https://www.faz.net/-gpf-8y99r

Kommentar : Trump, der Fremde

Doch stattdessen setzte er fort, was er im Wahlkampf begonnen hatte. Trump redet nicht über Solidarität, sondern über Geld. Diesmal fabulierte er über „enorme Summen“, welche die Verbündeten seinem Land angeblich noch schulden. Gönnerhaft fügte er hinzu, er frage ja gar nicht danach, was das Hauptquartier gekostet habe. Trumps Minister hatten sich in den vergangenen Monaten zur kollektiven Verteidigung bekannt. Vom Präsidenten gibt es bislang kein solches öffentliches Bekenntnis. Es muss Wladimir Putin in Moskau deshalb großen Spaß gemacht haben, diese Rede zu hören. Wenn der Anführer der Nato so spricht, muss sich Russland wirklich keine Sorgen machen. Ja, es darf sich sogar ermutigt fühlen, weiter Nato-Staaten zu destabilisieren – kurzer Blick in die Verteidigungsausgaben genügt.

Natürlich hat Amerika jedes Recht, von den anderen Staaten zu verlangen, dass sie mehr für die gemeinsame Sicherheit tun. Das hat auch Obama getan. Bei der Nato ist noch gut die Brandrede in Erinnerung, mit der sich sein erster Verteidigungsminister Gates 2011 von der Allianz verabschiedete. Damals waren die Verteidigungsbudgets im freien Fall, der deutsche Verteidigungsminister zu Guttenberg brüstete sich mit Rekordeinsparungen, von denen sich die Bundeswehr bis heute nicht erholt hat. Wenn das so weitergehe, warnte Gates, würden irgendwann amerikanische Politiker an die Macht kommen, die nicht von der Nato geprägt worden seien und denen dieses Investment zu teuer werde. Trump ist genau dieser Typ, obwohl er mit seinen siebzig Jahren genug vom Kalten Krieg mitbekommen haben müsste.

Nur: Es ist eben nicht so weitergegangen wie seinerzeit befürchtet. Die Nato-Staaten haben ihre Verteidigungshaushalte stabilisiert, sie investieren wieder, nicht alle gleichermaßen, aber doch so, dass der Nato-Generalsekretär zu Recht von einer Trendwende spricht. Deutschland zum Beispiel steht gar nicht schlecht da: Seit 2014 ist der Verteidigungsetat um stattliche 13 Prozent gestiegen. Weil zugleich aber auch die Wirtschaft kräftig wuchs, bleibt das Zwei-Prozent-Ziel der Nato in weiter Ferne – es wird relativ zum Bruttoinlandsprodukt gemessen. Umgekehrt erscheint Griechenland in der Statistik als Musterknabe; es gehört zu den fünf Staaten, die das Ziel erfüllen. Doch gibt es für sein Militär tatsächlich vierzig Prozent weniger aus als 2009, die Folge der geschrumpften Wirtschaftsleistung. Kein Vorbild für die anderen.

Die Trendumkehr bei den europäischen Verteidigungsausgaben hängt mit dem Krim-Schock zusammen. Seitdem ist Russland zurück in den Fokus der Allianz gerückt, die Mitglieder an der östlichen Flanke fühlen sich in ihrer Souveränität bedroht, und diesmal ist das nicht bloß Paranoia. Mitglieder wie Deutschland und Frankreich haben schon erfahren, wie es ist, wenn Moskau seine Cybertruppen in Marsch setzt. Für Amerika gilt das natürlich erst recht – aber genau das ist der wunde Punkt Trumps.

Er selbst, sein Schwiegersohn Jared Kushner und engste Mitarbeiter im Wahlkampf stehen im Verdacht, mit dem Kreml kollaboriert zu haben. Das raubt seiner Forderung nach mehr Geld die moralische Autorität.

Thomas Gutschker

Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

Folgen:

Weitere Themen

Topmeldungen

Buttigieg in Iowa vorn : Suche nach der Mitte

Pete Buttigieg liegt in den Umfragen zur demokratischen Vorwahl in Iowa erstmals vorn. Ist er der Hoffnungsträger für die Zentristen oder nur der Aufreger des Monats? In jedem Fall verfügt er über ein gut gefülltes Konto.
Logik ist sein zweiter Vorname: Youtuber Rezo

Journalismus im Wandel : Die Logik, das bin ich

Das Deutschlandradio fragt auf einer Tagung, ob Journalisten aus der Öffentlichkeit verdrängt werden. Wie das geschieht, zeigt der Auftritt eines präpotenten Influencers.
ÖVP-Vorsitzender Sebastian Kurz (r.) Ende Oktober bei der konstituierenden SItzung des österreichischen Parlaments in Wien mit seinem früheren Innenminister Herbert Kickl (M.) und ÖVP-Chef Norbert Hofer

Casino-Affäre : Der lange Schatten der alten Koalition

Nach der FPÖ gerät in Österreich nun auch die ÖVP in Bedrängnis. In der sogenannten Casino-Affäre ermittelt die Staatsanwaltschaft inzwischen wegen Korruption und Untreue gegen den ehemaligen Innenminister.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.