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Joe Biden über Rassismus : Alter weißer Mann mit Spiegel

  • -Aktualisiert am

Hände hoch, nicht schießen: Protest vor der Wache des 5. Polizeireviers in Minneapolis Bild: AFP

Joe Biden will weiße Wähler für die Demokraten zurückgewinnen. Doch zunächst redet er ihnen ins Gewissen. Zum Glück. Denn der Rassismus ist unerträglich.

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          Joe Biden ist kein großer Redner. Seine Videoansprache nach der Tötung eines unbewaffneten Afroamerikaners durch einen weißen Polizisten in Minneapolis dürfte trotzdem in Erinnerung bleiben. Denn der „alte, weiße Mann“, der den Demokraten versprochen hat, im November weiße Wähler aus der Arbeiterklasse zurückzugewinnen, führte den Tod von George Floyd und den Alltagsrassismus im Land unumwunden auf Amerikas „Ursünde“ zurück, die Sklaverei. Kein Wort verlor er dagegen über die Randale, Plünderungen und Brandstiftungen in etlichen Großstädten, die vielen Amerikanern Angst machen.

          Hat Biden etwa die Lehre aus der verlorenen Wahl von 2016 vergessen? Wer damals Gründe für den Wahlsieg Donald Trumps suchte, landete schnell beim Thema „identity politics“. Die Demokraten und ihre Kandidatin Hillary Clinton hätten vor lauter maßgeschneiderten Versprechen an Afroamerikaner, Latinos, Homosexuelle oder Frauen das große amerikanische Ganze aus den Augen verloren, so eine verbreitete Lesart. Konservative Kräfte versuchen schon lange, die Demokraten wegen ihres offensiven Eintretens für die Belange von Minderheiten als die eigentlichen Spalter, manchmal gar als die wahren Rassisten abzustempeln.

          Das ist natürlich ein dreister Entlastungsangriff. Schließlich sind es die Republikaner, die sich hinter einem Mann eingereiht haben, der sich seit Jahrzehnten immer wieder mit Rassismus hervorgetan hat. Am Ende der Amtszeit des ersten schwarzen Präsidenten war Donald Trumps Parole „Make America Great Again“ das kaum verhohlene Versprechen, die Dominanz der Weißen zu bewahren.

          Perverser Neid auf die Benachteiligten

          Doch auch Demokraten sehen, dass die Argumentation verfängt. Wer zum Beispiel durch die vom Strukturwandel gebeutelten Staaten des „Rostgürtels“ fährt, wo Hillary Clinton 2016 die entscheidenden Niederlagen erlitt, der trifft immer wieder auf weiße Arbeiter, die sich systematisch benachteiligt fühlen. Den Schwarzen oder den (illegalen) Einwanderern werde alles geschenkt, aber sie müssten selbst sehen, wie sie sich über Wasser hielten. Mit Zahlen lässt sich das nicht belegen, im Gegenteil. Doch Soziologen erkennen ein oft unbewusstes, aber wirkmächtiges Denkmuster: Wer weiß ist und sich als Versager fühlt, weil er seinen Kindern weniger bieten kann als ihm einst geboten wurde, der sei oft neidisch auf Schwarze in der gleichen Situation, denn die hätten für ihr Abgehängtsein immer eine einfache Entschuldigung – die Sklaverei ist Schuld, ich kann nichts dafür.

          Deshalb ist es keine Kleinigkeit, dass Joe Biden die Selbstverständlichkeit ausgesprochen hat, dass Amerika „ein Land mit einer offenen Wunde“ ist, vor der viele Bürger ihre Augen verschließen. Anders als Barack Obama, der sich in solchen Fällen meist selbst als Beweis für den trotz allem erreichten Fortschritt anführte, versagte Biden sich jede Beschwichtigung. Vielmehr lud er alle Amerikaner ein, sich in schwarze Eltern hineinzuversetzen, die ihren Söhnen und Töchtern immer wieder einschärfen müssten, gegenüber Polizisten nicht auf ihren Rechten zu bestehen – „nur damit sie heil heimkommen“.

          Die Corona-Statistik spricht Bände

          Natürlich verfolgte Biden auch ein taktisches Kalkül. Er hatte kürzlich viele Schwarze mit einem Interview verärgert, in dem er so tat, als habe er die Stimmen der Afroamerikaner längst in der Tasche. Auch hat Biden nicht zu erkennen gegeben, welche Politik er aus seinen Feststellungen ableitet. Nach acht Jahren an der Seite Barack Obamas weiß er, dass man nicht in wenigen Jahren reparieren kann, was Jahrhunderte von Ausbeutung, Segregation und Benachteiligung angerichtet haben. Nicht nur die schockierende Teilnahmslosigkeit der drei Polizisten aus Minneapolis, die ihren Kollegen gewähren ließen, als er George Floyd umbrachte, zeugen davon. Auch die Corona-Statistiken sollten jeden Amerikaner nachdenklich stimmen: Die Sterblichkeit unter schwarzen Amerikanern ist fast zweieinhalbmal so hoch wie unter Weißen.

          Kein Präsident und keine Partei kann Amerikas klaffende Wunde heilen. Das kann nur die Gesellschaft, und die muss zunächst in den Spiegel schauen. Kein taktisches Kalkül sollte Joe Biden daran hindern, die Wirklichkeit auch dann noch ungeschminkt zu beschreiben, wenn die Protestmärsche verebbt, die Feuer gelöscht und die Medien wieder mit anderen Aufregerthemen beschäftigt sind. Denn die Amerikaner müssen es hören. Alle Amerikaner.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

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