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TV-Debatte der Vize-Kandidaten : Pence schlittert, Trump twittert

  • -Aktualisiert am

Tim Kaine und Mike Pence: Noch kennt man sie kaum. Einer von ihnen ist Amerikas nächster Vizepräsident. Bild: AFP

Amerikas Vizepräsidentschaftskandidaten Tim Kaine und Mike Pence streiten leidenschaftlich über politische Positionen und Weltanschauungen. Trotzdem spielen sie wieder nur eine Nebenrolle – was vor allem an einem liegt.

          Wenige Stunden vor Beginn des Duells herrscht zum ersten Mal Unruhe im Medienzentrum auf dem Campus der Longwood-Universität im kleinen Städtchen Farmville im Westen Virginias. Der Grund: Eine Nachricht des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump. Er werde sich, so gibt dieser bekannt, heute Abend „den großartigen Gouverneur Mike Pence“ im Fernsehen anschauen und die Debatte der Vizepräsidentschaftskandidaten dazu live via Twitter kommentieren. Los gehe es um halb neun – „viel Spaß!“

          Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die diesjährige republikanische Kampagne eine One-Man-Show ist, Trumps (ob nun bewusster oder unbewusster, in jedem Fall aber erfolgreicher) Versuch, seinem Vize selbst am Abend seiner ersten und einzigen Fernsehdebatte das Rampenlicht streitig zu machen, liefert ihn. Als Pence seinem demokratischen Kontrahenten Tim Kaine um 21 Uhr gegenübertritt, hat sein Chef, der sich an diesem Abend in einem seiner Hotels in Las Vegas aufhält, bereits mehrere Tweets abgesetzt. Kostprobe: „Wow, CNN ist so negativ. Deren Expertenrunde ist ein Witz, parteiisch und sehr dumm. Ich schalte jetzt auf Fox News um, wo ich einen fairen Mix bekomme.“

          Twitter-Botschaften hin oder her: Auf der Fernsehbühne von Farmville hat Pence, von dem Umfragen zufolge vor diesem Abend mehr als zehn Prozent aller Amerikaner noch nie etwas gehört hatten, auch so einen schweren Stand. Immer wieder werden dem 57 Jahre alten Gouverneur von Indiana seitens Kaine, dessen Bekanntheitsgrad im Land ähnlich gering ist, Positionen und Aussagen Trumps vorgehalten, zu denen er gefälligst Stellung nehmen solle. Ob Trumps rassistische Beleidigungen gegenüber Mexikanern, seine respektlosen Lästereien gegenüber Frauen – der Senator aus Virginia hat bei seinem Heimspiel viele Zitate mitgebracht, die sein Gegenüber in Bedrängnis bringen sollen.  

          Dauerthema Steuererklärungen

          Meistens ignoriert Pence Kaines Spitzen und versucht das Thema zu wechseln beziehungsweise seinerseits dem Clinton-Lager einen beleidigenden Stil vorzuwerfen. Konfrontiert mit den jüngsten Enthüllungen, dass Trump möglicherweise bis zu achtzehn Jahre keine Einkommenssteuer gezahlt habe, lassen Pence jedoch wanken. Zunächst vermeidet er eine klare Antwort, dann nennt er Trumps Anwendung der Steuergesetze „brillant“. Von Kaine in die Ecke gedrängt, verspricht er, dass Trump seine Steuererklärungen bald veröffentlichen werde. Wann genau? „Nach der Bilanzprüfung“. Letztes Wort von Kaine: „Richard Nixon hat seine Steuererklärung während einer Bilanzprüfung veröffentlicht.“

          Im fernen Las Vegas scheint Trump derweil durchaus zufrieden mit dem Auftritt seines Partners. „Mike Pence leistet großartige Arbeit“, freut er sich in einer seiner zahlreichen Twitter-Botschaften. Über seinen Account verschickt sein Team zudem mehrere Links zu Hintergrundartikeln, welche die eine oder andere Aussage von Pence unterstützen beziehungsweise Clinton und Kaine der Fehlinformation überführen sollen. Trump, der Präsidentschaftskandidat, der seinem Stellvertreter in spe zuarbeitet? In den amerikanischen Medien fragen sich bereits einige Kommentatoren amüsiert, warum Trump Pence nicht gleich an die Spitze der Kampagne setze. „Er hätte bessere Chancen“, sagt etwa der bekannte Radiomoderator und Kolumnist Michael Smerkonish.

          Pence macht es nicht schlecht

          In der Tat scheint Pence, obwohl er an diesem Abend oftmals ausweichend agiert, vieles anders (und besser) zu machen als Trump Anfang vergangener Woche bei seiner ersten Debatte mit Hillary Clinton. Während Trump sich von Clinton immer wieder provozieren ließ, bleibt Pence unaufgeregt und höflich. Er lässt Kaine, der gerade zu Anfang der Debatte einen übermotivierten und fast schon hibbeligen Eindruck macht, immer wieder erfolgreich auflaufen. Er spricht langsam, seine Augen suchen immer wieder die Kameras, um sich den Zuschauern direkt zuzuwenden.

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          Vor allem aber schafft es Pence an diesem Abend immer wieder, Töne anzustimmen, die viele konservative Amerikaner in diesem turbulenten Wahlkampf bisher schmerzlich vermisst haben: Steuersenkungen, eine schlanke Regierung, Stärke gegenüber Putin, den Pence in weitaus klareren Worten kritisiert als Trump, dem ja zuletzt immer wieder nachgesagt wurde, dass er große Sympathien für den russischen Präsidenten hege. Auch die von Pence stringent und ohne persönliche Beleidigungen vorgetragenen Attacken gegen Clinton in Bezug auf die Finanzierung ihrer Stiftung durch ausländische Geldgeber dürften zahlreiche Zuschauer überzeugt haben.

          Zum Schluss die Glaubensfrage

          Am Ende der Debatte steht dann noch eine kurze und bemerkenswert leidenschaftliche Diskussion zum Thema Glaube und Politik. In ruhigen Worten sprechen beide Kandidaten über ihre christliche Weltanschauung und die Positionen, die sie daraus ableiten. Der bekennende Katholik Kaine wirbt entgegen seiner privaten Überzeugung für das Recht auf Abtreibung, der Evangelikale Pence, der im Übrigen auch an der Evolutionstheorie zweifelt, argumentiert dagegen. Als Kaine seinen republikanischen Rivalen mit Trumps Worten konfrontiert, wonach abtreibende Frauen bestraft werden sollten, gerät Pence ein letztes Mal ins Schlittern. Erst behauptet er, dass Trump das so nie gesagt hätte, dann versucht er seinen Chef auf andere Weise in Schutz zu nehmen: „Er ist einfach kein geschliffener Politiker.“

          Die CNN-Kommentatorin Gloria Borger fasst den Abend wie folgt zusammen: „Es fällt Pence leichter, Clinton zu kritisieren, als Trump zu verteidigen.“ Bei den Zuschauern scheint sein kämpferischer Auftritt trotzdem (oder gerade deswegen) gut anzukommen. Auf die Frage, wer die Debatte der Vizepräsidentschaftskandidaten gewonnen habe, sieht in einer ersten repräsentativen Umfrage eine knappe Mehrheit Pence vor Kaine. Für den twitternden Trump ist die Sache sowieso klar: Pence habe „einen großen Sieg eingefahren“. „Wir sollten alle stolz auf Mike sein.“

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