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Kommentar : Entscheidung in den Schlachtfeld-Staaten

Hillary Clinton auf Wahlkampftour in Kentucky Bild: AP

Es ist nicht wahrscheinlich, dass Donald Trump Präsident Barack Obama im Weißen Haus nachfolgen wird. Ausgeschlossen ist es aber nicht. Und vor allem Hillary Clinton sollte nicht auf ein Scheitern des Immobilienmilliardärs vertrauen.

          In den vergangenen Wochen war oft zu lesen und zu hören, Donald Trump sei der Wunschgegner von Hillary Clinton, denn der sei bei vielen Wählergruppen so unbeliebt, dass ein Sieg der Demokraten im November so gut wie sicher sei. Es stimmt: Der Populist, der gerne das große Wort führt, hat in den vergangenen Monaten mal Frauen beleidigt und mal Mexikaner, und mal ist er über Muslime hergezogen. Und auf das ganze Wahlvolk betrachtet, ist der Mann reichlich unbeliebt.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Allerdings hat er auch einen (rebellisch-aggressiven) Ton getroffen, der bei vielen Weißen der unteren Einkommensschichten gut ankam – so gut, dass an seiner Präsidentschaftskandidatur für die Republikaner, so sehr das deren Führung schmerzt und so sehr es auch gegen den traditionellen Konservatismus geht, eigentlich kein Zweifel mehr besteht.

          Auch daran erinnert man sich: Die meisten Fachleute waren sich sicher, dass Trump, der Immobilienmilliardär mit dem großen Faible für Ressentiments, starke Führer und einfache Lösungen für eine komplizierte Welt, die ersten Vorwahlen nicht überstehen werde. Aber nicht er ging ein, sondern die Bewerber mit den großen Geldgebern im Rücken kollabierten. Trump hat die politische Landschaft bei den Republikanern umgepflügt und dabei viele vermeintliche Axiome über Wählerverhalten und Wahlkampfstrategien geschreddert. Umfragen in einzelnen Bundesstaaten lagen oft daneben. Viel zu oft, als dass man den Demoskopen, die jetzt ein grandioses Scheitern gegen Clinton voraussagen, nun blind vertrauen sollte.

          Vor allem die frühere Außenministerin, Senatorin und ehemalige „First Lady“ Hillary Clinton sollte das nicht tun. Schließlich schleppt auch sie einigen Ballast mit sich herum. Viele Amerikaner trauen ihr schlicht nicht über den Weg. In den Kategorien Authentizität und Integrität schneidet sie nicht gut ab. Dass ihr die demokratischen Vorwähler in toto zu Füßen lägen, kann man sowieso nicht sagen. In dem Kohle-Staat West-Virginia hatte ihr „linker“ Konkurrent Bernie Sanders wieder die Nase vorn. Sanders, der auch so ein Held der „kleinen weißen Leute“ ist, will einfach nicht aufgeben, obschon er keine realistische Chance auf die Nominierung hat. Jeder Sieg, den Sanders erringt, ist ein Kratzer am Königinnen-Nimbus Clintons.

          Donald Trump während eines Interviews in seinem Büro im Trump-Tower in New York

          Tatsächlich sind jetzt die ersten Umfragen auf dem Markt, welche die These in Zweifel ziehen, Clinton werde mit Trump leichtes Spiel haben. Danach liegen in drei sogenannten Schlachtfeld-Staaten – Bundesstaaten, die wegen ihres Wählerprofils und wegen der Präferenzen in der Vergangenheit nicht von vornherein klar einem der beiden Lager zuzurechnen sind und somit wahlentscheidend sein können – die beiden mutmaßlichen Finalteilnehmer mehr oder weniger gleich auf: In Florida und in Pennsylvania hat Clinton knapp die Nase vorn, in Ohio Trump. Das würde also darauf hindeuten, dass noch nichts entschieden ist, selbst wenn demographisch vieles für Clinton spricht. Aber den Fehler zu glauben, sie werde ins Weiße Haus segeln, den sollte sie nicht machen. Sie wird versuchen, das Maximale herauszuholen bei Frauen, Schwarzen und Latinos – Trump wird alles daran setzen, weiße Männer zu mobilisieren, seine Hauptunterstützergruppe. Das ist die Wählergruppe, bei der die Demokratin auf das größte Misstrauen stößt.

          Wer weiß, vielleicht wird Trump in sich gehen, sich programmatisch-rhetorisch mäßigen und versuchen, seine diversen Defizite, rein taktisch gedacht, durch Ernennung eines dafür geeigneten Kandidaten für den Posten des Vizepräsidenten zu kompensieren. Er könnte eine Frau auf sein „Ticket“ holen oder einen Bewerber mit hispanischen Wurzeln. Oder er könnte sich für einen Moderaten entscheiden, der die Spaltung und Abneigung in der Republikanischen Partei tatsächlich „moderierte“ und zusätzlich noch ein paar Pluspunkte in besonders umkämpften Bundesstaaten holte.

          Es ist nicht wahrscheinlich, dass Donald Trump Präsident Obama im Weißen Haus nachfolgen wird. Aber ausgeschlossen ist es nicht. Hillary Clinton wird sich mit aller Energie auf einen Hauptkampf vorbereiten müssen, der noch viel brutaler werden wird als die Vorkämpfe. Und die haben schon ihre Schwächen bloßgelegt. Im Interesse Amerikas ist es zu wünschen, dass die ihr nicht zum Verhängnis werden.

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