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Eine Region in Angst : Wie Nordkoreas Nachbarn mit der Krise umgehen

Nach den verbalen Wortgefechten zwischen Donald Trump und Kim Jong-un gehen in Pjöngjang Tausende Menschen auf die Straße. Bild: AFP

Die Spannungen zwischen Washington und Pjöngjang drohen zu eskalieren. Doch was würde ein Krieg für Südkorea und Japan bedeuten? Beide Länder denken bereits über den Ernstfall nach.

          Mit dem Austausch militärischer Drohungen zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea erreichen die Spannungen um die nukleare Aufrüstung des Regimes in Pjöngjang einen neuen Höhepunkt. Wie sehr die verbale Eskalation die Gemüter in der Region beunruhigt, zeigt eine Reaktion aus Südkorea. Die Sicherheitslage auf der Halbinsel sei ernst, aber es handele sich um keine Krise, verlautete am Mittwoch aus dem Büro des Präsidenten in Seoul. Solche beschwichtigenden Kommentare mit Blick auf den Norden sind im politischen Südkorea üblicherweise nicht zu hören.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Nordkorea hatte zuvor damit gedroht, die amerikanische Pazifikinsel Guam südlich von Japan anzugreifen, auf der die Vereinigten Staaten wichtige Militärbasen unterhalten. Nach einer Meldung der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA untersuchen die Streitkräfte sorgfältig einen Plan, die Gebiete rund um Guam mit Raketen des Typs Hwasong-12 unter Beschuss zu setzen. In der Meldung ist von „einhüllendem Feuer“ die Rede. Das südkoreanische Verteidigungsministerium vermutet dahinter die Strategie, Guam zu belagern, um zu verhindern, dass die Vereinigten Staaten von dort militärisch aktiv werden. Der Plan gegen Guam werde simultan und aufeinanderfolgend durchgeführt, wenn Nordkoreas Führer Kim Jong-un, der „oberste Befehlshaber der nordkoreanischen Atomstreitkräfte“, den Befehl dazu gebe, heißt es in der Meldung von KCNA.

          „Einen Regen der Zerstörung“

          Das Regime in Pjöngjang reagierte damit auf einen Kommentar des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Der hatte Nordkorea aufgefordert, Drohungen gegen sein Land zu unterlassen. Anderenfalls werde Amerika mit „Feuer und Zorn reagieren, (...) wie es die Welt so noch niemals zuvor gesehen hat“. Trumps Worte erinnern an die Worte des früheren Präsidenten Harry Truman, nachdem er 1945 den Einsatz der Atombombe gegen Japan angeordnet hatte. Falls Japan nicht kapituliere, könne es „einen Regen der Zerstörung vom Himmel erwarten, der auf der Erde noch nicht gesehen wurde“, warnte Truman damals.

          Trumps Worte kamen am Vorabend des Jahrestags des Abwurfs der Atombombe auf Nagasaki. Der amerikanische Präsident ließ im Unklaren, mit welchen Handlungen Nordkorea eine solche Reaktion Amerikas hervorrufen würde. Seine Regierung schließt eine „militärische Option“ gegen Nordkorea nicht aus. Im Januar hatte Trump erklärt, er werde nicht zulassen, dass Nordkorea eine Nuklearwaffe entwickelt, mit der es amerikanisches Gebiet treffen kann.

          In einer parallelen Entscheidung, mit der Pjöngjang eher auf Verständigung setzt, ließ Nordkorea am Mittwoch den kanadisch-koreanischen Pastor Lim Hyeon-soo aus gesundheitlichen Gründen frei. Er war im Dezember 2015 zu lebenslangem Arbeitslager wegen „religiöser Aktivitäten“ verurteilt worden. Der 62 Jahre alte Lim war in Nordkorea seit den neunziger Jahren in humanitären Hilfsprojekten tätig gewesen. Damit hält das Regime jetzt noch drei Amerikaner und sechs Südkoreaner als Gefangene. Im Juni war der amerikanische Student Otto Warmbier nach monatelanger Haft gestorben.

          Drohungen des kommunistischen Regimes in Pjöngjang mit Angriffen auf die Vereinigten Staaten gibt es fast regelmäßig. Es ist aber ungewöhnlich, dass die Drohungen so konkret wie am Mittwoch sind und direkt mit der Befehlsgewalt von Kim in Verbindung gebracht werden. Die Rakete Hwasong-12, mit der Nordkorea Guam bedroht, ist eine neu entwickelte Mittelstreckenrakete, die Nordkorea im Frühjahr erstmals getestet hatte. Der vierte Versuch im Mai gelang. Die Rakete flog fast 800 Kilometer weit und landete zwischen Korea und Japan. Fachleute vermuten, dass die Rakete bis zu 4500 Kilometer weit fliegen kann.

          Koreas Drohung verdeutlicht auch den Unmut in Pjöngjang über gemeinsame Übungen Südkoreas mit den Amerikanern. Washington hatte erst am Wochenbeginn zwei Bomber des Typs B1-B über Korea fliegen und Übungen mit den südkoreanischen und den japanischen Flugstreitkräften abhalten lassen. Die amerikanischen Bomber starten dabei gewöhnlich von der Pazifikinsel Guam, die rund 3400 Kilometer von Pjöngjang entfernt ist. Die Vereinigten Staaten hatten die Insel südlich von Japan erstmals 1898 im Zuge des Spanisch-Amerikanischen Kriegs besetzt und im Zweiten Weltkrieg von den Japanern in einer blutigen Schlacht zurückerobert. Seit 1950 ist Guam amerikanisches Territorium mit begrenzter Selbstverwaltung. Die Insel ist für die Amerikaner so etwas wie das Tor zu Asien. Von Guam aus flogen sie im Zweiten Weltkrieg Angriffe auf Japan und in den siebziger Jahren auf Vietnam. Die amerikanischen Streitkräfte unterhalten auf Guam mehrere Militärbasen, etwa 6000 Soldaten sind dort stationiert. Vier Atom-U-Boote liegen im Hafen von Apra. Auf der Andersen Air Force Base im Norden sind Bomber der Typen B1-B und B-52 stationiert.

          Die wachsende Bedrohung durch die atomare Aufrüstung Nordkoreas führt in den Nachbarstaaten zu Überlegungen, die eigene Verteidigungskraft zu stärken. Der südkoreanische Präsident Moon Jae-in rief am Mittwoch zu einer umfassenden Überholung der Streitkräfte auf. Südkorea setzt zur Abschreckung auf die Allianz mit Amerika, das rund 28.500 Soldaten im Land vorhält. Strategisch aber, so eine Sorge, könnte Amerika mit der Verteidigung Südkoreas zögern, falls Nordkorea im Gegenzug amerikanische Städte mit Atomraketen bedroht. Als ein Teil der Bemühungen um eine bessere Abschreckung möchte Südkorea seine eigenen Raketen aufrüsten und mit mehr Sprengladung versehen dürfen. Trump soll sich diesem Wunsch offen gegenüber gezeigt haben. Auch Japan überarbeitet seine Verteidigungsstrategie und debattiert, ob es sich die Fähigkeit zum Gegenschlag auf gegnerischem Territorium eröffnen soll, um nach einem Angriff Raketenabschusseinrichtungen in Nordkorea zerstören zu können.

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