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Texas : Wo Trump ein Held ist – und keine Hassfigur

  • -Aktualisiert am

Das „Rafter B Cafe“ in Miami (Texas) Bild: Simon Riesche

Vor allem in den Küstenstädten wird gegen Donald Trump protestiert, im amerikanischen „Heartland“ jedoch feiert man ihn. Zu Besuch in einem Landkreis, der nahezu geschlossen hinter dem neuen Präsidenten steht.

          Wer auf dem von Tony Christie besungenen Weg nach Amarillo in Höhe einer Stadt mit dem vielsagenden Namen Pampa nach Norden abbiegt, kommt irgendwann nach Miami. Mit dem glitzernden Pendant in Florida hat das nordtexanische Städtchen nicht viel gemein. Gerade einmal 588 Menschen leben hier. Jahr für Jahr fiebern sie vor allem dem traditionellen „Cow Calling Contest“ Anfang Juni entgegen, einem Wettbewerb, bei dem die Teilnehmenden mit ihrer Stimmkraft in der Nähe grasende Rinderherden herbeilocken müssen. „Dafür sind wir in der ganzen Region bekannt“, sagt Emma Bowers, die das örtliche Museum leitet.

          Mit der Präsidentenwahl im vergangenen November erlangte das kleine Miami auch überregionale Berühmtheit. In keinem anderen Wahlkreis in den Vereinigten Staaten stimmte ein höherer Prozentsatz der Menschen für Donald Trump als in Miamis Roberts County. Sage und schreibe 95,3 Prozent entschieden sich hier für den späteren Wahlsieger. „Wir waren schon immer eine sehr republikanische Gegend, aber eine Begeisterung wie für Trump hat es vorher noch nie gegeben“, sagt Vicky Ray, die an der Straßenkreuzung den Imbiss „Rafter B Cafe“ betreibt. Ob sie bisher mit Trump als Präsident zufrieden sei? „Ja, absolut“, sagt sie und schenkt Kaffee nach. „Er macht alles richtig“.

          „So einfach ist das“

          Ob es um die Nominierung des neuen Supreme-Court-Richters Neil Gorsuch, die Rede am Inaugurationstag oder die bisher verabschiedeten Dekrete geht – all das, was Trump bisher richtig gemacht habe, wird im „Rafter B Cafe“ aufmerksam verfolgt und diskutiert. Dass einige Journalisten, die nach der Wahl vorbeikamen, Miami und seine Einwohner als einen Haufen von schlecht informierten Hinterwäldlern darzustellen versucht hätten, habe sie sehr verärgert, sagen sie hier. „Trump hat Recht, die Medien sind unser schlimmster Feind“, sagt Museumsdirektorin Emma Bowers, lacht verlegen und nimmt sich – wie eigentlich alle hier – dann doch viel Zeit, höflich und ausführlich die Fragen des aus der Ferne angereisten Journalisten zu beantworten.

          Das gilt auch für andere Bewohner von Miami in Texas, etwa für Boyd Williams, der in einer kleinen Freikirche um die Ecke predigt. „Meine Familie lebt seit drei Generationen hier, mein Großvater hat seinerzeit noch Büffel gejagt“, erzählt Williams, der stolz darauf ist, dass „all die Liberalen in New York und Los Angeles“ seine Heimat naserümpfend als „flyover country“ bezeichnen, also als Gebiet, über das man am besten einfach drüberfliegen solle. Der richtige Begriff für das Landesinnere, also Staaten wie Texas, Oklahoma, Kansas oder Nebraska, sei allerdings „Heartland“, das Herz Amerikas, sagt Williams. Und weil dieses Herz bei der letzten Präsidentenwahl auch in vormals überwiegend liberalen Staaten verstärkt geschlagen habe, habe Trump gewonnen. „So einfach ist das.“

          An seinem neuen Präsidenten gefalle ihm, dass der, obwohl New Yorker, ein bekennender Christ sei und sich inzwischen sogar gegen Abtreibung einsetze. „Außerdem dürfen wir dank ihm unsere Pistolen behalten“, sagt Williams und deutet auf die Beule unter seiner Jacke. „Ich trage seit Jahrzehnten eine Waffe, auch jetzt in diesem Moment, also versuchen Sie lieber erst gar nicht, mir dumm zu kommen.“ Dann folgen lautes Gelächter und festes Schulterklopfen. Ja, es geht rauh, aber durchaus herzlich zu im „Heartland“, wo „God and Guns“ immer noch eine wichtigere Rolle spielen als in den Metropolen an Ost- und Westküste.

          Es gibt kaum Muslime in Roberts County

          „Dass unser Präsident die Grenzen dicht macht, ist richtig“, sagt die Friseurin Debbie Howard, während sie einer Kundin die Dauerwelle macht. Amerika sollte den Schwachen und Verfolgten in der Welt helfen, „aber nicht auf Kosten unserer Sicherheit“. Alle illegalen Einwanderer „müssen das Land verlassen und können ja dann auf legalem Wege wieder einreisen“, findet Howard, genau wie es Trump versprochen habe. „Die Muslime“, die sich „sowieso nicht an die Werte Amerikas halten“ und „zum Beispiel die Gleichberechtigung der Frau nicht akzeptieren“ würden, sollten allerdings gar nicht mehr reingelassen werden.

          September 2015: Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Dallas, Texas

          Die Frage, ob sie denn überhaupt schon einmal persönlich Muslime kennengelernt hätten, verneinen viele Einwohner von Miami. Auch andere Minderheiten sucht man vergeblich in Roberts County. Fast 97 Prozent der Menschen hier sind weiß. „Wir sind aber keine Rassisten“, sagt Wirtin Ray und man spürt, wie wichtig ihr diese Klarstellung ist. „Völlig egal, welche Hautfarbe oder welche Religion du hast“, man sei gastfreundlich zu allen Menschen. „Wenn hier jemand eine Autopanne hat, dann kümmern wir uns. Wir reparieren das Fahrzeug und spendieren ein Essen.“ Dass Amerika wegen Trump jetzt tiefer gespalten sei als zuvor, stimme nicht, sagt sie. „Das war doch schon unter Obama so.“ Der trage die Schuld an der Eskalation, etwa weil er in seiner Amtszeit Gewalt gegen Polizisten nicht entschieden genug verurteilt habe.

          Und doch: Der Hauptgrund, warum man Trump gewählt habe und ihn auch jetzt unterstütze, da scheinen sich die Einwohner von Miami einig zu sein, liege vor allem in der Tatsache begründet, dass er „kein Politiker“, sondern „ein Geschäftsmann“ sei. „Wir haben hier ein Problem damit, wenn sich die Bürokraten aus Washington in alles einmischen wollen“, sagt ein Mann, der Joe genannt werden will und an der Tankstelle gerade seinen Truck auftankt. „Mit Obama waren wir ja auf dem direkten Weg in den Sozialismus.“ Krankenversicherung für alle „und solche Sachen“ – das brauche man nicht. Die Regierung solle stattdessen „einfach die Steuern senken und uns in Ruhe lassen“.

          „...so lange er nicht den dritten Weltkrieg anzettelt“

          „Wir leben hier vor allem von der Rinderzucht und von der Ölindustrie“, sagt James Coombs, ein freundlicher Mann, der gerade aus seinem Auto ausgestiegen ist. Sein Arbeitgeber, der Konzern „Energy Transfer Partners“, baut im Norden des Landes eine umstrittene Pipeline. Dass Trump sich für den Bau und gegen die Bedenken der Umweltschützer eingesetzt habe, „war bereits Grund genug, ihn zu wählen“, sagt Coombs, auch wenn ihm der aggressive Ton des neuen Präsidenten gegenüber dem Rest der Welt durchaus Sorgen bereite. „Aber so lange er nicht den dritten Weltkrieg anzettelt, ist ja alles in Ordnung“.

          Bereits am Nachmittag schließt Vicky Rays „Rafter B Cafe“, was sicherlich auch damit zu tun hat, dass in Miami kein Alkohol ausgeschenkt werden darf. Roberts County ist einer der insgesamt sieben „trockenen“ Landkreise in den Vereinigten Staaten, und das puritanische Erbe wird geachtet. „Man kann aber auch einfach rüber nach Pampa fahren und sich ein paar Bier für zuhause kaufen“, sagt Museumsleiterin Bowers und lächelt vielsagend.

          Zuletzt noch ein Rundgang durch ihre Ausstellung: Auf zwei Stockwerken ist Klein-Miamis bewegte Geschichte dargestellt. Neben unzähligen Erinnerungsstücken an diverse „Cow Calling“-Veranstaltungen der vergangenen Jahre findet man nachgebaute Indianerzelte, Möbelstücke der ersten Siedler, Autos aus den Zwanzigerjahren und Uniformen von Söhnen des Städtchens, die für das Land in verschiedenen Kriegen kämpften. Welche Epoche ist eigentlich genau gemeint, wenn Donald Trump davon spricht, dass er Amerika „wieder“ großartig machen werde? Nein, sagt die Museumsleiterin, das wisse sie auch nicht.

          Und noch eine Frage lässt Emma Bowers zunächst unbeantwortet: Wer denn die gerade einmal zwanzig Personen im Wahlkreis waren, die im November nicht für Trump, sondern für Hillary Clinton stimmten? „Die werde ich Ihnen bestimmt nicht vorstellen, sonst bekommen Sie noch ein völlig falsches Bild von unserem Ort.“ Dann muss sie lachen. „Okay“, eine dieser Personen sei ihre eigene Tochter gewesen. „Aber ich liebe sie trotzdem noch.“

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