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Nach TV-Debatte mit Clinton : Trump plant Strategiewechsel 

Bild: AFP

Bei der nächsten TV-Debatte will Trump Clinton härter angreifen. Der republikanische Präsidentschaftskandidat hat einige Munition, mit der er der Demokratin schaden kann.

          Immer die Anderen: Am Tag nach der ersten Fernseh-Debatte des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes hat Donald Trump widrige Umstände für seinen viel kritisierten Auftritt verantwortlich gemacht. Das Mikrofon sei falsch eingestellt gewesen, der Moderator Lester Holt parteiisch ­– unter diesen Voraussetzungen sei es „ganz gut gelaufen“, sagte Trump in einem Interview mit dem Fernsehsender „Fox News“ am Dienstagmorgen.

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Obwohl Trump sich weigert, das Duell als Niederlage zu werten, will er in der zweiten TV-Debatte seine Taktik ändern. „Vielleicht greife ich sie beim nächsten Mal härter an“, sagte der Republikaner im Interview mit „Fox News“. Aus Rücksicht auf Hillary Clintons Tochter Chelsea habe er es sich am Montagabend verkniffen, auf die Affären Bill Clintons einzugehen.

          Diese Zurückhaltung brachte ihm das Lob seines Unterstützers Rudy Giuliani ein. Der Republikaner und ehemalige Bürgermeister von New York gab Trump außerdem einen Rat für die kommenden beiden TV-Duelle. „Wenn ich Donald Trump wäre, würde ich an keiner weiteren Debatte teilnehmen, wenn nicht sichergestellt ist, dass der Journalist sich wie ein Journalist verhält und nicht wie ein ignoranter, unkorrekter Faktenchecker“, sagte Giuliani der Website „Politico“.

          Dass Trump die nächste Debatte tatsächlich boykottieren wird, ist eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass er bei der nächsten Runde am 9. Oktober auf all jene Themen setzen wird, die Clinton schlecht dastehen lassen könnten. Dass sind nicht nur die Affären ihres Ehemannes, sondern vor allem der transpazifische Freihandelsvertrag (Trans-Pacific Partnership). Als Außenministerin hatte Clinton das Abkommen noch befürwortet, im Wahlkampf war sie zurückgerudert. Denn viele Amerikaner fürchten, dass der Freihandel amerikanische Arbeitsplätze kosten und die Einkommensungleichheit verstärken wird.

          Stolperstein Freihandel

          Bei der ersten Fernsehdebatte am Montagabend hatte Trump Clinton bereits vorgeworfen, das Handelsabkommen als „Goldstandard“ für die amerikanische Wirtschaft beworben zu haben. Beim nächsten Aufeinandertreffen der beiden Rivalen könnte er das Thema für weitere Attacken gegen die Kandidatin der Demokratin nutzen. Und ihr damit langfristig schaden. Denn das Handelsabkommen ist besonders in den Bundesstaaten des Mittleren Westens, Ohio, Michigan und Wisconsin, umstritten. Dort verbinden viele Wähler den Freihandel mit der Desindustrialisierung ihrer Region.

          Im Gegensatz zu Clinton könnte Trump bei diesem Thema punkten: Er lehnt den transpazifischen Freihandelsvertrag ab und will auch ältere Freihandelsabkommen nachverhandeln, sollte er Präsident werden. Mit dieser Haltung könnte Trump die Stimmung in den Bundesstaaten des Mittleren Westens, zu seinen Gunsten drehen. Das wiederum würde möglicherweise den Ausgang der Präsidentschaftswahl beeinflussen. Denn Ohio, Michigan und Wisconsin gehören zu den „Swing States“, in denen ein besonders knappes Wahlergebnis erwartet wird.

          Bei der vergangenen Fernsehdebatte hatte Trump außerdem drei andere Themen ausgespart, mit denen er sich beim nächsten Mal gegen Clinton in Stellung bringen könnte: ihre E-Mail-Affäre, die Vorwürfe gegenüber der Clinton-Stiftung und die illegale Einwanderung ­– die Trump mit einer Mauer an der Grenze zu Mexiko stoppen will.  

          Clinton genießt ihren Erfolg

          Von all diesen Möglichkeiten muss Clinton Attacken zu ihrem Privatleben wohl am wenigsten fürchten. Denn die Affären ihres Ehemannes liegen Jahre zurück und Trump steht als mehrfach Geschiedener nicht unbedingt für ein traditionelles Familienbild. Schwieriger könnte es für sie tatsächlich werden, wenn Trump auf Wirtschaftsthemen setzen sollte. Denn Clinton verkörpert für viele wirtschaftlich abgehängte Wähler den Status Quo eines Amerikas, das sie ablehnen.

          Doch zunächst kann die Kandidatin der Demokraten von dem Aufwind profitieren, den ihr die erste Fernsehdebatte gebracht hat. An Bord des Flugzeugs, mit dem sie gerade auf Wahlkampf-Tour ist, zeigte sie sich sehr zufrieden mit dem Verlauf des Abends. Die Zuschauer hätten die Gelegenheit gehabt, sich selbst ein Bild von Trumps Verhalten zu machen. Das dunkle Bild, das er von Amerika gezeichnet habe, entspreche nicht der Wahrheit, sagte sie. „So ist Amerika nicht! Wir sind die besten Problemlöser der Welt", sagte Clinton. Trumps Klagen über sein Mikrofon kommentierte sie lächelnd: „Jeder, der sich über ein schlechtes Mikrofon beklagt, hatte keine gute Nacht.“ Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Raleigh, North Carolina, erklärte sie sich später vor über tausend Zuschauern zur Siegerin der Fernsehdebatte.

          Ob sie auch aus der kommenden Fernsehdebatte als Siegerin hervorgeht, wird sich am 9. Oktober zeigen. Dann werden die Kandidatin der Demokraten und der Kandidat der Republikaner in der Universität St. Louis, Missouri, aufeinandertreffen. Das zweite TV-Duell unterscheidet sich formal vom ersten und soll einer Bürgerversammlung ähneln. Die Hälfte der Fragen werden teilnehmende Bürger stellen, die vorher vom Meinungsforschungsinstitut „Gallup Organization“ ausgewählt wurden. Über ihre dreißig wichtigsten Fragen an die Kandidaten können die amerikanischen Bürger außerdem online abstimmen. Moderiert wird die Fernsehdebatte von Martha Raddatz, die für den vom Fernsehsender ABC arbeitet, und von Anderson Cooper vom Fernsehsender CNN.

          In einer früheren Fassung dieses Textes hieß es, der „Rustbelt“ (früher „Manufacturing Belt“) entspreche den Staaten des Mittleren Westens. Das ist falsch.

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