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Kongresswahlen in Amerika : So läuft das Kopf-an-Kopf-Rennen in Virginia

  • -Aktualisiert am

Die Demokratin Abigail Spanberger will in den Kongress. Bild: EPA

Virginias siebter Distrikt wählt eigentlich republikanisch – aber dieses Jahr liefern sich zwei Kandidaten einen harten Kampf. Die demokratische Bewerberin Abigail Spanberger wird von Hunderten Freiwilligen unterstützt.

          3 Min.

          Wer in den Vereinigten Staaten von Orange County spricht, kann mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass sein Gegenüber an Kalifornien denkt. An weiße Strände und Surfer, die auf den Wellen des Pazifik reiten. Dabei gibt es noch andere Counties, also Bezirke, dieses Namens. Einer davon liegt mitten in Virginia. Orange County profitiert seit Jahrzehnten von der Nähe zu Washington D.C. Der Verwaltungssitz des Bezirks in der Stadt Orange – benannt nach dem englischen König Wilhelm von Oranien – liegt nur rund 150 Kilometer südwestlich der Hauptstadt. Seit Jahrzehnten wächst die Bevölkerungszahl des Bezirks und der Stadt, und damit steigen die Steuereinnahmen.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Orange liegt im siebten Kongress-Bezirk des Bundesstaats und ist vor den Kongresswahlen heiß umkämpft. Abigail Spanberger, die demokratische Herausforderin, liegt in den Umfragen gleichauf mit dem republikanischen Inhaber des Sitzes im Repräsentantenhaus. Das überrascht angesichts der Tatsache, dass der Distrikt eigentlich tiefrot ist – die Analytiker vom Cook Political Report bezeichnen ihn als „R+6“, das heißt: Die Wähler dort sind wesentlich republikanischer eingestellt als der Rest der Nation. Allein dass Spanberger dies geschafft hat, ist schon eine Errungenschaft. Und wie immer, wenn es Zeichen gibt, dass ein Kandidat besser abschneiden könnte, als ihm vorher zugetraut wurde, bekommt er Unterstützung aus Ecken, von denen er es wahrscheinlich nicht erwartet hätte.

          Moderate Töne in tiefroten Gebieten

          So war es auch am vergangenen Wochenende, an dem in Orange Anhänger der Demokraten durch die Straßen gingen, an Türen klopften und versuchten, die Leute, mit denen sie geredet haben, zum Wählen – natürlich demokratisch – zu bewegen. Joe Freeland erzählt, dass am Samstag allein 190 Freiwillige da gewesen seien und am Sonntag noch einmal gut 150. Normalerweise sei es schon gut, wenn 25 kämen. Der 73 Jahre alte Pensionär erzählt, dass vor allem jungen Leute eine Liste bekämen, die sie dann abarbeiten sollten. Diese basiert auf Gesprächen, die unter anderem er seit Juni geführt hat. Darin sind die Wähler verzeichnet, die schon vor Wochen und Monaten gesagt hatten, dass sie eventuell demokratisch wählen wollten. Nun gehe es darum, die Menschen auch wirklich an die Wahlurne zu bringen, sagt Freeland. Denn die Wahlbeteiligung sei der Schlüssel zum Erfolg. Wenn diese hoch sei, habe Spanberger eine echte Chance zu gewinnen.

          Republikanischer Amtsinhaber Dave Brat (Archivbild)

          Dass es überhaupt so weit gekommen ist, hat sich der Abgeordnete Dave Brat, Spanbergers republikanischer Kontrahent, auch selbst zuzuschreiben. Er war 2014 als Tea-Party-Abgeordneter in den Kongress gewählt worden und ist seit dem Abebben der Tea-Party-Welle Mitglied des rechten Freedom Caucus, der dem republikanischen Sprecher des Repräsentantenhauses Paul Ryan oft das Leben schwer machte. Brat ist zwar ein Anhänger des Präsidenten, hat in den vergangenen Jahren aber immer wieder gegen das Partei-Establishment geschossen – und genau diese Funktionäre sollten nun zu seiner Rettung eilen.

          Inhaltlich geben sich in ihrem Wahlkampf beide Kandidaten moderat. Brat präsentiert sich als Anhänger Trumps, der aber vor allem die Situation der „normalen Amerikaner“ verbessern will. Spanberger wiederum zeigt sich als Demokratin, die aber bestimmte Ziele des Präsidenten, etwa die Grenzsicherung, durchaus unterstützt. Spanberger ist, wie auch Richard Ojeda in West Virginia, damit Teil jener Demokraten, die versuchen, durch moderate Töne in tiefroten Gebieten auch für Republikaner wählbar zu werden, denen Trump zuwider ist, oder die einfach die Kontrollinstanz im Kongress stärken wollen.

          Joe Freeland war früher auch mal ein Republikaner, erzählt er. Das habe vor allem daran gelegen, dass er in der Rüstungsindustrie gearbeitet habe. Die Republikaner hätten immer dafür gesorgt, dass dieser die Aufträge nicht ausgingen. Doch je älter er geworden sei, desto mehr Gedanken habe er sich über das Wohlergehen anderer Menschen gemacht, und nun habe er das Gefühl, dass jenes den Demokraten eher am Herzen liege als den Republikanern. 2016 sei für ihn ein Schlüsselerlebnis gewesen. Seit der Wahl Trumps engagiere er sich politisch und hoffe nun, dass Spanberger gewinne, damit in Washington endlich mal wieder etwas voran gehe. Die Chancen dafür sieht er bei 50 zu 50.

          Elizabeth Leader und Ellen Wieser (v.l.) kommen zwar nicht aus dem Orange County, helfen aber Abigail Spanberger in ihrem Kampf um einen Sitz im Repräsentantenhaus.

          Ein gutes Gefühl, was den Wahlausgang betrifft, haben Ellen Wieser und Elizabeth Leader. Die beiden Freundinnen sind zwei Stunden mit dem Auto angereist, um Spanberger zum Sieg zu verhelfen. In Maryland, wo Wieser wohnt, gebe es kein so enges Rennen, und Washington D.C., der Wohnsitz Leaders, hat gar keine Abgeordneten im Kongress. Deshalb seien sie nach Orange gekommen, um etwas zu tun. Sie erzählen, dass sie sich von Trumps Politik und dem politischen Kurs abgestoßen fühlten.

          Nicht nur wie Trump mit Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus umgehe, sondern auch das Bild, das dessen Präsidentschaft international abgebe, bereite ihnen Sorge. Für sie ist Trump ein „Narzisst, der nicht weiter als bis zu seiner eigenen Nasenspitze denkt“. Die Probleme der „normalen Amerikaner“ interessierten ihn nicht, sind sie überzeugt. Trump wisse zwar, was er anrichte, wenn er den Menschen die Gesundheitsfürsorge wegnehme, doch sei ihm das egal. Die beiden haben sich in Rage geredet. Doch angesichts der Tatsache, dass sie stundenlang unterwegs gewesen sind und noch einen langen Weg vor sich haben, wollen sie jetzt eigentlich nur noch eines: nach Hause.

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