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Gary Johnson : Hat dieser Mann Clinton die Präsidentschaft gekostet?

Gary Johnson Bild: AFP

In mehreren Staaten fehlten Hillary Clinton nur ein paar Zehntausend Stimmen zum Sieg. So mancher Demokrat hat deshalb schon einen Schuldigen für die Niederlage ausgemacht: den Kandidaten der Libertären Partei.

          3 Min.

          Viele Demokraten fühlen sich nach dem Ausgang der Präsidentenwahl in Amerika an das Jahr 2000 erinnert. Damals standen Al Gore und George W. Bush für die beiden großen Parteien auf den Wahlzetteln. Für Gore ging es darum, die Demokraten nach acht Jahren Bill Clinton im Weißen Haus zu halten, und Bush wollte den Amtssitz des mächtigsten Mannes der Welt für die Republikaner zurückerobern. Gore war Clintons Vizepräsident gewesen und konnte auf jahrelange Erfahrung im politischen System Amerikas verweisen. Bush wiederum war vorher nur sechs Jahre lang texanischer Gouverneur gewesen und galt als politisches Leichtgewicht. Doch es wurde ein enges Rennen und am Ende waren es 537 Wählerstimmen in Florida, die Bush zum Präsidenten machten.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Einer der Gründe warum Gore Florida nicht für sich entscheiden konnte war aus Sicht der Demokraten schnell der Kandidat der Grünen, Ralph Nader. Er bekam in Florida mehr als 97.000 Stimmen, und die Demokraten unterstellten, dass ein Großteil dieser Stimmen für Gore abgegeben worden wären, hätte Nader nicht auf dem Wahlzettel gestanden. Eine Annahme, die unterstützt wurde von vielen Umfragen, in denen Nader-Wähler angaben, sich eher für Gore entscheiden zu wollen, wäre es nur ein Rennen zwischen dem Demokraten und seinem republikanischen Rivalen.

          Bisheriges Ergebnis

          Der Ralph Nader dieser Wahl nun heißt Gary Johnson und war der Kandidat der Libertären Partei. Er bekam insgesamt mehr als vier Millionen Stimmen und die Demokraten unterstellen nun wieder, dass er – sowie die Kandidatin der Grünen, Jill Stein, die allerdings wesentlich weniger Stimmen bekam – Hillary Clinton die Präsidentschaft gekostet und den Republikaner Donald Trump ins Weiße Haus gebracht haben. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter häufen sich Beiträge, die Johnson- und Stein-Wähler beschuldigen, dafür verantwortlich zu sein, dass Donald Trump ins Weiße Haus einzieht.

          Ein Blick auf die Wahlergebnisse in drei Staaten, die Trump für sich entschieden hat, scheint diese Annahme zu unterstützen. In Florida war der Ausgang zwar knapp, jedoch nicht so knapp, wie vor 16 Jahren. Trump gewann den Staat den bisherigen Ergebnissen zufolge mit rund 120.000 Stimmen Vorsprung vor Clinton, Gary Johnson kam auf mehr als 200.000 Stimmen. Diese Stimmen hätten also gereicht, Clinton den Staat gewinnen zu lassen.

          Ein ähnliches Bild bietet sich in Pennsylvania. Trump hat dort rund 68.000 Stimmen Vorsprung, Johnson bekam mehr als 140.000. Auch in Wisconsin lief es so. Clinton liegt nur rund 27.000 Stimmen hinter ihrem republikanischen Konkurrenten, Johnson bekam mehr als 100.000. Zählt man in beiden Staaten Johnsons Stimmen dem Clinton-Lager zu, hätte sie diese gewonnen und wäre dank der insgesamt 59 Wahlmännerstimmen aus Florida, Pennsylvania und Wisconsin die erste Frau im Amt des amerikanischen Präsidenten gewesen.

          Befeuert werden die Vorwürfe der Demokraten von Erhebungen, die vor den Wahlen durchgeführt worden waren. Sie zeigten, dass Johnsons Kandidatur Clinton mehr Stimmen kostete als Trump. Das dürfte vor allem daran liegen, dass Johnson eine sehr sozialliberale Politik befürwortete, die Unterstützer des Demokraten Bernie Sanders, der in den Vorwahlen Clinton unterlegen war, angesprochen haben dürfte. Viele dieser jungen, gut gebildeten Wähler, die dem Revolutions-Aufruf von Sanders Glauben geschenkt hatten, wollten ihre Stimme wohl nicht der Establishment-Kandidatin Clinton geben.

          Diese Rechnungen übersehen jedoch einen wichtigen Faktor: Clinton hätte in keinem Fall sämtliche Stimmen der Drittkandidaten bekommen, hätten diese nicht auf dem Wahlzettel gestanden. Ganz im Gegenteil. Eine Nachwahlbefragung der New York Times zeigt, dass der größte Teil der Unterstützer von Johnson einfach zu Hause geblieben wäre, wenn es nur zwei Kandidaten gegeben hätte. Damit wären schon einmal zwei Drittel der Stimmen von Johnson nicht auf Clintons Konto gewandert und sie hätte sowohl in Florida als auch in Pennsylvania noch immer gegen Trump verloren. Lediglich in Wisconsin hätte ihr dieses verbliebene Stimmen-Drittel noch den Sieg bringen können. Und bezieht man dann noch mit ein, dass das restliche Drittel sich noch auf die beiden Kandidaten verteilt hätte, wäre wohl auch Wisconsin, selbst wenn Clinton ein Mehrzahl dieser verbleibenden Stimmen bekommen hätte, an Trump gegangen.

          Die Schuld der Niederlage von Hillary Clinton Gary Johnson zuzuschustern mag für die Demokraten zwar einfach sein, führt allerdings in die Irre. Dass zwei Drittel der Johnson-Unterstützer lieber nicht zur Wahl gegangen wären als einen der beiden Kandidaten der großen Parteien zu wählen, zeigt vielmehr, dass weder die Republikaner noch die Demokraten diesen jungen, gut ausgebildeten Menschen ein Angebot gemacht haben, das sie zur Stimmabgabe für diese bewogen hätte. Das ist eine Erkenntnis, die beide Parteien für die nächste Wahl in vier Jahren beherzigen sollten, wollen sie diese Wählerschicht nicht für das politische System verlieren.

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