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Obama nominiert : Nach außen cool, innen ganz heiß

Bild: REUTERS

Die amerikanischen Demokraten haben Barack Obama auf ihrem Parteitag in Charlotte offiziell als ihren Kandidaten für die Präsidentschaftswahl im November nominiert. Bill Clinton hielt im Kampf um das Weiße Haus ein flammendes Plädoyer für seinen Nachfolger.

          Die Sorgen waren überflüssig – auf Bill Clinton ist Verlass: Mancher in Präsident Barack Obamas Wahlkampfstab hatte befürchtet, der frühere Präsident, der am zweiten Tag der National Convention der Demokraten die Hauptrede hielt und die Aufgabe hatte, Präsident Obama als Kandidaten für die Wahl im November zu nominieren, könnte seinen Auftritt zu eigenen politischen Zwecken missbrauchen und von den Regieanweisungen der Parteitagsplaner abweichen. Clinton hält nämlich an der Gewohnheit fest, seine Reden selbst zu verfassen, und zwar handschriftlich. Außerdem ist er dafür bekannt, an seinen Redetexten bis zum Schluss zu feilen, sodass sie immer in größter Eile mit dem Computer erfasst und in den Teleprompter eingegeben werden müssen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Doch Bill Clinton hielt genau die Rede, die Obama und sein Wahlkampfstab von ihm erhofft hatten: witzig und gelehrt zugleich; bald wie in Stein gemeißelt formuliert, bald wie im Vorübergehen hingesagt; mal rief er so laut, wie es seine heisere Stimme zulässt, mal flüsterte er beschwörend „Hört mir zu!“. Dass die Rede zu viele Details und Zahlen enthielt und mit 50 Minuten auch zu lang war – damit ließ sich leben.

          Dafür störte das Wetter die Show. Wegen der Warnungen der Meteorologen vor möglichen Gewittern entschieden die Parteitagsplaner kurzfristig, Obamas offizielle Annahme der Nominierung und dessen Abschlussrede von der Nacht zum Freitag vom Football-Stadion mit 74.000 Sitzplätzen in die Basketball-Halle mit kaum 20 000 Sitzen zu verlegen.

          Dann aber beruhigte sich das zu Beginn des Parteitages miserable Wetter bis zum Donnerstag und die Wahrscheinlichkeit von Gewittern sank – und nun müssen sich Obamas Leute gegen Unterstellungen der Republikaner wehren, sie hätten in Wahrheit die vielen Plätze im Stadion gar nicht mit ausreichend Unterstützern und Fans füllen können und wollten nur Fernsehbilder von einer Präsidentenrede vor halb leeren Rängen vermeiden.

          Die Mitglieder des Parteitags der Demokraten zeigten sich von der Nominierungsrede Clintons begeistert

          Warum der – nach den Worten der „Washington Post“ – „geschrumpfte Präsident“ Obama eine zweite Amtszeit verdient, machte Bill Clinton so kraftvoll wie nur möglich klar. Clintons Grundthese lautete: Sein direkter Nachfolger George W. Bush habe das Land so tief in den Graben gefahren, dass es nur Superman binnen einer Amtszeit wieder hätte flott machen können. „Niemand hätte all den Schaden, den er vorgefunden hat, in nur vier Jahren reparieren können“, sagte Clinton, „nicht ich, keiner meiner Amtsvorgänger, niemand“. Obama habe aber aus dem „totalen Chaos“, das ihm hinterlassen worden sei, die Grundlagen für „eine neue, moderne, erfolgreiche Wirtschaft des Wohlstands für alle“ geschaffen.

          Clinton umschrieb die Argumentation der Republikaner für die Abwahl Obamas so: „Wir haben ihm einen totalen Saustall hinterlassen, er hat ihn nicht schnell genug ausgemistet, also feuert ihn und lasst uns wieder ran.“ Und entsprechend der Vorgabe des Wahlkampfstabes spitzte Clinton die Entscheidung bei den Präsidenten- und Kongresswahlen vom 6. November zu: „Wollen Sie in einer Gesellschaft leben, in der Sie sich selbst überlassen sind, in der die Gewinner alles kriegen? Dann sollten sie für die Republikaner stimmen. Wenn Sie aber eine Gesellschaft wollen, in der wir zusammenstehen und alles gemeinsam durchstehen, in der wir den Wohlstand teilen und die Verantwortung teilen, dann sollten Sie Barack Obama wählen!“ Deshalb nominiere er „einen Mann, der nach außen cool wirkt, aber im Inneren für Amerika brennt“, rief Clinton. Der Saal dankte es ihm mit stehenden Ovationen.

          Ausdruck demokratischer Zuneigung: Bill Clinton und Barack Obama auf der Parteitagsbühne in Charlotte

          Auch Präsident Obama bedankte sich für die Rede Clintons: Noch im rauschenden Schlussapplaus trat er auf die Bühne, verbeugte sich vor Clinton, umarmte ihn, klopfte ihm auf die Schulter, streichelte sogar zärtlich dessen Rücken und winkte gemeinsam mit ihm ins Publikum. Es war, also hoffte der Amtsträger, dass die immerzu wachsende Zuneigung der Amerikaner zu ihrem 42. Präsidenten, der eine historisch vielleicht einmalige Wachstums- und Friedensperiode von 1993 bis 2001 geprägt hatte, seinen stumpf gewordenen eigenen Glanz ein wenig aufpolieren möge.

          Vergessen und vergeben ist offenbar der Streit zwischen Obama und Clinton aus der Zeit des bitteren innerparteilichen Vorwahlkampfs der Demokraten vor vier Jahren. Damals hatte Bill Clinton seine Ehefrau Hillary unterstützt und deren Konkurrenten Obama abgekanzelt: Seine Rhetorik sei luftig, er sei politisch naiv, hatte ihn als „inkompetent“ und als „Amateur“ beschimpft. Dass sie bald nach den Präsidentenwahlen von 2008 angeblich gute Freunde wurden, dürfte durch die Berufung von Hillary Clinton zur Außenministerin durch Obama begünstigt worden sein.

          Am Donnerstagabend (Ortszeit) muss sich Präsident Obama dann ohne Präsident Clinton an seiner Seite dem Publikum stellen, um die Nominierung für eine zweite Amtszeit offiziell anzunehmen und mit seiner Abschlussrede endgültig die heiße Phase des Wahlkampfes zu eröffnen.

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