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Wahlen in Amerika : Clinton gegen den Populisten

Siegesgewiss: Hillary Clinton vor ihrer Rede auf dem Parteitag der Demokraten Bild: Reuters

Hoffentlich siegt in Amerika am Ende die Vernunft und nicht das große Ressentiment. Es wird ein harter Kampf für Clinton mit unvorhersehbaren Wendungen. Ein Kommentar.

          3 Min.

          Für die allermeisten Verbündeten der Vereinigten Staaten ist es keine Frage, wer Barack Obama im Weißen Haus nachfolgen soll: Hillary Clinton, die Demokratin. Mit der früheren Außenministerin, Senatorin und First Lady sind sie vertraut, von ihr erwarten sie bündnispolitische Verlässlichkeit und Führung in bewegten Zeiten. Deren Gegner Donald Trump, der für die Republikaner in den Kampf um das Präsidentenamt zieht, erleben sie als Schwätzer, der den Wert von Bündnissen nicht schätzt, die Rolle Amerikas in der Welt nicht versteht, dafür offenkundig ein Faible für starke Männer und für autoritäre Politik hat. Bei Clinton wissen Deutsche, Franzosen und Japaner, woran sie sind; das Angebot ist der großen Mehrheit recht. Trump werden die allermeisten, wie gesagt, nicht die Daumen drücken.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Ja, die Vorstellung, der nächste Herr im Weißen Haus könnte der Populist Trump sein, ist gruselig. Und doch ist es nicht ausgeschlossen, dass es so kommen könnte. Es fällt jedenfalls auf, wie sehr sich die Fachleute des amerikanischen Politikbetriebs jetzt mit eindeutigen Prognosen über den Wahlausgang am 8. November zurückhalten. Sie sind zerknirscht, weil sie ganz und gar nicht erwartet hatten, dass Donald Trump seine republikanischen Mitbewerber von der Bühne fegen würde; dass sein demagogischer Stil so viel Resonanz an der weißen Wählerbasis finden und sein Populismus die Republikanische Partei kapern würde. Dass es der von den Parteigranden geschmähte Trump auf fast triumphale Weise in die Endausscheidung geschafft hat, spricht Bände über die Dynamik dieses Wahlzyklus und über die Gemütslage vieler Wähler, die in Trump den Beschützer vor den Zumutungen der modernen Welt sehen und den Rächer, auf den sie so lange warten mussten.

          Große Unbeliebtheit als wunden Punkt

          Offenkundig kommt der Trumpismus besonders bei weißen Wählern ohne College-Ausbildung sehr gut an. Das sind soziologisch und mentalitätspolitisch die Milieus, die im Vereinigten Königreich der Brexit-Kampagne zum Erfolg verhalfen. Die vergleichbaren sozialen Kräfte und Stimmungslagen in den Vereinigten Staaten bedient Trump. Er wendet sich an die – über was auch immer – Zornigen und peitscht sie auf. Wenn zwei Drittel der Amerikaner der Meinung sind, das Land sei auf völlig falschem Kurs, dann ist das Potential für eine populistische Politik gegen Eliten und gegen das System, gegen Globalisierung, Freihandel und Einwanderung nicht gerade klein. Auch in Großbritannien wurde unterschätzt, wie viele Leute sich wirtschaftlich abgehängt, sozial deklassiert und kulturell entfremdet fühlen – und von der Politik des Status quo die Nase voll haben. Es gab dann ein böses Erwachen.

          Hillary Clinton wird die populistischen Erlösungsparolen Trumps zu enttarnen suchen, so gut es geht; wobei sie nicht um die gleichen Wählergruppen kämpft. Der Kern ihrer Wählerkoalition setzt sich aus gutausgebildeten Weißen, alleinstehenden Frauen, Schwarzen und Latinos zusammen. Die Frage ist, ob diese Koalition groß genug sein wird, um in Schlüsselstaaten Trumps Erfolge bei der weißen unteren Mittelschicht und bei Arbeitern zu neutralisieren. Worauf sie sich dabei stützen kann, ist eine hocheffiziente Wahlkampfmaschinerie, der Trump bis jetzt wenig entgegenzusetzen hat und die ihn wie einen Amateur aussehen lässt. Für ihn stellt sich das Problem der Wählermobilisierung in noch größerem Maße.

          Clintons wunder Punkt ist ihre große Unbeliebtheit. Viele Wähler halten sie nicht für vertrauenswürdig und stimmen durchaus zu, wenn Trump seine Gegnerin als ultimative Repräsentantin des Establishments und als machtgierigen Apparatschik des Status quo denunziert. Das stimmt: Clinton ist seit vielen Jahren im politischen Geschäft. Und wenn es auch stimmt, dass vielen Wählern der Sinn danach steht, den „Saustall“ in Washington auszumisten, dann kann aus politischer Erfahrung schnell ein politisches Handicap werden. Bill Clinton spürt das; er suchte auf dem Parteikonvent dieses Handicap mit der Behauptung zu verringern, seine Frau sei jemand, die Wandel bewirke. Aber schon für die Anhänger ihres innerparteilichen Rivalen Sanders steht Hillary Clinton für das Gegenteil. Deswegen ist der politische Nutzen nicht eindeutig zu kalkulieren, wenn Präsident Obama seine frühere Außenministerin über den grünen Klee lobt und so zumindest den Eindruck erweckt, eine Regierung Clinton sei die Fortsetzung von Obama I und II.

          Der hässlichste in der jüngeren Geschichte

          Denn auch das gehört zu den Besonderheiten dieser Saison: Wieder ertönt der Ruf nach „change“, so wie er vor acht Jahren ertönte und Obama ins Weiße Haus trug. Diesmal ist „Wandel“ die Parole von rechts, und Donald Trump ist Marktschreier und Profiteur in einem. Wer mit einer Politik des „Weiter so“ in Verbindung gebracht wird, hat nicht die besten Karten.

          Und so steht den Vereinigten Staaten ein Präsidentenwahlkampf bevor, von dem es heißt, er werde der hässlichste in der jüngeren Geschichte. Einen Vorgeschmack darauf gab der Parteikonvent der Republikaner. Überdies muss mit unvorhersehbaren Wendungen gerechnet werden. Hoffentlich sind die nicht zum Schaden des Landes und der Welt. Hoffentlich siegt am Ende die Vernunft und nicht das große Ressentiment.

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