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Unversicherte Amerikaner : In New York wird es schlimm – auf dem Land noch schlimmer?

  • -Aktualisiert am

In New York hat sich eine lange Schlange vor dem Elmhurst Hospital Center gebildet. Bild: AP

Arme Menschen sind im amerikanischen Gesundheitssystem schon in normalen Zeiten benachteiligt. Das Coronavirus bringt sie besonders in Gefahr. Vor allem, wenn es massenhafte Ansteckungen auf dem Land geben sollte.

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          Ist das Kratzen im Hals nur eine Erkältung oder das Coronavirus? In den Vereinigten Staaten wurden bislang fast 70.000 Menschen positiv auf Corona getestet. Mehr als 1000 Erkrankte sind gestorben. Um das Gesundheitssystem vor einem Kollaps zu bewahren, sollen deshalb nur noch diejenigen zum Arzt gehen, die schwere Symptome haben. Orientierung soll ein Videochat mit einem Mediziner geben.

          Zugezahlt werden muss für die Telemedizin nichts  – zumindest, wenn man über Medicare versichert ist. Medicare ist für Rentner, sie zahlen während des Arbeitslebens Abgaben dafür. Wenn sie sich wegen des Coronavirus im Krankenhaus behandeln lassen, werden aber auch weiter Eigenanteile fällig, meldete vor kurzem die „Washington Post”. Für Krankenhausaufenthalte müssten auch Medicare-Patienten weiter 176 Dollar am Tag zahlen. Das kann sich noch ändern. Fest steht: Wer Medicare hat, ist vergleichsweise gut dran. Aber wie sieht es für jüngere Menschen aus, die arm sind oder gar keine Versicherung haben?

          Laut den Behörden leben rund zwölf Prozent oder fast 40 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten in Armut. Bürger, die nicht weiß sind, sind noch häufiger arm, Schwarze beispielsweise zu rund 21 Prozent. Für Menschen unterhalb einer bestimmten Einkommensgrenze gibt es das öffentliche System Medicaid. Es soll eine medizinische Grundversorgung sichern.

          Medicaid-Patienten können nur zu bestimmten Ärzten gehen. Im Jahr 2017 nahmen 74 Millionen Bürger das Angebot in Anspruch, das entspricht 23 Prozent aller Amerikaner. Wer zu viel verdient, bekommt jedoch kein Medicaid. 28 Millionen Amerikaner verzichten deswegen ganz auf eine Krankenversicherung.

          Gouverneure rufen Bundesmittel nicht ab

          Das Problem mit Medicaid ist, dass die Versorgung je nach Wohnort sehr unterschiedlich ist. Zur Zeit weigern sich 14 Bundesstaaten, die im Rahmen von Obamacare und des „Affordable Care Act“ beschlossene Ausweitung der Einkommensgrenze umzusetzen – obwohl der Bund den Großteil der Kosten dafür übernimmt. Diese Gouverneure rufen die zusätzlichen Mittel nicht ab. Dadurch bleiben Schätzungen zufolge 2,5 Millionen Menschen ohne Versicherung. Neun dieser Staaten liegen im Süden.

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          Nirgendwo sind die Amerikaner ärmer als in den südlichen Bundesstaaten. In Mississippi leben fast 20 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Die Regierungen im Süden setzen traditionell stark auf den schlanken Staat. Die weiße Ober- und Mittelschicht reagierte auf das staatlich verordnete Ende der „Rassentrennung“ in den sechziger Jahren mit aggressiven Abschottungs- und Privatisierungsstrategien in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, sei es Erziehung, Freizeit oder Gesundheit. Bis heute hält sich eine Ideologie des „small government“, deren Wurzeln auch in dieser Abwehr der Bürgerrechtsbewegung liegen.

          Engpässe in New York

          Menschen, die nicht weiß sind, haben bis heute schlechtere Chancen auf eine gute gesundheitliche Versorgung. Häufig versorgt etwa ein Krankenhaus, das Medicaid-Patienten nimmt, viele Gemeinden – lange Anfahrtswege sind keine Seltenheit. Ein Beispiel für die Situation der Armen im Gesundheitswesen ist auch die höhere Müttersterblichkeit unter Afroamerikanerinnen. Sie haben ein dreimal höheres Risiko, durch Schwangerschaftskomplikationen oder bei der Geburt eines Kindes zu sterben als weiße Frauen.

          Die Faktoren, die unter normalen Umständen zu der schlechteren Gesundheitsversorgung der Armen führen, werden auch in der Corona-Krise eine Rolle spielen. Zur Zeit konzentriert sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf New York, weil hier durch die schiere Masse der Infizierten bereits Engpässe entstehen. An sich sind die Gesundheitssysteme der großen Städte aber oft besser aufgestellt als im ländlichen Raum, insbesondere für Patienten mit geringem Einkommen. Wer keine Krankenversicherung hat, kann etwa in New York in gemeinnützige Gesundheitszentren gehen, die von Spenden und staatlichen Zuschüssen finanziert werden. Auch manche Krankenhäuser bieten kostenlose oder stark reduzierte Behandlungen im Notfall an. An den Universitäten behandeln Ärzte in Ausbildung zu günstigeren Preisen. Doch für einen Massenansturm sind diese Angebote nicht gerüstet.

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