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Nach Alarm auf Hawaii : Nukleares Roulette

Eine Atombombe explodiert 1971 über dem Mururoa-Atoll. Bild: dpa

Ein falscher Raketenalarm versetzt auf Hawaii für 38 lange Minuten Menschen in Angst und Schrecken. Und nun kommt die schlechte Nachricht.

          Hawaiis Gouverneur David Ige ließ sich durch den falschen Raketenalarm am Wochenende nicht beirren. Seit Monaten arbeitet der 61 Jahre alte Demokrat daran, Amerikas Außenposten im Zentralpazifik an die neue Realität zu gewöhnen. Einen Kalten Krieg 2.0, mit Nordkorea statt der Sowjetunion als Gegner. Seit Dezember heulen wieder die Sirenen in den Straßen, pünktlich am ersten Arbeitstag jeden Monats um 11 Uhr 45. Ein 50 Sekunden langer Heulton, gefolgt von zehn Sekunden Stille. Dann folgt nochmals eine 50 Sekunden lange Angriffswarnung.

          Im Sommer, als sich Nordkoreas Staatschef Kim Jong-un und Amerikas Präsident Donald Trump mit gegenseitigen Kriegsdrohungen überzogen, hatte Ige den Heimatschutz der Insel bereits einen Handzettel herausgeben lassen – mit Verhaltensweisen für den Fall eines nuklearen Angriffs. Nach dem Fehlalarm am Wochenende traf Ige umgehend neue Abwehrvorbereitungen, dieses Mal persönlicher Natur. Er entschuldigte sich für das „Leid und die Konfusion“, die eine als Kurznachricht gepushte Raketenwarnung der Katastrophenschutzbehörde EMA ausgelöst hatte und für 38 lange Minuten die Hawaiianer unnötig in Angst und Schrecken vor einem atomaren Angriff Nordkoreas versetzt hatte. Ige begründete den Fehler mit dem falschen Klick eines Schichtarbeiters während der Ablösung. Ein EMA-Sprecher ergänzte gegenüber der Zeitschrift „The Atlantic“, was ein Sprecher nach so einer Panne ergänzen muss: Man tue alles dafür, dass so etwas niemals mehr passieren werde. Und man brauche eine Abbruchmöglichkeit.

          Die verrostete Schraube einer komplexen Maschine

          Das klingt toll. So, als ob nur eine verrostete Schraube in einer komplexen Maschine nachgezogen werden müsste. Und in der Tat gibt es gute Gründe, den Zwischenfall für sich genommen nicht über zu bewerten. Ein Netz aus Aufklärungssatelliten, Radaranlagen und Kriegsschiffen der Amerikaner überwacht Nordkoreas Raketenaktivitäten rund um die Uhr. Binnen fünf Minuten wären sie dazu in der Lage, jeden Abschussort nördlich des 38. Breitengrades aufzuklären. Entsprechend leicht fiel es den Offizieren des amerikanischen Pazifikkommandos auch, die Raketenwarnung am Samstag umgehend als Falschmeldung zu identifizieren. Gleichzeitig aber führt der Vorfall vor Augen, wie schnell inzwischen Panik entfacht werden kann und wie stark die Gefahr eines unbedachten atomaren Schlagabtauschs gewachsen ist.

          Das gilt zunächst für die Frühwarnungsmechanismen selbst. Sollte es sich tatsächlich bei dem Fehlalarm von Hawaii um menschliches Versagen gehandelt haben, wäre das noch die Beste aller denkbaren Ursachen. Denkbar sind allerdings auch andere Szenarien. Wenn wirklich nur ein Klick dazu nötig ist, eine solche Katastrophennachricht an Hunderttausende zu versenden, können Einzelne sie auch bewusst versenden. Ein eingeschleuster Agent könnte zum Beispiel auf diese Weise versuchen, einen Zwischenfall zu produzieren. Ebenso könnten Hackergruppen sich Zugang verschaffen und das System sabotieren. Von einem technischen Versagen ganz zu schweigen.

          In der Zeit des Kalten Krieges brachte er die Menschheit mehrfach an den Rand der völligen Vernichtung. Ein defektes Computerbauteil sorgte 1979 dafür, dass ein sowjetischer Nuklearangriff auf die Vereinigten Staaten im Weißen Hause gemeldet wurde. Sonnenreflexionen vier Jahre später vice versa für einen Alarm des sowjetischen Aufklärungssystems. Beide Male waren es einzelne Männer, die den Beginn eines Atomkrieges auf eigene Verantwortung stoppten. Wohlgemerkt zu einer Zeit, wo die Supermächte sich ständig mit eben diesem Risiko auseinandersetzten und die Regierungen genau wussten, mit welcher Gefahr sie umzugehen hatten.

          Das Weiße Haus ließ davon am Wochenende wenig erkennen. Die Nachricht aus Hawaii sorgte offenbar vor allem für Hektik. In einer ersten Mitteilung hieß es, beim Raketenalarm habe es sich um eine Übung gehandelt. Auch Amerikas Präsident trug wenig dazu bei, die Lage zu beruhigen. Während Hawaii in Panik versank, setzte Donald Trump seine Golfpartie in seinem Golfclub in West Palm Beach (Florida) ungerührt fort. Erst am späten Sonntagabend brach Amerikas Oberbefehlshaber sein Schweigen zu dem Vorfall. Allerdings nur, um die Schuld dafür der Regierung des Bundesstaates zuzuschieben. Hinzu kommen Trumps Ambitionen, die Atomwaffenpolitik der Vereinigten Staaten zu lockern. Wie der britische „Guardian“ berichtet, will die amerikanische Regierung neue, kleine Atomsprengköpfe entwickeln, als Gegengewicht zu Russlands taktischen Sprengköpfen in Osteuropa. Rüstungsexperten warnen davor, dass dadurch die Wahrscheinlichkeit eines nuklearen Schlagabtauschs weiter steigt. Für die Berechenbarkeit des obersten Befehlshabers spricht das nicht.

          Vielleicht ist es da gut, dass das Vorwarnsystem Hawaiis noch nicht an den Kurznachrichtendienst Twitter angebunden ist. Wer weiß, wie der als unberechenbar geltende Präsident in dem Fall reagiert hätte?  Der amerikanischen Anwalt Bradley Moss schrieb dazu im Kurznachrichtendienst: „Wir könnten alle tot sein, wenn Trump via Twitter einen Gegenschlag befohlen hätte.“

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