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Amerikas Demokraten : Wird Biden vom Hoffnungsträger zum Problem?

  • -Aktualisiert am

Für viele Amerikaner ein vertrauter Politiker: Obamas ehemaliger Vizepräsident Joe Biden Bild: AFP

Er hat seine Bewerbung um die Rolle des demokratischen Trump-Herausforderers noch gar nicht erklärt. Trotzdem verfügte Joe Biden bislang schon über sehr gute Umfragewerte. Nun könnte die Vergangenheit des früheren Obama-Stellvertreters zum Bumerang werden.

          Sein Wahlkampf hat noch gar nicht begonnen, doch Joe Biden bekommt immer mehr Probleme. Der 76 Jahre alte ehemalige Vizepräsident von Barack Obama besetzte bislang im Denken vieler liberaler Amerikaner eine Versöhner- und Vermittlerrolle. Seine jahrzehntelange politische Erfahrung machte ihn ebenso beliebt wie die kumpelhafte Freundschaft mit dem ehemaligen Präsidenten, verewigt in etlichen Scherzvideos und Memes. Nun wirft ihm Lucy Flores, eine Parteikollegin aus Nevada, unangemessenes Verhalten vor. Im Jahr 2014, als sie als stellvertretende Gouverneurin kandidierte, habe Biden auf einer Veranstaltung hinter ihr gestanden, sie angefasst und ihr einen Kuss aufs Haar gegeben. „Mein Gehirn konnte nicht verarbeiten, was gerade passierte. Mir war es peinlich, ich war geschockt, ich war verwirrt”, schrieb Flores in einem kürzlich erschienen Essay.

          Sie will Biden nicht der sexuellen Belästigung anklagen oder gar vor Gericht bringen. Der Politikerin geht es um die Schilderung eines Machtgefälles und eines bislang offenbar weithin akzeptierten Verhaltens, das ihre Sicht auf den potentiellen Kandidaten verändert habe. „Zu dem Zeitpunkt hatte ich mich als junge Latina in der Politik bereits daran gewöhnt, mich in von weißen Männern dominierten Räumen wie eine Außenseiterin zu fühlen“, schrieb Flores. „Obwohl sein Verhalten nicht gewalttätig oder sexuell war, war es abwertend und respektlos. Ich war nicht bei der Veranstaltung als sein Schützling oder eine Freundin, ich war dort als die qualifizierteste Person für den Job.“ Biden antwortete auf die Vorwürfe, er habe nie geglaubt, dass er sich unangemessen verhalten habe. „Wenn gesagt wird, dass ich das getan habe, dann werde ich respektvoll zuhören“, sagte der ehemalige Senator aus Delaware.

          Streit um „Onkel Joe“

          Obwohl sich Biden immer noch nicht zum Bewerber für das Präsidentenamt erklärt hat, führt er die Favoritenliste der Demokraten beständig an und erreicht Zustimmungswerte von mehr als 30 Prozent. Während Elizabeth Warren, Bernie Sanders, Beto O'Rourke und die anderen Bewerber fleißig Wahlkampf machen, wartet er offenbar immer noch auf den richtigen Moment. Biden, der 1972 seine erste Ehefrau und seine Tochter durch einen Autounfall verlor und 2015 seinen Sohn Beau nach langer schwerer Krankheit beerdigen musste, wird von vielen Kollegen und Kommentatoren liebevoll „Onkel Joe” genannt. Er ist einer der beliebtesten Politiker des Landes. Und für viele Demokraten ist er schon deswegen ein Wunschkandidat. Dass er etwas „touchy-feely” sei, wie viele sagen, ist kein Geheimnis im politischen Washington. Und bislang war seine Partei stets bereit, entsprechende Kritik wegzulächeln.

          Doch nicht nur wegen des Vorwurfs von Lucy Flores sehen ihn viele Demokraten zunehmend kritisch. Biden, der sich einst entschuldigte, nachdem er den Präsidentschaftskandidaten Obama den „ersten Afroamerikaner aus dem Mainstream, der artikuliert und schlau und sauber und ein gutaussehender Kerl ist“ genannt hatte, komme seit Jahrzehnten mit Grenzüberschreitungen davon, so ein Vorwurf. „Er ist der Kerl, der in jeden Raum geht mit der selbstgewissen Überzeugung, dass seine Autorität ihn vor Gegenwind schützen wird. Seine Zuversicht in den eigenen Führungsanspruch hält Widerstand ab wie Gore-Tex Regen abweist“, schrieb die prominente Autorin Rebecca Traister kürzlich im „New York Magazine“. Gerade die Jovialität, mit der Biden es stets herunterspiele, wenn er jemandem zu nahe getreten sei, mache einen Teil seiner Anziehungskraft aus, argumentierte sie. Schließlich könnten sich dadurch all jene gemeint und entschuldigt fühlen, die solches Verhalten ebenfalls gern verharmlosten.

          Biden passe besonders jenen gut ins Konzept, die die Vorstellung eines durchschnittlichen weißen männlichen Wählers hätten, der sich von der Partei abgewandt habe, als ihm der gesellschaftliche Fortschritt zu viel wurde. Auch, wenn Traister dieses Image des weißen demokratischen Mannes für überzeichnet hält, glaubt sie, dass es bei vielen Menschen zieht: „Biden ist die Antwort der Demokraten auf den Hunger, 'Amerika wieder großartig zu machen', angezogen in liberalen Kleidern.“ Für den Teil der Wähler, die die Gleichheitsansprüche von Frauen und Schwarzen tatsächlich nicht akzeptieren wollten, biete Biden ein optimales „Cover“.

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