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Kongresswahlen : Das erste Mal

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Es werden so viele Jungwähler wie noch nie erwartet: Besonders die Diskussion über Waffengesetze mobilisiert viele Jugendliche in Amerika. Bild: dpa

Ihnen gehört die Zukunft: Bei den Kongresswahlen in den Vereinigten Staaten stimmen am Dienstag Millionen von Jugendlichen ab. Was denkt der Nachwuchs über die politische Lage im Land? Zwei Erstwähler erzählen.

          5 Min.

          Es ist Freitagabend, vier Tage von den Midterms. Der 18 Jahre alte Quentin Brown sagt einen Satz, der eigentlich jeden Politiker in den Vereinigten Staaten aufhorchen lassen sollte: „Ich kann mir schon vorstellen, für die eine wie die andere Seite abzustimmen, aber unter diesen Umständen scheint es mir eher unwahrscheinlich, dass ich die Republikaner wählen werde.“

          Quentin wohnt bei seinen Eltern in Silver Spring im Bundesstaat Maryland. Er geht auf eine private High School im Nachbarort, nächstes Jahr will er studieren. Die Hausaufgaben von heute schiebt er erst einmal auf. Dafür bleibt am Wochenende genug Zeit. Er erzählt, dass er vor ein paar Tagen die Wahlunterlagen bekommen hat. Er ist aber noch nicht dazu gekommen, sich genau darüber zu informieren, wer am Dienstag bei den Kongresswahlen alles in seinem lokalen Bezirk auf dem Wahlzettel steht. Zu viel Hausaufgaben. Schule hat erst einmal Priorität vor Politik.

          Amerika geht wählen an diesem ersten Dienstag im November, fast genau zwei Jahre nach der Präsidentschaftswahl, die Donald Trump wider Erwarten für sich entscheiden konnte. In den Midterms, den sogenannten Zwischenwahlen, wird das Repräsentantenhaus sowie ein Drittel des Senats neu gewählt. Noch halten die Republikaner die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses. Die Midterms haben traditionell eine geringe Wahlbeteiligung. Wer diese Wahl gewinnen will, muss dafür sorgen, dass seine Anhänger an die Urnen gehen.

          Kongresswahlen interessiert mehr Jugendliche als je zuvor

          Quentin wird am Dienstag in jedem Fall abstimmen, das hat er sich fest vorgenommen. An seiner Schule hat er sogar ein paar Freunde animiert, es ihm gleichzutun. „Ein paar haben mich gefragt, warum diese Wahl so wichtig ist“, sagt er auf die Frage, ob er mit Freunden auch mal über Politik spricht. „Andere wollten wissen, ob ich wählen gehen werde. Ich habe ein paar von ihnen erklärt, wer die Mehrheit im Kongress hat.“

          In einer Umfrage aus dem Juli diesen Jahres waren nur 28 Prozent der wahlberechtigten Amerikaner im Alter von 18 bis 29 Jahren „absolut sicher“, dass sie am 6. November wählen gehen werden. Am vergangenen Wochenende wurden neue Zahlen veröffentlicht, die dafür sprechen, dass junge Wähler sich so sehr für die Midterms interessieren wie selten zuvor: In einigen Bundesstaaten kann man bereits vorab wählen gehen und so gaben beispielsweise in Texas bereits 332.000 Jugendliche zwischen 18 und 29 Jahren ihre Stimme ab, fünfmal mehr als bei den Midterms 2014. In Nevada wurden die Zahlen im Vergleich zu den vergangenen Midterms ebenfalls um das Fünffache übertroffen.

          Vorab gewählt hat auch Sydney Smith. Die 18-Jährige hat vor ein paar Wochen an der Brown University, einer von Amerikas ältesten Universitäten, angefangen zu studieren. Sie ist wie Quentin in Maryland registriert, wo ihre Familie lebt. Da sie aber im Bundesstaat Rhode Island zur Uni geht, hat sie per Briefwahl abgestimmt – und zwar komplett für die Kandidaten der Demokraten auf dem Wahlzettel. „Das war gar nicht meine Absicht, es hat sich schlicht so ergeben“, erzählt sie ein paar Tage vor der Wahl. „Ich habe es tatsächlich daran festgemacht, wen ich für den besten Kandidaten für das jeweilige Amt hielt.“ In Maryland wird unter anderem auch der Gouverneur gewählt. Sydney hat kurz mit Larry Hogan geliebäugelt, dann aber doch für den Gegenkandidaten der Demokraten gestimmt. Seit 1988 wählt Maryland verlässlich den Demokratischen Kandidaten im Präsidentschaftsrennen. Der beliebte Hogan ist in dieser relativen Demokraten-Hochburg als Republikaner eine eher seltene Ausnahme. 

          Politik ist allgegenwärtig für Sydney und Quentin

          Sydney hat mit ihren Eltern darüber gesprochen, was bei den Wahlen auf dem Spiel steht. Die haben ihr geraten, genau zu schauen, welche Anliegen für Maryland wichtig sind und trotzdem nicht außer Acht zu lassen, was in Washington vor sich geht. „Meine Eltern haben mich immer dazu gedrängt, selbständig zu denken.“ Das erste Mal habe sie sich 2008 ernsthaft mit Politik beschäftigt, sagt Sydney, obwohl sie zu dem Zeitpunkt erst acht Jahre alt war.

          „Mein Vater ist schwarz, meine Mutter ist weiß, und als 2008 dann mit Barack Obama der erste schwarze Präsidentschaftskandidat zur Wahl stand, war das eine riesige Sache für mich. Ich bin nachts aufgeblieben, um die Ergebnisse der Vorwahlen zu verfolgen. Ich habe mir sogar die Debatten angeschaut“, sagt sie und lacht. Selbst für Erwachsene ist diese Kandidatenkür nicht immer der zuverlässigste Pulsbeschleuniger.

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