlkampfstab Clo Ewing.

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