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Schwiegersohn Kushner : Trumps Mann für alles

Befördert: Trumps Berater und Schwiegersohn Jared Kushner mit Ehefrau Ivanka Bild: AFP

Der künftige Präsident gibt seinem Schwiegersohn Kushner ein Amt im Weißen Haus. Kaum jemandem vertraut er mehr als Ivankas Ehemann. Das Verhältnis war nicht immer so innig.

          Donald Trumps Schwiegersohn trägt künftig einen klingenden Titel: Als „senior advisor to the President“ dürfte der 36 Jahre alte Jared Kushner im Weißen Haus bald ein Büro in Rufweite des Präsidenten beziehen. Doch Leute, die mit dem Trump-Team in der Spätphase des Wahlkampfs und erst recht seit dem Sieg vom 8. November zu tun hatten, bevorzugen einen informellen Titel für den Ehemann von Ivanka Trump: Kushner sei „the man“, heißt es übereinstimmend von künftigen Ministern, übergangenen Anwärtern, Kongress-Republikanern und Vertretern ausländischer Regierungen. Nicht alle Gesprächspartner zeigen sich beeindruckt von der Sachkenntnis des jungen Manns, der gern Turnschuhe zum Anzug trägt, in seiner freundlichen, zurückhaltenden Art vor allem Fragen stellt und sich ansonsten oft wenig über Trumps Pläne entlocken lässt.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Die New Yorker Zeitung „Observer“, die Kushner gehört, fragte einige Wochen vor der Wahl führende Leute aus der örtlichen Immobilienbranche nach ihrer Wahlpräferenz – auch den eigenen Chef. „Familie geht vor“, antwortete Kushner. Das war mehr als die Verlegenheitsantwort eines jungen Unternehmers, der 1981 in eine linksliberale, jüdische Familie geboren worden war und 28 Jahre später in den Trump-Clan einheiratete.

          Es war eher das Lebensmotto eines New Yorkers, der mit dem eigenen Vater auch dann durch dick und dünn ging, nachdem dieser in einer schmutzigen Affäre um Macht und Rache zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war. Zugleich beschreibt die damalige Antwort die heutige Sorge vieler Amerikaner, dass für die Baumagnaten Trump und Kushner die Interessen ihrer Clans auch dann über alles gehen könnten, wenn sie beide im Weißen Haus sitzen.

          Posten für Kushner trotz Nepotismus-Gesetz

          Kushners Anwältin – eine stellvertretende Justizministerin während der Regierungszeit des Demokraten Bill Clinton – versicherte, dass Kushner sich von vielen Vermögenswerten trennen, die Führung der Zeitung „Observer“ seinem Schwager überlassen und sich im Weißen Haus aus Diskussionen heraushalten werde, die etwa die Unternehmen seiner Frau beträfen (um die sich dann freilich deren Vater kümmern könnte, der Präsident).

          1967 hatte der Kongress zwar ein strenges Gesetz gegen Nepotismus verabschiedet; nicht zuletzt, weil Präsident John F. Kennedy seinen Bruder Robert zum Justizminister ernannt hatte. Dass ein formales Amt für Kushner trotzdem in Frage kommt, liegt an zwei Unschärfen in den Bestimmungen: Zum einen geht es dabei um die Frage, ob ein Schwiegersohn ein „Verwandter“ im Sinne des Gesetzes sei, zum anderen darum, ob das Weiße Haus als Ministerium oder Behörde („agency“) gilt. Trumps Juristen können sich auch auf Bill Clinton berufen, denn der hatte als Präsident seine Frau mit der Gesundheitsreform betraut. Wie Hillary Clinton soll Kushner keine Vergütung erhalten.

          Auf drei Themengebieten soll er sich engagieren: in Fragen des internationalen Handels, für Partnerschaften mit Privatunternehmen sowie in Israel und dem Nahen Osten. Was Letzteres angeht, so hatte Trump schon öffentlich davon gesprochen, dass Kushner „als Fachmann“ gut geeignet wäre, einen Nahostfrieden herbeizuführen. Für die Ehe mit dem orthodoxen Juden war Ivanka Trump konvertiert; Brautvater Trump hatte dagegen erheblich weniger Einwände als Kushners Vater Charlie erhoben. Fürs Erste hat Kushner im Dezember darauf gedrungen, dass Trump einen lautstarken Fürsprecher des Siedlungsbaus als Botschafter in Israel benennt.

          Jüdische Tradition

          Die Nazis haben den Familien von Kushners jüdischen Großeltern im heutigen Weißrussland unvorstellbares Leid zugefügt. Den beiden gelang die Flucht, doch auf die ersehnte Umsiedlung nach Amerika mussten sie viele Jahre lang in einem italienischen Auffanglager warten, weil Washingtons Aufnahmequoten erschöpft waren.

          Vettern von Jared Kushner waren empört, als dieser im vorigen Sommer unter Verweis auf seine Großeltern Trump vor Antisemitismus-Vorwürfen in Schutz nahm, die sich der Kandidat mit einem Retweet eingefangen hatte. Schließlich, so klagten sie, vertrete Trump mit dem vorgeschlagenen Einreiseverbot für Muslime eine vergleichbare Politik.

          Vor nicht allzu langer Zeit hätte Jared Kushner vermutlich selbst so argumentiert. Weggefährten erzählen etwa, dass er ihnen vor Jahren leicht verschämt versichert habe, sein Schwiegervater meine nicht ernsthaft, dass Präsident Barack Obama kein Amerikaner sei. Doch dann begleitete Kushner seinen Schwiegervater auf dessen Bitten im Wahlkampf, und was er auf den Massenkundgebungen sah, wirkte wie ein Erweckungserlebnis.

          Politische Wandlung im Wahlkampf

          Das „New York Magazine“ hat diese Woche über ein Treffen von New Yorker Wirtschaftsvertretern berichtet, auf dem Kushner seine politische Wandlung offenherzig beschrieb. Demnach bekannte er sich dazu, in Manhattan in einer „Blase“ gelebt zu haben. Das habe etwa bedeutet, die Einwanderungspolitik aus dem Blickwinkel der Arbeitgeber im Silicon Valley und die Klimapolitik nur unter dem Gesichtspunkt der Emissionen und nicht etwa der Bergarbeiter zu betrachten. Im Wahlkampf seien ihm die güldenen Scheuklappen entrissen worden.

          Nun war Kushner ernsthaft an Bord. Er hielt den Kontakt zur immer wieder bockigen Republikanischen Partei, beriet seinen Schwiegervater bei der Auswahl eines Vizepräsidenten und fädelte geräuschlos mit der mexikanischen Regierung die Reise des Kandidaten in die Höhle der Löwen ein. Emissäre der deutschen Regierung wurden von Kushner ebenso empfangen wie der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe, der wenige Tage nach der Wahl Trump in New York besuchte.

          Lob vom Hardliner Bannon

          Kushner wird als mäßigender Faktor auf Trump angesehen. Viele Skeptiker in der Republikanischen Partei und darüber hinaus fanden Trost in der ruhigen, besonnenen Art des Schwiegersohns, wenn Trump wieder einmal Porzellan zerschlagen hatte.

          Öffentlich hat sich Kushner nur sehr selten geäußert. Ohnehin ist es fraglich, ob er die Absicht hat, Trump inhaltlich zu bremsen. Seine Loyalität erstreckt sich nicht nur auf seinen Schwiegervater, sondern auch auf dessen letzten Wahlkampfchef Stephen Bannon, den viele Rechtsradikale als Helden verehren. Bannon hat für seinen vielleicht engsten Verbündeten im Trump-Team nur Lob übrig: „Für einen Typen, der zu den Fortschrittlichen gehörte, hat er unsere Graswurzelbewegung voll und ganz verstanden.“

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