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Amerikas Demokraten : Wird Biden vom Hoffnungsträger zum Problem?

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Traisters Argument würde erklären, warum Biden konstant hohe Umfragewerte hat, obwohl schon seit längerem eine Debatte über seine politische Vergangenheit läuft und es auch ältere Zusammenschnitte bei Youtube gibt, die unter dem Stichwort „Creepy Uncle Joe“ zeigen sollen, dass Biden Kindern und weiblichen Familienmitgliedern von Kollegen zu nahe komme. Viele Trump-Wähler ließen sich ebenfalls nicht nur nicht von Trumps Rassismus und Sexismus abschrecken – es war nicht selten auch ihr eigener. Und ebenso, wie andere Trump-Wähler bereit waren, seine Persönlichkeit im Interesse ihrer eigenen politischen und wirtschaftlichen Ziele in Kauf zu nehmen, gäbe es auch bei Biden viele „Pragmatiker“. Denn die hohen Umfragewerte für Biden können auch eine sich selbst erfüllende Prophezeiung werden: Je beliebter Biden ist, desto mehr Zweifler wären bereit, sich hinter ihn zu stellen – wenn sie dadurch vom Sieg über Trump träumen dürfen.

Bidens Kritiker sehen ihn allerdings nicht als bloßes kleineres Übel an. Traister etwa argumentiert, dass man die Wurzeln vieler Missstände, die man nun in der Trump-Ära beklage, auch Biden und vielen seiner Kollegen zu verdanken habe, namentlich die „andauernde Erosion von Wähler- und reproduktiven Rechten, die Krise des Justizsystems und den klaffenden Graben zwischen den Reichen und allen Anderen“.

Manche werfen Biden zum Beispiel vor, dass er gegen Abtreibung war und die entsprechende Gesetzgebung aus dem Präzedenzfall „Roe v. Wade“ in den siebziger Jahren für „zu weit gehend“ erklärte. Er unterstützte die Republikaner, die eine Übergabe der Entscheidung an die Bundesstaaten wollten. Das Abtreibungsrecht in die Bundesstaaten zu geben, ist nach wie vor ein wichtiges Ziel der Konservativen – Biden unterstützt es heute nicht mehr offen.

Auch auf anderen Gebieten änderte er seine Ansichten. Wie Bill Clinton, der heute seine Strafrechtsreform von 1994 zu einem schweren Fehler erklärt, sieht auch Biden, dass es sozialpolitisch verheerend war, seit Ende der achtziger Jahre Drogendelikte mit Mindeststrafen zu belegen und ehemalige Häftlinge von Sozialleistungen auszuschließen. Der frühere Senator war an all diesen Neuerungen federführend beteiligt. Seine Gegner halten ihm auch vor, dass er die häufig in seinem Bundesstaat beheimateten Kreditkartenunternehmen hofiert, ihre stärkere Regulierung verhindert und somit zur Finanzkrise von 2008 beigetragen habe. Andererseits wurde Biden später zu einem engagierten Sozialpolitiker, unterstützte die Ehe für Alle und korrigierte Fehler aus den Justizreformen vergangener Jahre mit eigenen Gesetzesvorlagen.

Biden wollte Stacey Abrams als Vize

Biden ist sich der Probleme, die sich aus seinem Alter und seiner Vergangenheit ergeben, bewusst. Vor kurzem bat er Stacey Abrams zu einem gemeinsamen Abendessen – dabei soll er vorgefühlt haben, ob die ehemalige Gouverneurskandidatin von Georgia seine Vizepräsidentin werden wolle. Abrams erklärte daraufhin, sie werde eine solche Kandidatur nicht voreilig erklären und man trete nicht von vornherein für den „zweiten Platz“ an. Während einige Bidens Schritt für einen Versuch hielten, die Flügel der Partei zu einen, sahen andere ihn als Fehler an: „Es zeigte ein klares Gefühl der eigenen Schwäche. Alter weißer Mann braucht junge schwarze Frau, die ihm bei der Nominierung helfen soll“, lästerte etwa Chris Cillizza von CNN. Biden habe seine Kandidatur bislang nicht erklärt, weil er gegen die glänzenden Fundraising-Erfolge von Kandidaten wie Beto O'Rourke alt aussehen würde, meinte der Kommentator. Tatsächlich sprechen die vielen Millionen Dollar, die O'Rourke und andere durch junge frische Kampagnen einsammeln, dafür, dass die hohen Umfragewerte von Biden durch andere Gruppen zustande kommen als diese Erfolge. Umfrageinstitute fragen registrierte Demokraten – die Klick-Spenden kommen nicht selten von den Unentschlossenen und Unregistrierten.

Auch deswegen sind die Risiken für die Demokraten kaum kalkulierbar. Wenn sie dem Lockruf von Bidens Umfragewerten folgen (so er sich schließlich zum Kandidaten erklärt), dann müssen sie die damit verbundenen Widersprüche lösen. Viele Kommentatoren werden Biden zu dem Bewerber erklären, der die Partei mit sich selbst „versöhnen“ könne. Und während das für einen Teil der demokratischen und unentschlossenen Wähler stimmen mag, würde sich ein anderer Teil wohl wenig versöhnt fühlen mit einem Kandidaten des alten Establishments, dem ein qualifiziertes und diverses Bewerberfeld gegenüber steht.

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