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Vorwahlkampf der Demokraten : Noch nicht im Herzen

  • -Aktualisiert am

Cheeeese: Hillary Clinton müht sich, sich im Vorwahlkampf nahbar zu geben – hier am 1. Mai mit einem Selfie während eines Auftritts in Indianapolis Bild: AP

Hillary Clinton ist die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten kaum noch zu nehmen. Trotzdem hat sie weiter Mühe, die Basis für sich zu gewinnen.

          In Momenten, in denen sie angegriffen wird, scheint Hillary Clinton regelrecht aufzublühen. Als Donald Trump vergangene Woche polterte, dass die ehemalige Außenministerin nur Erfolg habe, weil sie „die Frauenkarte“ spiele, reagierte Clinton wortgewaltig. „Wenn die Frauenkarte zu spielen bedeutet, für die Gesundheitsversorgung von Frauen zu kämpfen, für eine bezahlte Elternzeit und für gleichen Lohn, dann bin ich dabei“, rief sie mit heiserer Stimme ihren jubelnden Anhängern entgegen.

          Gelegenheit für kämpferische Clinton-Auftritte gab es zuletzt genug – und zwar nicht nur im Kräftemessen mit Trump und anderen Republikanern, sondern auch mit ihrem innerparteilichen Kontrahenten Bernie Sanders. Auch wenn der 68-Jährigen die demokratische Präsidentschaftskandidatur inzwischen kaum mehr zu nehmen ist, hat der lange Zeit als Außenseiter belächelte Sanders nicht nur zahlreiche Abstimmungen gewonnen, sondern der großen Favoritin auch in Fernsehduellen und anderen öffentlichen Debatten viel abverlangt.

          Hillary-Evolution statt Sanders-Revolution

          Das Clinton-Lager hat den mit harten Bandagen geführten Wettstreit der beiden demokratischen Bewerber bislang durchaus wohlwollend verfolgt. Kaum etwas wäre, da sind sich viele Strategen einig, so gefährlich für Clinton gewesen wie ein farbloser Vorwahlkampf, der das Image einer unnahbaren und machtbesessenen Karriere-Politikerin, für die sie ja viele Amerikaner halten, weiter verstärkt hätte. Dass es bunter und menschlicher wurde als befürchtet, hat Clinton, die 2008 im Vorwahl-Rennen noch gegen Barack Obama verloren hatte, vor allem ihrem diesjährigen Kontrahenten zu verdanken.

          Schlag ein, Kumpel: In Ashland, Kentucky, klatschte Clinton mit einem Stahlarbeiter ab

          Sanders habe „Leidenschaft in das Rennen der Demokraten eingespeist“, so John Hudak vom renommierten Brookings-Institut – eine Leidenschaft, die Clinton nicht entfacht hätte, wenn sie ohne Konkurrenz in Richtung Nominierungsparteitag marschiert wäre. „Bernie Sanders hat sie bei vielen Themen nach links gedrückt, aber er hat sie auch zu einer besseren Kandidatin gemacht“, analysierte Hudak bereits Ende Februar. Hillary-Evolution statt Sanders-Revolution: So könnte man das Rennen bei den Demokraten im Sinne Clintons zusammenfassen. Allerdings hat die Sache einen wichtigen Schönheitsfehler.

          #BernieOrBust: Bloß nicht Hillary

          Wer nämlich geglaubt hätte, dass sich alle Sanders-Sympathisanten nun, da das Rennen für ihren Wunschkandidaten rechnerisch so gut wie gelaufen ist, hinter Hillary versammeln würden, der sieht sich getäuscht. Unter dem Motto „Bernie or Bust“, was man in etwa mit „Bernie oder gar nicht“ übersetzen könnte, versammeln sich seit Wochen viele meist junge Sanders-Anhänger im Internet und auf den Straßen. Sollte Clinton Kandidatin der Demokraten werden, werde man nicht für sie stimmen, so der trotzige Protest derjenigen, die die frühere First Lady als unwählbare Repräsentantin einer verfilzten Establishment-Elite sehen.

          Für Clinton ist diese Entwicklung äußerst gefährlich. Von allen sich derzeit noch im Rennen befindenden Präsidentschaftsbewerbern, das zeigen Umfragen, ist nur Trump bei den Amerikanern noch unbeliebter als sie. Um Präsidentin zu werden, muss Clinton im November, sollte es wie erwartet gegen den New Yorker Milliardär gehen, eine möglichst breite Schicht von Trump-Gegnern hinter sich versammeln. Dass sie nun bereits Probleme hat, die demokratische Basis zu vereinen, dürfte für sie und ihr Team äußerst alarmierend sein.

          Sanders gibt nicht auf

          Und Sanders? Der gibt sich im Vorwahlrennen trotz verschwindend geringer Erfolgsaussichten nicht geschlagen und bleibt unbequem. „Wir haben eine Chance auf den Sieg“, gibt er zu Protokoll und hofft offenbar darauf, dass es beim Nominierungsparteitag in Philadelphia im Juli zur Kampfabstimmung kommt. Um diese zu gewinnen, müssten allerdings viele „Superdelegierte“, die sich bereits für Clinton ausgesprochen haben, die Seiten wechseln.

          Sanders’ Argument, dass sie das bei Obamas Sieg 2008 auch getan hätten, wirkt wenig überzeugend. Schließlich hatte Obama seinerzeit auch eine Mehrheit an regulären Delegierten mit zum Parteitag gebracht, was Dutzende „Superdelegierte“ dann zum Umschwenken bewegte. Sanders allerdings liegt auch bei den regulären Delegierten hinter Clinton und müsste bei den verbleibenden Vorwahlen einen Erdrutschsieg nach dem anderen holen, um daran noch etwas zu ändern.

          Die Umfragen für die an diesem Dienstag anstehende Vorwahl im Bundesstaat Indiana sagen einen weiteren (wenn auch knappen) Clinton-Sieg voraus.

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