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Ortsbesuch in Ohio : Rekordzahl von Frühwählern kämpft sich durch Stimmabgabe

Im Wahllokal in Columbus, Ohio Bild: Oliver Georgi

In Franklin County, Ohio, haben schon jetzt mehr Wähler vorzeitig ihre Stimme abgegeben als 2012 bei der ganzen Wahl. Die Prozedur ist kompliziert - und die Sorge vor einer illegalen Beeinflussung der Stimmabgabe groß. Ein Ortsbesuch.

          Sogar Abraham Lincoln ist gekommen, um nach dem Rechten zu sehen, so wichtig ist ihm diese Wahl. Es ist erst zehn am Samstagmorgen in Columbus, Ohio, doch schon jetzt hat sich vor dem „Early Voting Center“ in einem schmucklosen Industriegebiet im Norden der Stadt eine lange Schlange gebildet. Vorne am Parkplatz stehen Polizisten und bewachen die Einfahrt; ein paar Meter weiter haben sich die Wahlkämpfer beider Parteien aufgebaut und werben mit bunten Plakaten und lauter Musik bis zuletzt um Stimmen. Auch wenn das Rennen zwischen Clinton und Trump enger denn je scheint, ist die Stimmung zumindest hier entspannt.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Der Präsident ist trotzdem entsetzt. „Diese Wahl ist sogar noch schmutziger als zu meiner Zeit, und das will etwas heißen“, sagt Lincoln, der eigentlich Robert Brugler heißt und Schauspieler ist. „Ich erkenne meine republikanische Partei nicht mehr wieder.“

          Auch viele in der Schlange, die geduldig vor dem Gebäude des Wahlausschusses von Franklin County stehen, sind angeekelt vom Tonfall in diesem Wahlkampf. Mit ihrer vorzeitigen Stimmabgabe wollen sie sichergehen, dass am Dienstag „nicht doch noch ein Unglück geschieht„, wie eine junge Frau es sagt. „Ich will die Chance nicht verpassen, Clinton meine Stimme zu geben“, sagt sie, während Abraham Lincoln die Wartenden noch einmal ermahnt, ihre Stifte bereitzuhalten. „Wir müssen alles tun, damit Trump nicht doch noch gewinnt.“

          „Das ist eine historische Wahl, das spüren die Leute“, sagt ein anderer, während sich die Schlange langsam vorwärts schiebt. „Sie wählen entweder die erste Frau zur Präsidentin oder einen verrückten Reality-TV-Star - so etwas gab es noch nicht.“

          Es geht um mehr als sonst bei dieser Wahl - dieses Gefühl haben an diesem Morgen in Columbus viele, und teilweise haben sie einen langen Weg auf sich genommen, nur um hier heute ihre Stimme abzugeben. Im ganzen Staat Ohio gibt es nur 88 Orte, an denen registrierte Wähler noch bis Montagmittag vorzeitig wählen können, im dicht besiedelten Franklin County mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern nur an dieser einzigen Stelle. Und schon jetzt, in den 28 Tagen seit dem 12. Oktober, als das „Early Voting“ begann, haben mehr Wähler an den Wahlcomputern ihre Stimmen abgegeben als in den ganzen 35 Tagen bei der Wahl 2012. „Wir haben bis heute fast 70.000 Wähler gezählt“, sagt Aaron Sellers, der Sprecher des Wahlausschusses in Franklin County. „Das ist ein Rekord.“ Auch wenn die Zahl der Anträge auf Briefwahl bis jetzt ein wenig niedriger sei als bei der letzten Wahl.

          Mehr als 30 Millionen Wähler in 38 Bundesstaaten haben nach Angaben des Senders CNN bis jetzt vorzeitig ihre Stimme abgegeben - bis zur Wahl am Dienstag könnten es damit mehr werden als 2012, als gut 45 Millionen Amerikaner beziehungsweise 35 Prozent der Wahlberechtigten diese Möglichkeit nutzten. Das könnte ein Zeichen für eine größere Mobilisierung bei dieser Wahl sein - und das, obwohl die Hürden bis zur Stimmabgabe in den Vereinigten Staaten ungleich höher sind als etwa in Deutschland.

          Da es keine Meldepflicht gibt und damit auch keine automatischen Wählerlisten, müssen sich Wähler vor ihrer Stimmabgabe beim Wahlausschuss für die Wahl registrieren lassen. Diese Frist ist in Ohio am 6. Oktober abgelaufen - wer das verpasst hat, darf jetzt nicht abstimmen. Doch auch die Wähler, die registriert sind und an diesem Samstag in Columbus in der Schlange stehen, müssen noch ein zeitraubendes, dreistufiges Prüfverfahren über sich ergehen lassen.

          Gute Stimmung: Clinton-Anhänger in Columbus Bilderstrecke

          Am Eingang zum Wahllokal müssen sie zuerst eine Anmeldung für die Stimmabgabe ausfüllen, in der unter anderem Name, Anschrift, Geburtsdatum und die letzten vier Ziffern ihrer Sozialversicherungsnummer eingetragen werden. Alternativ können Wähler auch ihre Führerscheinnummer angeben, was immer wieder für Diskussionen sorgt, weil ein amerikanischer Führerschein nicht automatisch bedeutet, dass man auch amerikanischer Staatsbürger ist. Diese Wahlanmeldung wird im Wahllokal dann mit den Datenbank der Wählerregistrierung abgeglichen.

          Ist der Abgleich erfolgreich, ist der Wähler offiziell zugelassen und erhält einen individuellen, numerierten Wahlschein, auf dem ihm einer der 98 Wahlcomputer zugewiesen wird, die an diesem Samstag in Columbus aufgestellt sind. Weil in vielen der 1198 Wahlbezirke („precincts“) des Countys neben dem Präsidenten noch andere wichtige Ämter zur Wahl stehen, etwa Senatoren, Kongressabgeordnete, Generalstaatsanwälte oder Sheriffs und die jeweiligen Kandidatenlisten deshalb sehr unterschiedlich sind, ist jedem Wähler ein bestimmter Wahlcomputer zugeordnet, der auf die jeweilige Wahl in seinem Bezirk zugeschnitten ist.

          Umfragen

          Doch selbst dann kann der Wähler nicht einfach selbständig seine Stimme abgeben, sondern muss sich vorher bei einem der 15 „machine judges“ melden, offiziellen Vertretern des Wahlausschusses, die die Stimmabgabe an den Computern überwachen. Nur mit einem elektronischen Schlüssel, den jeder dieser Helfer bei sich trägt, kann der Wahlcomputer freigeschaltet werden und die Stimmabgabe erfolgen.

          „Unsere Sicherheitsmaßnahmen, damit Stimmen nicht gefälscht werden können, sind sehr groß“, erklärt Aaron Sellers, der Sprecher des Wahlausschusses. Um Manipulationen auszuschließen, dürften die elektronischen Schlüssel, die die Stimmabgabe am Computer freischalten, das Wahllokal nie verlassen. Auch das Netzwerk, in dem die Computer arbeiten, sei abgekapselt und nur ein einziges Mal mit der Außenwelt verbunden: wenn die Wahldaten am Dienstag an John Husted geschickt werden, den Secretary of State und obersten Wahlbeauftragten Ohios.

          Ob dabei Fehler passieren können? Ausschließen könne man das natürlich nicht, sagt Sellers. „Ich bin aber überzeugt davon, dass Manipulationen so gut wie nicht vorkommen.“ Dafür sorge auch die Tatsache, dass die Wahldaten im Wahllokal nur erhoben, nicht aber ausgewertet würden. „Wir können nicht sagen, wie viele Wähler für welchen Kandidaten oder welche Partei gestimmt haben. Das kann am Dienstagabend nur die Wahlkommission.“

          Auf dem Parkplatz vor dem Wahllokal ist die Schlange der Wartenden in der Zwischenzeit noch ein wenig länger geworden. Zwei Anhänger der Demokraten tanzen mit Masken von Hillary Clinton und Barack Obama gut gelaunt zu Whitney Houstons „I wanna dance“, ein Helfer ermahnt die Wahlwerber, jenseits der gelben Linie zu bleiben, die auf dem Boden aufgemalt ist. Sie markiert die 100-Fuß-Linie um das Wahllokal, die in Ohio gesetzlich vorgeschrieben ist. Um eine Beeinflussung der Wähler zu vermeiden, darf Wahlkampf nur jenseits der Linie stattfinden, und auch die Presse darf Wähler nur außerhalb befragen.

          Sie sind jetzt noch penibler in diesem Punkt; das ohnehin wichtige Thema Wählerbeeinflussung hat noch einmal einen neuen Schub bekommen, seit sich die Demokraten in Ohio über angebliche Einschüchterungsversuche von Wählern durch die Republikaner um Donald Trump beschwert haben. Ein Richter in Cleveland forderte am Freitag daraufhin Trumps Wahlkampfteam, aber implizit auch die Demokraten unter Androhung empfindlicher Strafen dazu auf, jegliche Form der Wählerbeeinflussung durch Freiwillige zu unterlassen. Demokraten hatten darüber geklagt, freiwillige Wahlhelfer von Trump hätten ihre Wähler eingeschüchtert, indem sie Fotos von ihnen machten oder sie nach ihrer Stimmabgabe zu ihrer Wahlentscheidung befragten und ihre Daten aufnahmen.

          Zumindest vordergründig ist in Columbus an diesem Samstag aber nichts von einer illegalen Wählerbeeinflussung zu spüren. „Wir haben solche Fälle hier noch nicht gehabt, aber wenn wir so etwas mitbekommen würden, würden wir das sofort der Polizei übergeben“, sagt Sellers, der Sprecher des Wahlausschusses. Auch in der Schlange vor der Tür schütteln viele den Kopf. „Ich habe davon gelesen, aber in meinem Bekanntenkreis hat das noch niemand erlebt“, antwortet eine junge Frau. Auch der Mann neben ihr kann sich nicht an entsprechende Fälle erinnern.

          Doch dann weiß die ältere Frau, die an der Ausfahrt des Parkplatzes steht, doch noch etwas zu sagen. Sie ist eine Republikanerin, die Werbung für den republikanischen Kandidaten als Generalstaatsanwalt macht, aber nicht für Trump stimmen will, weil der einfach nicht tragbar sei. „Ich habe von Leuten gehört, die vor dem Wahllokal von Fremden daraufhin angesprochen wurden, wie sie gewählt haben“, sagt sie. 

          Man müsse einfach aufpassen bei dieser Wahl, schiebt sie dann noch hinterher. Bei dieser einzigartigen, verrückten Wahl.

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