https://www.faz.net/-gpf-8n94q

Filmemacher lag richtig : Wie Michael Moore Trumps Wahlsieg voraussagte

  • -Aktualisiert am

Trump-Wähler sind willkommen: Filmemacher Michael Moore in einer Szene seines Films „Michael Moore in Trumpland“ Bild: dpa

Filmemacher und Oscar-Preisträger Michael Moore veröffentlichte im Juni einen Blogeintrag und sagte den Ausgang der Präsidentenwahl minutiös voraus. Jetzt ruft er zur Revolte gegen Donald Trump auf – und sieht ein Zeichen der Hoffnung.

          Eine Minute lang starrt Michael Moore in seine Handy-Kamera und schweigt. Seine Mundwinkel hängen herunter, er rümpft die Nase. Im Hintergrund eine Straße in New York City, einen Tag nach der Wahl; eine Amerika-Fahne hängt schlaff an einer Fahnenstange. Dann dreht er die Kamera und filmt den Demonstrationszug, der an ihm vorbei zieht. „Not my president“ rufen die überwiegend jungen Demonstranten und: „Fuck Donald Trump“. Moore setzt sich an die Spitze des Zugs und filmt weiter. Kommentarlos.

          Und Moore braucht den Ausgang der Wahl auch nicht mehr zu kommentieren. Er hat ihn vorausgesehen. Der linke Filmemacher und Oscar-Preisträger aus Michigan warnte schon seit Beginn des Vorwahlkampfs davor, dass Donald Trump eine echte Chance habe, Präsident zu werden.

          Fünf Gründe, warum Trump gewinnen wird

          Im Juli veröffentlichte Moore einen Blog-Eintrag, in dem er fünf Gründe nannte, warum Trump die Wahl gewinnen werde – obwohl die Umfragen das Gegenteil vorhersagten. „Ich habe schlechte Nachrichten für Euch“, schrieb er damals. „Donald J. Trump wird die Wahlen im November gewinnen. Dieser erbärmliche, ignorante, [...], Vollzeit-Soziopath  wird unser nächster Präsident.“ Seine Leser sollten sich schon mal daran gewöhnen, „Präsident Trump“ zu sagen – und das für die nächsten vier Jahre, so Moore.

          Sein 2016 erschienener Film „Michael Moore in Trumpland“ thematisierte das Leben und den polarisierenden Wahlkampf des Republikaners Donald Trump. Schon vor der Veröffentlichung des Films hatte er den Blogeintrag über Trumps Siegchancen geschrieben. Dieser wird jetzt in den sozialen Netzwerken tausendfach geteilt. Denn Moore analysiert darin genau, warum Hillary Clinton die Wahl nicht wie angenommen gewonnen hat – und das fünf Monate vor der eigentlichen Wahl am 8. November.

          1. Der Brexit des mittleren Westens

          In seinem ersten Punkt schrieb Moore, dass Trump seine Aufmerksamkeit auf die eigentlich demokratisch dominierten Staaten im Mittleren Westen lenken werde – Wisconsin, Michigan, Ohio und Pennsylvania, den „rust belt“, die Industrieregion Amerikas. Mit den Wahlmännerstimmen allein aus diesen Staaten könne Trump die Wahl gewinnen, sagte Moore voraus.

          Er verglich den „rust belt“ mit den Midlands in Großbritannien – kaputt, deprimiert, die Mittelklasse am Boden. Die einst blühende Industrie pleite oder nach China ausgelagert. Trump, der polternde Globalisierungs- und Freihandelsgegner, treffe hier auf fruchtbaren Boden für seine Anti-Establishment-Parolen – genau wie die Brexit-Befürworter in den britischen Midlands. Die Arbeiter wollen den Eliten eins auswischen, die ihren amerikanischen Traum zerstört haben, schrieb Moore. „Trump sei der Molotowcocktail, den sie auf die Eliten werfen können.“

          Mit der These sollte er Recht behalten. Donald Trump gewann in den vier Rust-Belt-Staaten. Dank der Stimmen der enttäuschten Arbeiter, die einst demokratisch wählten. Moore selbst stammt aus Flint, Michigan. Seine Dokumentarfilme beschäftigen sich auch mit der Massenarbeitslosigkeit in den ehemaligen Industriezentren des Mittleren Westens.

          2. Der wütende weiße Mann

          Gerade der „vom Aussterben bedrohte“ weiße Mann stimmt für Trump, schrieb Moore in seinem zweiten Punkt. „Sie haben das Gefühl, die Macht im Land verloren zu haben“. Die liberalen Veränderungen im Land machten ihnen Angst. Nach acht Jahren, in denen ein schwarzer Mann sie „herumschubste“, sei es jetzt die absolute Kränkung für sie, wenn als nächstes eine Frau zur Präsidentin gewählt werden würde. Der chauvinistische Trump werde ihre Wählerstimmen einsacken, prophezeite Moore.

          Auch hiermit behielt er Recht. Weiße Männer ohne College-Abschluss wählten zu 72 Prozent Trump.

          3. Das Hillary-Problem

          Und dann ist da noch Hillary Clinton. Diese unbeliebte Kandidatin, die ein Großteil der Wähler für nicht vertrauenswürdig und korrupt halten, schrieb Moore. „Die für nichts steht und außer für Positionen, die ihr Wählerstimmen bringen.“

          Moore hatte geschworen, Clinton niemals zu wählen – und seinen Schwur  dann doch gebrochen, um den „faschistischen Prototypen“ Donald Trump zu verhindern. Laut Moore würden zwar viele Menschen für Clinton stimmen, allerdings könne sich niemand für Hillary begeistern wie für Bernie Sanders oder Obama. Darauf käme es bei der Wahl aber an, schrieb Moore. „Wer die meisten Wähler in die Wahllokale zieht, gewinnt.“

          Stronger Together: Clinton und Sanders bei einem gemeinsamen Wahlkampfauftritt

          4. Depressive Sanders-Wähler

          Gerade junge Wähler hatten – wie Moore selbst – in den Vorwahlen für den linken Kandidaten Bernie Sanders gestimmt. Genau diese enttäuschten jungen Demokraten gehen laut Moore zwar wählen, sind aber nicht motiviert genug, noch andere zu überzeugen oder zehn Stunden am Tag Wahlkampf zu betreiben – im Gegensatz zu den motivierten Trump-Unterstützern.

          Viele „depressive“ Demokraten würden bei der Wahl zu Hause bleiben, sagte Moore. Damit behielt er zwar ebenfalls Recht, stellte aber auch keine neue Theorie auf. Im Vorfeld versuchte das Clinton-Lager genau diese enttäuschten Sanders-Unterstützer einzufangen, und auch Sanders half ihr dabei und machte für sie Wahlkampf. Am Ende stimmten deutlich weniger junge Leute für Clinton als noch für Obama.

          5. Donald Duck als Präsident

          In seiner letzten These beschrieb Moore den Geist der Protestwähler. Millionen Amerikaner würden für Trump stimmen, „einfach weil sie es können“, sagte er. In der Anonymität der Wahlkabine könne der Wähler alles tun. „Sie können einfach Micky Mouse oder Donald Duck in das Wahlfeld schreiben. Es gibt keine Regeln“, schrieb er. Die Wut auf das „kaputte politische System“ werde Millionen Amerikaner zur Protestwahl führen.

          Moore beschrieb das so: „Du stehst am Rand der Niagarafälle und überlegst kurz, wie es wäre zu springen.“ Viele Leute würden sich am Wahltag für Trump in die Fluten schmeißen, um zu sehen, was passiert.

          „Clinton hat eigentlich gewonnen“

          In seinen Dokumentarfilmen setzte Michael Moore sich immer wieder mit der amerikanischen Gesellschaft auseinander. In „Fahrenheit 9/11“ thematisierte er die Anschläge am 11. September und positionierte sich gegen die Regierung Bush. Für „Bowling for Columbine“, einen Film über Amokläufe und den amerikanischen Waffenkult, gewann er 2003 einen Oscar.

          Michael Moore nannte in seinem Blogeintrag zwar fünf Punkte, die sich mehr oder weniger als wahr herausstellten, sie lesen sich aber weniger als eine Prophezeiung, sondern mehr als finaler Aufruf, für Clinton zu stimmen und den „unausweichlichen“ Wahlausgang noch zu verhindern.

          Damit ist er gescheitert. Am Morgen nach der Wahl veröffentlichte Moore eine To-Do-Liste auf Facebook. Darin forderte er die demokratischen Kongressabgeordneten auf, alles zu bekämpfen und zu blockieren, was Trump vorhat. Im vierten Punkt seiner Liste sagte er: „Trumps Sieg war keine Überraschung, er war nie eine Witzfigur. Ihn so zu behandeln, hat ihn nur gestärkt.“ Am Ende stellte er fest: „Clinton hat die Mehrheitswahl gewonnen. Der Großteil der Amerikaner steht für liberale Werte, wir brauchen eine neue Führung, um das durchzusetzen – und wir müssen unser Wahlsystem aus dem 18.Jahrhundert abschaffen.“

          Michael Moore scheint keine Genugtuung über seine Vorhersage zu empfinden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die drei Männer des Bayern-Abends: Leon Goretza, Kingsley Coman und David Alaba (von links) standen im Mittelpunkt des Spiels.

          3:2 in Augsburg : Ein denkwürdiger Abend für den FC Bayern

          Ein geschichtsträchtiges Eigentor macht den Anfang, danach nimmt der Wahnsinn so richtig seinen Lauf: Der Fußball-Rekordmeister hat es bei den Schwaben lange schwer, auch weil der Gegner überraschend aufmüpfig ist.

          Nationaler Notstand : Donald Trump geht aufs Ganze

          Der amerikanische Präsident umgeht mit der Erklärung des nationalen Notstandes das Haushaltsrecht des Kongresses. Nicht nur die Demokraten sehen die Verfassung in Gefahr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.