https://www.faz.net/-gpf-8ltmy

Pressestimmen zum TV-Duell : Nur der „Telegraph“ lobt Trump

  • Aktualisiert am

Die Rivalen verlassen die Bühne: Hillary Clinton und Donald Trump nach dem ersten TV-Duell Bild: AFP

Vergebene Chancen, Faulheit, Selbstüberschätzung: Donald Trumps Auftritt im Duell hat die meisten Kommentatoren nicht überzeugt. Eine britische Zeitung macht die Ausnahme.

          „Trump und Clinton prallen aufeinander“, titelt die britische Rundfunkanstalt BBC. Die beiden Kandidaten hätten sich eine erbitterte Debatte über die Themen Arbeitsplätze, Terrorismus und Rassendiskriminierung geliefert. Die Angriffe seien persönlich geworden, als Trump seiner Rivalin vorgeworfen habe, nicht die notwendigen charakterlichen Voraussetzungen zu haben, um Präsidentin zu werden. Clinton habe den republikanischen Kandidaten ihrerseits mit der Frage noch seinem Steuerbescheid „gequält“. Insgesamt habe Clinton in der Debatte die Oberhand behalten, auch wenn sie gelegentlich zur Besserwisserei geneigt habe.

          Für die britische Zeitung „The Telegraph“ hat Donald Trump das Fernsehduell gewonnen – allerdings nur, wenn man seinen Auftritt an den Maßstäben des Reality-TV messe. Trump habe während der Debatte die Rolle gespielt, die er perfekt beherrsche: den Boss. Er habe während des Duells all das gesagt, was alle Clinton-Hasser schon „dreißig Jahre lang hören wollen“. Und Clinton habe ihn einfach machen lassen: „Sie stand lächelnd da, als ob sie über allem stünde.“ Auch wenn sie dadurch möglicherweise präsidialer gewirkt habe als Trump, habe sie gleichzeitig „alle Macken ihres Liberalismus zur Schau gestellt“, durch die sie in den vergangenen Jahren viel Unterstützung unter Arbeitern verloren habe.

          Die französische Zeitung „Le Monde“ erklärt hingegen Clinton zur Gewinnerin der Debatte. Für sie habe angesichts schlechter Umfragewerte mehr auf dem Spiel gestanden als für ihren Rivalen Trump. Doch sein Versuch, sich selbst als Outsider und sie als Vertreterin des politischen Establishments zu inszenieren, sei nicht aufgegangen. Er sei mit seinen Redebeiträgen „mehr und mehr ins Schwimmen geraten“ und habe sich selbst um die Gelegenheit betrogen, Clinton ausführlich auf ihre E-Mail-Affäre anzusprechen - ein Thema, das in der Debatte „mit drei Sätzen abgehandelt“ worden sei.

          Eine „schonungslos feindliche Debatte“ hätten sich Hillary Clinton und Donald Trump geliefert, schreibt die „New York Times“. In deren Verlauf habe sich Clinton gewandelt: Sie sei zunächst „unsicher und zaghaft“ gewesen, habe dann aber „entschieden und am Ende sogar beißend“ auf Trumps Attacken reagiert. Trump wiederum habe Clinton mit einem „Wirbelsturm an verdrehten Fakten, höhnischen Unterbrechungen und großmäuligen Allgemeinplätzen“ konfrontiert. Im Verlauf der Debatte habe Clinton aber „zunehmend gelernt, wie sie Herrn Trump gegenübertreten und ihn spontan bezwingen“ könne.

          Trump in der Defensive

          Die „Washington Post“ beurteilt das Fernsehduell so: Clinton habe es geschafft, Trump „mit ihren Hieben in die Defensive zu drängen“– auch weil Trump es gewagt habe, „unvorbereitet zu einem auf der ganzen Welt übertragenen Vorstellungsgespräch zu erscheinen“. Der republikanische Kandidat habe Clinton in der Debatte zwar für alle „chronischen Problemen des Landes“ verantwortlich gemacht, doch sie habe seine Anschuldigungen erfolgreich abgewehrt, indem sie ihn mit seinem rassistischen Verhalten und der Verheimlichung seiner Interessenskonflikte konfrontiert habe. Der Kandidat der Republikaner habe in der Debatte zwei Versionen seines Ichs gezeigt: Zu Beginn des Gesprächs sei er beherrscht gewesen und habe sogar in einigen Punkten Übereinstimmung mit Clinton signalisiert. Dann sei „seine Besonnenheit aber dahingeschmolzen“, und er habe begonnen, Clinton anzuschreien. In einer „Serie kampfeslustiger, scharfer Wortwechsel“ hätten beide versucht, „den anderen zu diskreditieren“. Dabei sei es ihnen gelungen, mit ihrem Auftreten „ihre wichtigsten Unterstützer zufriedenzustellen“.

          Für die italienische Zeitung „Il Corriere della Sera“ ist es Clinton in der Debatte gelungen, die „Agenda zu bestimmen“. Trump habe im Gespräch weniger subversiv gewirkt, als man es von ihm gewohnt sei. Er habe gleich zu Beginn signalisiert, auf Schläge unter die Gürtellinie verzichten zu wollen, obwohl ihn gerade diese Eigenschaft erst zum Präsidentschaftskandidaten gemacht habe. Clinton habe sich im Verlauf der Debatte skrupelloser gezeigt als von ihr erwartet. Außerdem sei es ihr gelungen, mit ihrer außenpolitischen Erfahrung zu punkten – allerdings ohne zu erklären, wie sie es schaffen wolle, Veränderungen herbeizuführen und gleichzeitig der Linie Obamas treu zu bleiben.

          „Clinton und Trump geraten in der ersten Debatte im Präsidentschaftswahlkampf über ihre Vergangenheit und ihre Pläne heftig aneinander“ titelt die „Los Angeles Times“. Die Rivalen hätten dabei „ihre tiefe gegenseitige Abneigung gezeigt“. Von Beginn an sei die Debatte „asymmetrischer Natur“ gewesen, da Clinton eine viel erfahrenere Rednerin sei. Seinen Frust darüber habe Trump nur damit kompensieren können, dass er „unbedachte Bemerkungen machte“ oder den Moderator um mehr Redezeit bat.

          Für die „New York Post“ war Trumps Auftritt ein „Schlag ins Gesicht seiner Unterstützer“, und zwar wegen seiner „Inkompetenz in der Debatte“. Clinton sei „langweilig, aber außerordentlich gut vorbereitet gewesen“, Trump zwar aufregend, aber „erbärmlich undiszipliniert“. Durch seine „Selbstüberschätzung und Faulheit“ habe er sich dazu hinreißen lassen, die Kontrolle über die folgenden „95 entscheidenden Minuten“ seines Lebens abzugeben. Clinton habe diese Fahrlässigkeit auszunutzen gewusst.

          Auch die amerikanische Nachrichten- und Meinungswebsite „The Daily Beast“ stellt Trump ein schlechtes Zeugnis aus. Sie titelte: „Auf seiner bisher größten Bühne bleibt Donald Trump klein“. Er habe sich als eine „zufällige Mischung aus Vorwahl-Trump, Wahlkampf-Trump und Twitter-Trump“ präsentiert.

          Selbst der als konservativ bekannte Fernsehsender „Fox News“ kommentiert auf seiner Internetseite: „Hillary gewann die erste Debatte (es hilft, vorbereitet zu sein)“. Obwohl das erste Drittel des Gesprächs „für die Trump-Kampagne einem Traum geglichen“ habe, habe der republikanische Kandidat gute Gelegenheiten verpasst und sich von Clintons guter Vorbereitung ausstechen lassen. Nach der Debatte sei klar gewesen, warum Clinton „in jeder Umfrage zu Qualifikationen, Erfahrung und Temperament“ vorn liege.

          Der arabische Nachrichtensender „Al Jazeera“ erklärt, Trump habe von Anfang an versucht, „das Bild eines nicht funktionierenden Amerikas zu zeichnen“, für das Politiker wie Hillary Clinton verantwortlich seien. Auf diese These habe Trump seine ganze Angriffslinie aufgebaut, auch weil er wisse, dass viele Amerikaner diese Ansicht teilten. Clinton sei es hingegen gelungen, Trumps „berühmte Dünnhäutigkeit“ auszunutzen, indem sie immer wieder auf seine Finanzen und seine Geschäftspraxis zurückgekommen sei.

          Weitere Themen

          In zwei Fliegern nach Amerika Video-Seite öffnen

          Kritik an Bundesregierung : In zwei Fliegern nach Amerika

          Bundskanzlerin Angela Merkel und Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer fliegen fast zeitgleich an die Ostküste der Vereinigten Staaten. Sie nutzen dabei jedoch zwei getrennte Flugzeuge.

          Trumps zwielichtiges Telefonat

          Vorwürfe im Vorwahlkampf : Trumps zwielichtiges Telefonat

          Donald Trump soll den ukrainischen Präsidenten aufgefordert haben, Ermittlungen gegen den Sohn seines möglichen Konkurrenten Joe Biden anzuschieben. Ging es auch um die Erpressung mit amerikanischen Finanzhilfen?

          Topmeldungen

          An der Seite von Olaf Scholz: Die Brandenburger SPD-Politikerin Klara Geywitz bewirbt sich mit dem Finanzminister um den SPD-Vorsitz.

          Kritik an Geywitz : SPD-Harmonie mit Rissen

          Mit der ungewohnten Einigkeit, die die SPD derzeit ausstrahlt, ist es schon wieder vorbei. Kandidatin Geywitz wird heftig kritisiert. Getroffen werden soll aber eigentlich ein anderer.
          Heute ein Sieger: Sebastian Vettel

          Formel 1 in Singapur : Feuerwerk für Vettel

          Sebastian Vettel triumphiert bereits zum fünften Mal in Singapur. Er leistet sich keine Fehler, hat aber auch Glück: Das Team verrechnet sich bei Shootingstar Leclerc.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.