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Junge Wähler bei den Midterms : Wie die blaue Welle zur sanften Woge wurde

  • -Aktualisiert am

Bild: Reuters

Viele junge Demokraten haben mit großem Optimismus gewählt. Doch am Abend folgt die Ernüchterung. Vor allem in drei Bundesstaaten sind ihre Hoffnungen zerplatzt.

          Seit sie 18 sei, habe sie immer gewählt, sagt Jennifer Cody, die jetzt 26 Jahre alt ist und auf dem Sprung — die Arbeit ruft. Auf ihrer dunklen Jacke prangt der Sticker, den die Amerikaner in den Wahlkabinen im ganzen Land als Belohnung, oder vielleicht eher als Trophäe, angeklebt bekommen: „I voted“ – ich habe gewählt. Es ist ein Fest der Demokratie. Cody wählt zwar an diesem Dienstag nicht zum ersten Mal, „aber jetzt, mit allem, was um Trump los ist, und den Republikanern, die Sache mit Kavanaugh, war ich noch aufgeregter als sonst“.

          Es war Optimismus, wenn auch vorsichtiger, der nicht nur Jennifer Cody, sondern auch den anderen jungen Wählern im New Yorker Stadtteil Bedford-Stuyvesant morgens nach dem Gang in die Wahlkabine ins Gesicht geschrieben stand. Sie sagten etwa: „In der heutigen Zeit kann es sich niemand leisten, zuhause zu bleiben, nicht bei all dem, was los ist.“ Und: „Bei Donald Trump dreht sich mir der Magen um.“  Oder: „Meine Freunde, die nicht wählen, werde ich meiden, so einfach ist das.“ Alle glauben, dass die Demokraten eine Chance auf die Mehrheit im Repräsentantenhaus haben, erst recht, nachdem Präsident Trump Brett Kavanaugh trotz Vorwürfen von sexueller Belästigung in den Obersten Gerichtshof gehoben hat und den Begriff „transgender“ de facto aus dem Wörterbuch mehrerer Regierungsbehörden streichen will.

          Problemstaaten Florida, Georgia, Texas

          In Bedford-Stuyvesant, im Herzen Brooklyns, geht das so nicht. Hier ist eine Transgender-Bar direkt an der Ecke einer der meistfrequentierten Metro-Stationen. Nicht weit davon entfernt prangert ein riesiges Graffito an einer Supermarktwand aufs Schärfste Männer an, die Frauen hinterher pfeifen. Die demokratische Sozialistin Julia Salazar aus dem linken Spektrum der Partei hat hier vor einigen Wochen bereits die Vorwahl und am Dienstag nun endgültig ihren Senatssitz für den Bundesstaat New York gewonnen. Sie wurde gefeiert wie eine Heldin. Kurz davor hatte Alexandria Ocasio-Cortez, ebenfalls eine Linke, nur ein wenig weiter nördlich, in Queens, in einem Überraschungssieg in der Vorwahl der Demokraten gegen den Kandidaten des Establishments Joe Crowley gewonnen und damit international Schlagzeilen gemacht. Am Dienstag wurde sie zur jüngsten Abgeordneten im Repräsentantenhaus gewählt.

          Madeleine Dean und ihre Anhänger haben allen Grund zum Feiern: Die Demokratin gewinnt im 4. Kongresswahlbezirk von Pennsylvania. Bilderstrecke

          Die beiden Siege reihen sich ein in eine Kette von Erfolgen, die die Demokraten in den amerikanischen Zwischenwahlen für sich verbuchen konnten. Doch die Freude der jungen Wähler blieb verhalten. Zwar konnten die Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus erringen, doch der Anti-Trump-Tsunami blieb aus, im Senat legten die Republikaner deutlich zu. Und auch weitere wichtige Wahlen, die viele Erstwähler genau verfolgten, haben die Demokraten verloren.

          Etwa die Gouverneurswahl in Florida, wo Andrew Gillum auf den Posten des Regierungschefs gehofft hatte. Auch in Georgia steht die demokratische Kandidatin Stacey Abrams vor einer Niederlage. Auch sie hatte den republikanischen Amtsinhaber mit einem progressiven Programm aus dem Amt jagen und damit zeigen wollen, dass mit einer Politik, die sich nicht auf die moderate Parteilinie der Demokraten stützt, sowohl junge Wähler als auch Arbeiter, die 2016 noch mehrheitlich Trump wählten, überzeugt werden können.

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