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Führungslose Demokraten : Hillarys Erben

  • -Aktualisiert am

Clinton räumt ihre Niederlage ein Bild: dpa

Nach Clintons schmerzhafter Niederlage sucht die Demokratische Partei nach einem Weg aus der Krise. Schuldzuweisungen und Flügelkämpfe sorgen für Unruhe. Der Wettstreit um Clintons Nachfolge ist eröffnet.

          Noch überwiegt die Trauer. Viele Weggefährten haben Tränen in den Augen, als Hillary Clinton am Mittwoch in ihrem ersten öffentlichen Auftritt nach der dramatischen Wahlnacht sichtlich enttäuscht ihre Niederlage eingesteht. „Unser Land ist tiefer gespalten, als ich dachte“, sagt die 69-Jährige, die ja bereits 2008 Präsidentin werden wollte, damals aber im Vorwahlkampf an Barack Obama scheiterte.

          Was Clinton in New York nicht sagt: Nicht nur das Land, auch ihre Partei ist tief gespalten – und jetzt auch noch führungslos. Trump gewinnt das Rennen ums Weiße Haus, die Republikaner behaupten ihre jeweiligen Mehrheiten im Senat und im Repräsentantenhaus: Obwohl man viel mehr Geld als der politische Gegner in die Kampagnenarbeit investierte, hätte es für die Demokraten kaum schlechter laufen können. Die interne Suche nach Schuldigen hat längst begonnen.

          Besonders lautstarke Kritik kommt vom „progressiven Flügel“, wie die Linken bei den Demokraten genannt werden. „Man hat die Partei gewarnt, aber sie wollte ja nicht hören“, erklärt Jonathan Tasini, ein früherer Berater von Vermonts Senator und Vorwahl-Verlierer Bernie Sanders. „Die Partei-Elite hat es verbockt.“

          Clinton sei im Vorwahlkampf bevorzugt worden

          Tasini ist nicht der einzige Sanders-Anhänger, der sich nach der verlorenen Präsidentschaftswahl zutiefst verärgert zeigt. Viele werfen der Spitze der Demokraten beziehungsweise dem Parteiestablishment vor, Clinton im Vorwahlprozess bevorzugt und so deren Kandidatur überhaupt erst ermöglicht zu haben.

          Wäre stattdessen Sanders gegen Trump ins Rennen gegangen, hätte man gesiegt, sind sich viele linke Demokraten sicher. Das Clinton am Dienstag ausgerechnet in Michigan und Wisconsin schwächelte, also den Staaten, in denen Sanders in den demokratischen Vorwahlen noch beeindruckende Siege eingefahren hatte, ist für sie nur ein weiterer Beweis für ihre These.

          Zumindest hätte sich, so ein weiterer Vorwurf der Establishment-Kritiker, Clinton programmatisch (noch) mehr an Sanders orientieren und anstatt des vergleichsweise konservativen Tim Kaine einen Vizepräsidentschafts-Kandidaten auswählen sollen, der für mehr Enthusiasmus bei jungen Menschen gesorgt hätte. Die forsche Senatorin Elizabeth Warren zum Beispiel hätte hier und da die Wahlbeteiligung noch entscheidend in die Höhe treiben können.

          Die Senatorin von Massachusetts, Elizabeth Warren.

          Machtvakuum

          Unabhängig davon, wie überzeugend man diese Schuldzuweisungen nun finden mag: Clintons Niederlage hat bei den Demokraten in jedem Fall nicht nur ein Machtvakuum geschaffen, sondern auch eine Diskussion über die inhaltliche Ausrichtung der Partei ausgelöst, die in den kommenden Monaten für viel Unruhe sorgen dürfte.

          „Diese Wahl war nicht nur eine Niederlage für Hillary Clinton, sondern auch eine lautstarke Absage an die derzeitige Demokratische Partei“, sagt Mike Gecan, Chef der „Industrial Areas Foundation“, einer Art Dachverband von amerikanischen Bürgerorganisationen. Die Partei sei zuletzt zu sehr „von Wall Street und Silicon Valley“ dominiert worden, so Gecan in der New York Times. Man müsse aufhören, sich vor allem mit Wählerdaten und bildstarken Kampagnen zu beschäftigen, sondern stattdessen wieder zu echten politischen Inhalten zurückkehren.

          Hillary Clinton wäre beinahe Präsidentin geworden, jetzt hat sie ihrer Partei ein schweres Erbe hinterlassen. Bleibt die große Frage, wer ihr folgen und 2020 gegen Trump als Kandidat oder Kandidatin antreten könnte. Wie bereits erwähnt, scheint das nun durchaus recht einflussreiche Sanders-Lager Senatorin Warren aus Massachusetts zu bevorzugen, wobei die in vier Jahren auch schon 71 Jahre alt wäre.

          Andere Kandidaten hätten bessere Chancen

          Glaubt man dagegen der Blitzanalyse zahlreicher politischer Kommentatoren, dann dürften nach derzeitigem Stand New Jerseys Senator Cory Brooker, New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo und Bauminister Julian Castro bessere Chancen haben. Als erst 42-jähriger Texaner mit lateinamerikanischen Wurzeln wäre Castro zudem bestens geeignet, der immer jünger und multiethnischer werdenden demokratischen Basis gerecht zu werden.

          Solange die Partei weiter nach neuer Führung und Richtung sucht, dürfte sicherlich auch Barack Obama weiter eine wichtige Rolle spielen. Viele Demokraten hoffen, dass der bei allen Parteiflügeln beliebte scheidende Präsident helfen könnte, die zerstrittene Gruppen zu vereinen und die Demokraten wieder auf einen gemeinsamen Kurs zu bringen.

          Noch beliebter als Barack Obama ist Michelle Obama. Die First Lady hatte zuletzt allerdings immer wieder deutlich gemacht, dass sie auf keinen Fall eine aktive politische Karriere und schon gar keine Präsidentschaftskandidatur anstrebe – auch wenn das viele Demokraten äußerst schade finden.

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