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Merkel trifft Trump : Moral vs. Deal

Angela Merkel am 8. Februar 2015 nach der Landung in Washington, wo der G7-Gipfel stattfand Bild: dpa

Für Angela Merkel ist ihr Antrittsbesuch bei Donald Trump eine Gratwanderung. Viele in Deutschland erwarten, dass sie klare Worte zu Trumps chaotischer Politik findet. Aber kann – und will – sie das auch einlösen?

          Wenn Angela Merkel früher zu einem amerikanischen Präsidenten flog, dann reiste sie zu Freunden. Die waren ihr manchmal genehmer wie George W. Bush und manchmal fremder wie Barack Obama, aber Freunde blieben es, bei allen Unstimmigkeiten, immer.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Wenn sie an diesem Freitag in Washington zum ersten Mal auf Donald Trump trifft, kann sie sich dessen nicht mehr so sicher sein. Aus dem verlässlichen Partner ist ein unzuverlässiger Kantonist geworden, der gewachsenes Vertrauen durch Deals ersetzen will – wie soll man darauf reagieren? Für Merkel ist im Wahljahr aber eine andere Frage mindestens ebenso wichtig: Wie geht man mit einem erratischen Präsidenten um, der bei den Deutschen so unbeliebt ist wie kein anderer vor ihm, den man aber trotzdem braucht?

          Für Angela Merkel ist dieser Antrittsbesuch eine Gratwanderung. Viele Deutsche erwarten von ihr klare Worte gegenüber Trump, zur Pressefreiheit, zu seiner Geringschätzung für internationale Beziehungen, zu seinem umstrittenen Einreiseverbot. Die Kanzlerin müsse in Washington endlich glasklare Kante zeigen, fordern sie. Doch das kann Merkel als Kanzlerin im diplomatischen Korsett nur schwer, ohne einen Eklat mit dem zwar zunehmend schwierigen, aber dennoch weiter wichtigsten Verbündeten zu provozieren.

          Vor allem hat Deutschland handfeste außen- und wirtschaftspolitische Interessen in den Vereinigten Staaten, die eine allzu deutliche Kritik am Partner aus Merkels Sicht schwierig machen dürften. Für die deutsche Wirtschaft ist Amerika nach China und Frankreich noch immer der wichtigste Handelspartner, das zeigt schon die prominente Delegation von Siemens bis BMW, die Merkel nach Washington begleitet. Nicht nur die deutschen Autobauer, die am meisten unter Importzöllen für Einfuhren aus Mexiko leiden würden, sehen die Vereinigten Staaten als potenten Wachstumsmarkt. Auch außenpolitisch dürfte Merkel die Achse Berlin-Washington nicht durch allzu offene Kritik gefährden wollen; Deutschland und Europa brauchen die Vereinigten Staaten schon allein als treibende Kraft – und größten Nettozahler – in der Nato und noch immer als Schutzmacht des freien Westens.

          Doch Merkel ist eben längst nicht mehr „nur“ die deutsche Kanzlerin, sie fährt auch als wichtigste Vertreterin Europas nach Washington; manche behaupten sogar: als letzte Hoffnung des freien Westens gegen die Autokraten dieser Welt, wie in dieser Woche das amerikanische Magazin „Politico“ schrieb. Nicht nur in den Vereinigten Staaten wird sie durch ihre Erfahrung und ihr langjähriges Krisenmanagement von vielen auch als moralische Instanz gesehen, von der mehr erwartet wird als nur eine nüchterne Kosten-Nutzen-Abwägung.

          Im beginnenden Bundestagswahlkampf, in dem Merkel und die Union durch den Erfolg des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz plötzlich um ihren lange ungefährdeten Führungsanspruch bangen müssen, bedeutet diese moralische Erwartungshaltung für die Kanzlerin ein zusätzliches Dilemma. Schulz, der diese Aufgabenverteilung mit Sigmar Gabriel seit langem abgesprochen hat, kann Trump als Kanzlerkandidat ohne Regierungsamt hart angreifen und muss dabei selbst populistische Töne nicht scheuen – wohl wissend, dass das bei vielen Wählern derzeit gut ankommt.

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