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Kongresswahlen in Amerika : Texanische Träume

  • -Aktualisiert am

Enthusiasmus an der Basis

In Texas stimmt, was viele Beobachter über die Demokraten sagen: Auch wenn der Reform- und Programmprozess an der Spitze nicht so recht in Gang kommen will, die Basis ist durch die Trump-Präsidentschaft enthusiastisch wie selten. „Wir hatten nie zuvor dieses Level von Dringlichkeit, dieses Maß an Motivation“, sagte O’Rourke in einem Interview über die demokratischen Wahlkämpfer. Harold Cook, Strategieberater in Austin, schreibt dem Charisma des Kandidaten allerdings einen großen Anteil daran zu: „Ich habe die Reaktionen, die Beto O’Rourke bekommt, sehr lange nicht mehr gesehen. Er hat diese Star-Power, die man nicht vorhersagen kann.“

Demgegenüber sieht manch einer den Stern von Ted Cruz sinken. Die gescheiterte Bewerbung als Präsidentschaftskandidat hänge ihm noch nach und Verlierer mag manch einer hier nicht so gern, sagen seine Kritiker. Als solcher will Cruz natürlich nicht gelten und inszeniert bei seinen Wahlkampfauftritten in alt bekannter Manier Stärke: „Tough wie Texas“ heißt sein Kampagnenslogan – auch eine Anspielung auf die Herausforderungen der vergangenen Wirbelstürme im Staate und die Resilienz seiner Bürger.

Seinen Konkurrenten porträtiert Cruz gern als Kandidaten der Linken. „Wir sehen im ganzen Land, dass die äußerste Linke Millionen Dollar für liberale Kandidaten ausgibt – das unterstreicht, dass die Republikaner den November nicht für entschieden halten dürfen“, sagte er im Hinblick auf die Abstimmung im Herbst.

Cruz rückt an Trump heran

Cruz war, als er 2012 in den Senat einzog, der Kandidat der „Tea Party“, also der rechten Konservativen in der republikanischen Partei. Bei ihnen ist er auch nach wie vor beliebt. Zu seinem ehemaligen Konkurrenten Donald Trump, der ihn einst „Lyin‘ Ted“, also den „lügenden Ted“ nannte, pflegte Cruz bislang eine herzliche Feindschaft. Aber nun rückt er auf Wahlkampfveranstaltungen näher an den Präsidenten heran. Dessen Bilanz sei beeindruckend, sagte Cruz kürzlich und unterstützte Trumps Vorschlag, Lehrer zu bewaffnen. Für den Präsidenten wäre es wiederum auch eine Niederlage, wenn der Senator seinen Job verlieren sollte – nicht nur wegen des Stimmverhältnisses in der Kammer, sondern auch, weil er viele Texaner mit seiner restriktiven Einwanderungspolitik bislang hinter sich wusste.

Am Ende könnte es Ted Cruz helfen, dass ihn die meisten Texaner kennen. Politikwissenschaftler sind skeptisch, ob Beto O’Rourke bekannt genug ist – und zwar in Texas und nicht bei den Verfassern der Kennedy-Vergleiche an der Ostküste. O‘Rourke hat zwar fast alle Bezirke im Bundesstaat besucht, bei den demokratischen Vorwahlen musste er mancherorts aber auch Niederlagen einstecken. Beto, wie er nur genannt wird, streamt zwar einen großen Teil seines Tages regelmäßig live auf Facebook – aber dort erreicht er vor allem die Gruppe junger Wähler, bei denen er ohnehin hohe Zustimmungsraten hat.

Die texanischen Demokraten hoffen unterdessen nicht nur für den Senat, sondern auch für das Repräsentantenhaus auf eine Trendwende. Gina Ortiz Jones etwa, eine 37 Jahre alte Air-Force-Veteranin, die im Irak an Aufklärungsmissionen teilnahm, gilt als aussichtsreiche Kandidatin für das Abgeordnetenhaus. Sie wird vom PAC „Serve America“ unterstützt, das auch Wahlkampf für Conor Lamb in Pennsylvania machte und versucht, durch die Förderung von Veteranen als Kandidaten Wähler in „swing states“ anzusprechen.

Der Optimismus der Demokraten könnte also kaum größer sein – zu den Wahlkampfveranstaltungen kommen Tausende, Beto O’Rourke und die anderen Kandidaten werden gefeiert wie Stars. Doch die Parteistrategen täuschten sich in Texas schon mehrfach, als sie glaubten, Liberale und Linke in den Städten könnten gemeinsam mit ärmeren Leuten auf dem Land und demokratisch gesinnten, jüngeren Nachfahren von Einwanderern eine Mehrheit bilden. Erst scheiterte Wendy Davis 2014 bei ihrem Versuch, Gouverneurin zu werden und dann verlor Hillary Clinton 2016 auch in Texas gegen Donald Trump. Den Demokraten war es nicht gelungen, ihre potentiellen Wähler auch zu überzeugen und an die Wahlurnen zu bringen – jetzt hoffen sie, dass Beto O’Rourke den Traum wahr machen kann.

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