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Nach dem Fernsehduell : Punktsieg ohne Trendwende

  • -Aktualisiert am

Das Duell Romney gegen Obama: Erste Umfragen werteten die zweite Fernsehdebatte als einen Punktsieg für den Präsidenten Bild: dapd

Das Rennen in Amerika um die Präsidentschaft bleibt eng. Daran änderte auch die zweite, hitzige Fernsehdebatte zwischen Obama und Mitt Romney nichts. Nach dem Punktsieg des Präsidenten wird der republikanische Herausforderer weiter angreifen.

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          Am Tag danach waren die Duellanten längst wieder im Land unterwegs. Präsident Barack Obama reiste zu Wahlkampfauftritten nach Iowa und Ohio, sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney kämpfte in Virginia um Wählerstimmen. Beide tun gut daran, in den verbleibenden knapp drei Wochen vor den Wahlen die letzten Kräfte zu mobilisieren und den letzten Dollar für Werbespots auszugeben. Denn seit der ersten Fernsehdebatte vom 3. Oktober in Denver hat das Rennen ums Weiße Haus eine neue Dynamik bekommen: Romney hat zu Obama aufgeschlossen. Die zweite Runde der direkt im Fernsehen übertragenen Rededuelle von der Nacht zum Mittwoch, die auf dem Campus der Hofstra Universität im Bundesstaat New York stattfand, dürfte den Trend nur unwesentlich beeinflusst haben. Denn der Schlagabtausch endete faktisch unentschieden, allenfalls mit leichten Vorteilen von Obama.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Der Nachrichtensender CNN, dessen Mitarbeiterin Candy Crowley die Debatte moderierte, befragte unmittelbar nach Abschluss der Debatte eine repräsentativ ausgewählte Gruppe von Zuschauern. Insgesamt äußerten 46 Prozent, Obama habe die Debatte „gewonnen“, 39 Prozent sahen im Herausforderer Romney den „Sieger“. Als stärkeren politischen Führer sahen aber 49 Prozent der Befragten Romney, 46 Prozent Obama. Die größere Kompetenz in der Wirtschaftspolitik sprachen gar 58 Prozent der Zuschauer Romney zu, Obama lag mit nur 40 Prozent bei dieser wichtigsten aller Fragen im Wahlkampf schon fast abgeschlagen zurück. Und bei der Steuerpolitik und beim Schuldenabbau lag Romney ebenfalls recht klar vorne: mit 51 Prozent beziehungsweise 59 Prozent gegenüber Obama, der es in diesen ebenfalls immens wichtigen Fragen nur auf 44 Prozent respektive 36 Prozent Zustimmung brachte.

          Anders als erwartet kam es auch bei der zweiten Debatte zu heftigen Wortgefechten der Kandidaten. Diese rückten sich zudem physisch so nah auf den Pelz, dass sich fast ihre gegeneinander ausgestreckten Zeigefinger berührten. Das Format des zweiten Fernsehduells war ein sogenanntes „Stadthallentreffen“ (town hall meeting), bei dem die Kandidaten nicht hinter ihren Pulten stehen bleiben müssen, sondern auf Hockern sitzen und sich, wenn eine Frage an sie gerichtet wird, in einer Art Arena bewegen können. Dieses Debattenformat soll ein Gespräch zwischen den Kandidaten und den ausgewählten Wählern ermöglichen, die stellvertretend fürs ganze Volk ihre Fragen stellen dürfen. Doch Obama wie Romney nahmen die Fragen der noch unentschlossenen Wähler in der Halle jeweils nur zum Anlass, um ihre Standpunkte zu wiederholen und einander anzugreifen.

          Noch in einer zweiten Hinsicht verlief die Debatte anders als geplant. Jeweils etwa die Hälfte der Zeit hätte innen- und außenpolitischen Fragen gewidmet werden sollen. In Wahrheit dominierte abermals die Wirtschafts- und Finanzpolitik, nur eine einzige Frage - zum Terroranschlag gegen das amerikanische Konsulat in der ostlibyschen Stadt Benghasi mit vier getöteten Amerikanern - betraf ein außen- und sicherheitspolitisches Thema.

          Dieses Ungleichgewicht dürfte Romney genutzt haben, weil er in wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen absolut sattelfest ist. Romney ratterte seine Zahlen herunter, die er bis zum Wahlabend immer und immer wiederholen wird: 23 Millionen Menschen ohne bezahlte Beschäftigung, seit Obamas Amtsantritt haben zudem 3,5 Millionen Frauen ihren Job verloren; Zunahme der Staatsschuld um gut eine Billion Dollar pro Haushaltsjahr auf jetzt 16 Billionen Dollar, im Falle einer zweiten Amtszeit Obamas auf mehr als 20 Billionen Dollar; jeder sechste Amerikaner lebt in Armut; 47 Millionen Amerikaner erhalten Lebensmittelbezugskarten; die Hälfte der Universitätsabsolventen findet keinen angemessenen Job; die Benzinpreise liegen heute etwa doppelt so hoch wie zum Zeitpunkt von Obamas Amtsantritt.

          „Wir müssen nicht so leben“, sagte Romney in einem seiner stärksten Momente. „Ich habe als Geschäftsmann, als Gouverneur von Massachusetts und als Chef der Olympischen Spiele von Salt Lake City immer einen ausgeglichen Haushalt erreicht.“

          Obama hielt dem seine eigenen Zahlenkolumnen entgegen. Während seiner Amtszeit seien 5,5 Millionen neuer Arbeitsplätze geschaffen worden; 98 Prozent der Amerikaner, 95 Prozent kleiner und mittlerer Unternehmen hätten Steuerermäßigungen erhalten; die heimische Öl- und Gasproduktion sei so hoch wie nie zuvor; in der durch Staatskredite geretteten Autoindustrie und der durch Konjunkturprogramme und Steuerermäßigungen geförderten Wirtschaft für erneuerbare Energiequellen seien Millionen Jobs geschaffen worden. Und so weiter. „Wir können nicht zurückfallen in eine Politik, die uns erst so tief in die Krise gestürzt hat, die wir gerade überwinden“, sagte Obama.

          Im Streit über den Anschlag auf das Konsulat in Benghasi behielt Obama klar die Oberhand. Er zeigte sich als Oberbefehlshaber, der Verantwortung übernimmt, setzte sich aber zugleich gegen die Unterstellung zur Wehr, seine Regierung habe das Volk über die Hintergründe der Tat in die Irre geführt.

          Romneys Anhänger sagten, der Herausforderer habe sich eine Gelegenheit entgehen lassen, den Präsidenten entschlossener anzugreifen. Er wird das nachholen können: In der dritten und letzten Debatte am 22. Oktober soll es um Außen- und Sicherheitspolitik gehen.

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