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Amerika und Nordkorea : „Keine Schwäche von Kim Jong-un“

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„Für Nordkorea wäre das Treffen ein Jahrhundertereignis“, erklärt der Politikwissenschaftler Markus Liegl im Interview mit FAZ.NET. Bild: AFP

Mit seinem Gesprächsangebot an Präsident Trump hat Kim Jong-un ein neues Kapitel aufgeschlagen. Welche Auswirkungen ein Treffen haben könnte, erklärt der Politikwissenschaftler Markus Liegl im Interview.

          Herr Liegl, wie schätzen Sie ein mögliches Treffen zwischen dem amerikanischem Präsidenten Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un ein? Könnte es die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea nachhaltig verbessern?

          Ich sehe das mögliche Gipfeltreffen als eine positive und begrüßenswerte Entwicklung. Vor allem vor dem Hintergrund der besorgniserregenden Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea und der eskalierenden Rhetorik der letzten Monate. Der olympische Friede und die südkoreanische Initiative haben etwas bewegt. Was mögliche Ergebnisse angeht, bin ich vorsichtig optimistisch. Verhandlungen sind aktuell für Washington die einzige praktikable Möglichkeit, Nordkorea doch noch zur Aufgabe des Kernwaffenprogramms zu bewegen. Trumps Politik des maximalen Drucks hat einfach deutliche Grenzen. Es fehlen die notwendigen Hebel, um das nordkoreanische Regime derart unter kritischen Druck setzen zu können.

          Welche Strategie verfolgt Trump mit dieser Politik?

          Trumps Politik fußt auf der Idee, Nordkorea durch Maximierung des außenpolitischen, diplomatischen, militärischen und wirtschaftlichen Drucks zur Aufgabe des Kernwaffenprogramms zu zwingen. Das Ziel ist, das Regime in Pjöngjang in eine Situation zu manövrieren, in der die nordkoreanische Führung im besten Fall nur noch zwei Möglichkeiten hat: die Aufgabe des Kernwaffen- und Raketenprogramms oder das Risiko eines Systemkollapses. Diese kritische Situation herbeizuführen ist jedoch für die Vereinigten Staaten momentan nur bedingt möglich. Kim Jong-uns Herrschaft scheint daher weiterhin relativ stabil zu sein.

          Markus Liegl forscht über Internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Weltordnungsfragen an der Goethe-Universität Frankfurt.

          Warum hat Trump dann trotzdem einem Treffen zugestimmt?

          Das Treffen scheint Trumps persönlicher Empfindung geschuldet zu sein. Er hat sich wohl spontan und offenbar ohne weitere Rücksprache für eine Zusage entschieden, nachdem ihm das indirekte Angebot durch den südkoreanischen Sicherheitsberater erreicht hat. Diese Entscheidung zeigt, dass eine außenpolitische Kohärenz der Trump-Regierung im Bereich Nordkorea momentan nicht gegeben ist. Dafür spricht zum einen die große Zahl an vakanten Stellen in der Regierung. Es gibt zum Beispiel derzeit keinen Botschafter in Seoul. Zum anderen gab es in jüngster Vergangenheit Abstimmungsschwierigkeiten zwischen dem Außenministerium und Äußerungen des amerikanischen Präsidenten hinsichtlich der konkreten Ausgestaltung der amerikanischen Nordkorea-Politik.

          Frühere amerikanische Präsidenten haben es abgelehnt, sich mit Nordkoreas Machthabern zu treffen. Warum verhält sich Trump anders?

          Trump hat schon öfter seinen Kurs gewechselt. Im Wahlkampf sagte er, er wäre bereit, sich mit Kim Jong-un zu treffen. Dann hat er sich als Präsident auf die Strategie des maximalen Drucks festgelegt. Die Verhandlungsangebote von Rex Tillerson an Nordkorea im letzten Herbst haben diese Strategie wiederum unterlaufen. Trump hatte Verhandlungen noch im Herbst noch als Zeitverschwendung abgetan. Jetzt hat er doch zu Gesprächen mit Kim Jong-un eingewilligt.

          Kann man das bevorstehende Treffen mit dem von Nixon und Mao 1972 vergleichen?

          Es gibt zwei wesentliche Unterschiede. Zum einen gab es 1972 die Konstellation des Kalten Krieges. Die Gespräche zwischen Nixon und Mao bildeten den Grundstein für eine informelle Allianz zwischen den Vereinigten Staaten und China gegen die Sowjetunion und hatten dadurch eine ganz andere strategische Bedeutung. Zum anderen gingen dem Besuch Nixons in China jahrelange Vorbereitungen im Geheimen voraus. Dennoch wäre das erste Zusammentreffen eines amerikanischen Präsidenten mit einem nordkoreanischen Machthaber ein Ereignis von historischer Bedeutung. Frühere Präsidenten haben dies abgelehnt, um das nordkoreanische Regime nicht diplomatisch aufzuwerten und international zu legitimieren. Trump scheint hier eine sehr eigene Interpretation zu haben. Vielleicht ist er sich der Tragweite eines Treffens aber auch gar nicht so sehr bewusst.

          Das Gesprächsangebot könnte man als Zeichen der Schwäche Kim Jong-uns betrachten.

          Das liegt im Auge des Betrachters. Ich sehe das nicht so. Für Nordkorea wäre das Treffen zweifellos ein Jahrhundertereignis und ein erheblicher Prestigeerfolg. Ein solcher Gipfel auf höchster Ebene ist schon seit langem ein politisches Ziel Pjöngjangs. Sollten sich Trump und Kim Jong-un tatsächlich treffen, kann Nordkorea dies als Begegnung zweier Nuklearmächte auf Augenhöhe verkaufen. Für die Vereinigten Staaten, die bisher keine diplomatischen Beziehungen mit Pjöngjang unterhalten, wäre der Schritt hingegen mit deutlichen Zugeständnissen verbunden.

          Washington und Seoul fordern eine Denuklearisierung Nordkoreas. Was kann man sich darunter vorstellen?

          Denuklearisierung heißt nach der amerikanischen Formel, dass es zur „vollständigen, nachweisbaren und unumkehrbaren“ nuklearen Entwaffnung Nordkoreas kommt. Das umfasst alles, wovon sich Amerika bedroht sieht. Das sind die Atomwaffen an sich, die nukleare Infrastruktur und auch das Raketenprogramm. Theoretisch ist das möglich. Die Nordkoreaner fordern schon seit langem den Abschluss eines Friedensvertrags als Ersatz für das Waffenstillstandsabkommen von 1953 und den Abzug amerikanischer Truppen von der koreanischen Halbinsel. Das sind Forderungen, die für die amerikanische Führung nicht leicht zu erfüllen sind.

          Wo könnte das Treffen zwischen Trump und Kim stattfinden?

          Ein symbolträchtiger und neutraler Ort wäre Panmunjom in der demilitarisierten Zone, die Nord- und Südkorea trennt. 1953 wurde dort auch der Waffenstillstandsvertrag unterschrieben, der den Koreakrieg beendete. Seitdem stehen sich an dieser letzten Frontlinie des Kalten Krieges Süd- und Nordkorea feindlich gegenüber.

          Markus Liegl forscht an der Goethe-Universität Frankfurt über Internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Weltordnungsfragen. Anfang Februar erschien von ihm der Artikel „Maximum pressure – deferred engagement: why Trump’s North Korea policy is unwise, dangerous, and bound to fail“ in der Zeitschrift „Global Affairs“.

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