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Karl-Theodor zu Guttenberg : „Trump hat Blut geleckt“

Guttenberg: „Mein Bauchgefühl sagt mir, dass Hillary Clinton die Wahl eigentlich gewinnen muss“ Bild: Jens Gyarmaty

Auch eine Präsidentin Hillary Clinton wird Amerikas Spaltung kaum überwinden können, sagt der frühere Wirtschafts- und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg im Gespräch mit FAZ.NET. Ganz im Gegenteil.

          Herr zu Guttenberg, die Fortsetzung der E-Mail-Affäre, besonders aber die Wikileaks-Enthüllungen, dass Clinton in Fernsehdebatten im Vorwahlkampf vorab über Fragen informiert worden sein soll, bestimmen die letzten Tage vor der Wahl. Viele halten das Rennen trotzdem schon für gelaufen. Sie auch?

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Mein Bauchgefühl sagt mir, dass Hillary Clinton die Wahl eigentlich gewinnen muss – schon allein, wenn man sich die Wahlmännerstimmen ansieht, die sie bereits sicher hat. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, sollte sie die Wahl doch noch verlieren. Andererseits sind wir in den letzten Jahren immer wieder überrascht worden, wenn es vor einer Abstimmung hieß, ein Rennen sei bereits gelaufen. Das hat nicht zuletzt das Brexit-Votum gezeigt.

          Glauben Sie, dass die Neuauflage der Mail-Affäre und jetzt die Wikileaks-Enthüllungen Clinton Stimmen kosten werden?

          Letzteres bestimmt. Bei dieser Wahl ist offenbar nichts unmöglich. Natürlich verstärkt die Mail-Affäre noch den Eindruck vieler Amerikaner, dass Hillary Clinton die privaten Ambitionen ihrer Familie nicht von ihren politischen Ämtern trennen kann – oder will. Und vor allem die neuen Wikileaks-Enthüllungen könnten dazu führen, dass viele, die ohnehin an ihr zweifeln, Clinton jetzt gar nichts mehr glauben, weil sie finden, dass sie noch dazu sehr unfair spielt: Das Bild einer ruchlosen Karrieristin. Für Clinton ist das eine toxische Mischung, die sich für sie als Präsidentin noch rächen könnte. Ich glaube aber nicht, dass beides ausreicht, um ihren Vorsprung bei der Wahl zu pulverisieren. In Deutschland ist so eine Aufregung ja ohnehin schwer vorstellbar – zumindest was die E-Mail-Affäre betrifft. Bei uns käme es wohl kaum zu einem vergleichbaren Skandal, wenn durch einen Hacker-Angriff die SMS-Kultur der Kanzlerin offengelegt würde.

          Wäre Clinton angesichts ihrer Affären chancenlos gewesen, wenn nicht Donald Trump, sondern ein anderer Republikaner ihr Gegenkandidat gewesen wäre?

          Es wird nach der Wahl viele Stimmen geben, die sagen werden, dass Trumps Kandidatur ein Segen für Clinton war. Für das Land war es allerdings eine Katastrophe – ich kann mich nicht erinnern, dass Amerika jemals so polarisiert und gespalten war wie jetzt.

          In Deutschland und Europa wird Hillary Clinton deutlich positiver gesehen als hier in den Vereinigten Staaten. Könnte es nach der Wahl trotzdem ein böses Erwachen geben?

          Es ist unbestritten, dass Hillary Clinton über große Erfahrung und Professionalität verfügt und im Krisenmanagement – auch unfreiwillig – Erfahrungen sammeln durfte. Vor allem im Vergleich zu Trump wäre das bereits ein Segen. Wir sollten uns aber keine Illusionen machen, dass wir es unter einer Präsidentin Clinton plötzlich mit einer leichtgängigen transatlantischen Beziehung zu tun haben werden. Wir haben im Wahlkampf sowohl von Trump als auch von Clinton Töne vernehmen müssen, die uns Europäern die Schweißperlen auf die Stirn treiben sollten – nicht zuletzt in Bezug auf das Freihandelsabkommen.

          Der frühere Wirtschafts- und Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg lebt in Amerika.

          Was bedeutet das für das transatlantische Verhältnis?

          Ich bin überzeugt davon, dass Clinton ihre Einstellung etwa zum Freihandel nach der Wahl zum Teil korrigieren wird – ihre jetzige Haltung war wahltaktisch motiviert. Aber isolationistische Tendenzen gibt es auch in ihrer Partei zweifelsohne – und das könnte den noch immer wachsenden Antiamerikanismus in Europa in der nahen Zukunft so befeuern, dass das transatlantische Verhältnis eher schwieriger als einfacher werden würde. Ähnliches gilt auch für die Sicherheitspolitik. Denn nicht nur Trump stellt ja den amerikanischen Beitrag zur Nato infrage, sondern auch gewichtige Stimmen bei den Demokraten. Wir können uns in den nächsten Jahren auf Verhandlungen mit Washington einstellen, die nicht gerade leichter werden.

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