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Clintons Zeigefinger : „Ausgerechnet DU bist hier? Das ist so großartig!“

Ins Comichafte verzerrte Grimasse: Clinton am 20. Februar nach ihrem Sieg bei der Vorwahl in Nevada. Da mussten es sogar beide Finger sein. Bild: Reuters

„Mensch, wie toll, dass Du da bist“: Niemand zeigt bei Wahlkampfauftritten so exzessiv mit dem Finger auf ihre Anhänger wie Hillary Clinton. Aber warum macht sie das? Und wer soll das noch authentisch finden?

          Anfang Februar an der Universität New Hampshire, das Team von Hillary Clinton schwört ihre Anhänger auf die Vorwahl ein, die sie wenige Tage später krachend verlieren wird. Unter lautem Jubel betritt Clinton die Bühne, verharrt einige Augenblicke, lässt sich feiern. Dann zeigt sie plötzlich mit dem ausgestreckten Finger ins Publikum, ihr Gesicht verzieht sich zu einer überraschten Grimasse, die Augen sind weit aufgerissen. Mehrere Sekunden verharrt Clinton so, unter dem Applaus ihrer Anhänger. Auch ohne Worte ist der symbolische Subtext des Schauspiels klar: „Mensch, dass ausgerechnet DU hier bist, um mich zu unterstützen, das hätte ich nie erwartet. Wow!“

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Auch bei einem Wahlkampfauftritt ein paar Tage zuvor in Des Moines, Iowa, zeigte Clinton ausgiebig ins Publikum und wurde dabei sogar von ihrem Mann unterstützt. Kurz vor ihrer Rede wies Bill auf einen Punkt im Publikum und flüsterte seiner Frau daraufhin etwas ins Ohr. „Haha, I love it“, sagte Hillary ins Mikrofon und verzog das Gesicht zu einer erstaunten Grimasse. Ich kann es kaum glauben, so überwältigend ist es.

          Große Gesten, noch übertriebenere Grimassen

          Übertriebene Gesten und Grimassen gehören zum amerikanischen Wahlkampf wie die Lakers zu Los Angeles, aber wenn es darum geht, mit dem Finger auf Anhänger zu zeigen und ob deren Unterstützung vor gespielter Ekstase fast von der Bühne zu kippen, macht Hillary Clinton niemand etwas vor. Bei fast jedem Auftritt zeigt die demokratische Präsidentschaftsbewerberin mit großem Brimborium und ins Comic-Hafte überzeichneter Mimik ins Publikum, schon seit vielen Jahren macht sie das. Aber warum? Und wer soll ihr das noch abnehmen?

          „Indem sie mit dem ausgestreckten Zeigefinger scheinbar wahllos auf Menschen in der Menge zeigt, stellt sie einen Kontakt zum Publikum her“, sagt Stefan Verra, Fachmann für Körpersprache aus Österreich. „Wenn man sich Fotos von diesen Momenten anschaut, und dafür macht Clinton das natürlich, erweckt sie damit inmitten einer lärmenden Wahlveranstaltung den Eindruck eines intimen Zwiegesprächs.“ Eine Taktik, die auch amerikanische Musikgruppen häufig bei Auftritten anwendeten, wie Verra sagt. „Auch wenn man im Publikum gar nicht weiß, wohin der auf der Bühne gerade zeigt, hat man doch immer das Gefühl: Der zeigt auch auf mich.“ Gleichzeitig weise Clinton mit ihrem Finger imaginär in die Zukunft und inszeniere sich damit als dominante Führungspersönlichkeit: „Die ganze Masse folgt ihrem Fingerzeig.“

          Experte für Körpersprache: Stefan Verra

          Trotzdem schaffe der vermeintlich verbindende Zeigefinger für Clinton bei den Wählern mehr Probleme, als er ihr helfe, glaubt Verra. „Entwicklungsgeschichtlich wurde der Zeigefinger zum Bohren genutzt, etwa wenn man ein Tier untersucht hat und gerade kein Stöckchen zur Hand hatte.“ Clintons Zeigefinger sieht der Körpersprachen-Fachmann deshalb als viel zu aggressive Geste, die ihr grundsätzliches Problem im Wahlkampf belege. „Ihre Körpersprache ist sehr männlich und dominant, das macht ihr bei den Frauen Probleme, die sie doch eigentlich für sich gewinnen will.“ Schon im Vorwahlkampf 2008 habe Clinton deshalb gegen den deutlich „weicher“ auftretenden Barack Obama verloren, glaubt Verra. Auch jetzt tue sie sich gegen ihren Konkurrenten Bernie Sanders schwer wie zuletzt in Michigan, weil der in seiner Körpersprache ebenfalls deutlich weniger aggressiv sei. „Sanders benutzt seinen Zeigefinger auch, aber bei ihm ist er abgeknickt“, so Verra. „Der Tonus in Clintons Finger ist hingegen extrem hoch, sie benutzt ihn fast wie ein Stechwerkzeug.“

          Als fast noch aggressiver bewertet der Fachmann für Körpersprache aber Clintons Mimik, wenn sie den Finger ausstreckt: „Sie reißt den Unterkiefer grotesk auf und zeigt dem Publikum damit schon vor ihrer Aussage, welche Reaktion sie erwartet: übertriebene Begeisterung.“ Ähnlich mache es in Deutschland der Komiker Mario Barth, der schon vor dem nächsten Witz den Mund so weit aufreiße, dass das Publikum in der Erwartung des Gags schon lospruste. „Gleichzeitig weiß Clinton, dass sie die Leute erst dazu bringen muss, aufmerksam zu sein, bevor sie ihre Botschaften plazieren kann“, sagt Verra. Das erreiche sie auch durch ihre weit aufgerissenen Augen, mit denen sie dem Publikum signalisiere: Schaut mich an, hier spielt jetzt die Musik.

          „Niemand nimmt das noch ernst“

          Wirklich ernst nehme diese Mimik schon längst niemand mehr, selbst Clintons Anhänger nicht, glaubt Verra. Trotzdem werde Clinton sie weiter auf den Wahlkampfbühnen zeigen, weil Amerikaner sich – im Gegensatz zu den Europäern – auch von gespielter Begeisterung leichter mitreißen ließen. Der Wahlkampf, auch in Amerika ist er ein Spiel nach bekannten Regeln: Seht mich an, ich bin völlig überwältigt. Also seid Ihr es auch. 

          Huhu: Auch beim Winken ist Clinton stets bemüht wie hier nach dem Fernsehduell am Mittwochabend  – Bernie Sanders aber auch

          Überhaupt könne Clinton nicht einfach ihre aggressive Körpersprache ändern, selbst wenn sie damit Wählerstimmen verliere, so Verra. „Unsere Körpersprache ist genetisch zu einem großen Teil festgelegt, daran können wir bewusst wenig machen.“ So wie Angela Merkel in ihrer Körpersprache nie aggressiv oder herausfordernd sein werde, könne auch Clinton nicht aus ihrer Haut. „Clinton weiß, dass sie eigentlich dringend mehr Mütterlichkeit zeigen muss, um bei den Frauen zu punkten. Aber das gelingt ihr nicht, die aggressiv-männliche Gestik und Mimik kann sie nicht ablegen. Sie ist einfach so.“ Deshalb sei es eigentlich falsch, wenn Clinton im Wahlkampf zu wenig Authentizität vorgeworfen werde. „Hillary Clinton ist durchaus authentisch und glaubwürdig, aber eben als Vertreterin einer selbstbewussten, privilegierten Upper Class. Diese Rolle kann sie auch in der Körpersprache nicht ablegen.“

          Ihren Meister in puncto Körpersprache und ihrer Wirkung habe Hillary Clinton ausgerechnet im engsten Familienkreis gefunden, sagt Verra: ihren Mann Bill, der als Präsident trotz Affären äußerst beliebt war, weil er stets deutlich lockerer aufgetreten sei. „Wenn Hillary Clinton in diesem Wahlkampf gegen ihren Mann Bill antreten müsste, hätte sie keine Chance.“

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