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Trumps Amerika : Von Massen und Mobs

  • -Aktualisiert am

Präsident Donald Trump auf einer Wahlkampfveranstaltung in Columbia, Missouri Bild: AFP

Bei den Zwischenwahlen in Amerika zeichnet sich ein Frühwahl-Rekord ab, Präsident Trump präsentiert einen Propaganda-Kurzfilm, und seinen Republikanern gehen zwei Popkultur-Helden von der Fahne. Das Midterm-Briefing.

          Eine hohe Wahlbeteiligung gehört nicht zu dem, für was die Amerikaner weltweit bewundert werden. Umso mehr horchen Fachleute in dieser Woche auf, denn die Bürger drängen sich vor den Wahllokalen wie selten zuvor. Mehr als 24 Millionen Menschen haben laut dem Sender NBC bereits ihre Stimme beim „early voting” abgegeben. In 33 Staaten geht das nicht nur per Brief, sondern auch in Person. Zum gleichen Zeitpunkt hatten im Jahr 2014 erst 13 Millionen Wähler Gebrauch davon gemacht. „Gerade geht etwas besonderes vor sich“, sagte Michael McDonald, Politikwissenschaftler an der University of Florida, der „Los Angeles Times“. „Wir haben solche Zahlen noch nie zuvor gesehen.“

          Arizona, Colorado, Nevada und Texas sind sogar auf dem besten Wege, allein beim frühen Wählen ihre gesamte Wahlbeteiligung von 2014 in den Schatten zu stellen. Wem dieser Ansturm nutzt, ist nicht klar – Zahlen von CNN sehen etwas mehr republikanische Wähler vorzeitig ihre Stimme abgeben. Den 1966 aufgestellten Nachkriegsrekord bei den Zwischenwahlen (midterms) von 49 Prozent Wahlbeteiligung könnten die Amerikaner dieses Mal brechen.

          Kayne West fühlt sich „benutzt“

          Die Demokraten bangen derweil um ihre verwundbarsten Senatoren, die so „Red State Democrats“. Zehn Senatoren haben es in diesem Jahr besonders schwer: Sie verteidigen Sitze in Bundesstaaten, die Donald Trump 2016 gewonnen hat. Auch von ihnen wird es abhängen, ob die Republikaner im Senat ihre knappe Mehrheit behalten oder sogar noch ausbauen können. Eine dieser „Red State Democrats“ ist Claire McCaskill in Missouri. Sie tourt dieser Tage durch Landstriche, in denen Werbetafeln vor Abtreibungen warnen und Waffengeschäfte krisensichere Unternehmen sind. In North Dakota könnte Heidi Heitkamp ihren Sitz an Kevin Cramer verlieren. Heitkamp stimmte gegen Trumps Supreme-Court-Kandidaten Brett Kavanaugh und gilt seitdem erst recht als angezählt.

          Auch diese „Red State Democrats” sind durch die immer stärkere Zuspitzung und Polarisierung des Wahlkampfes unter Druck. Vor allem Donald Trump und sein Team gehen offenbar davon aus, dass der schrille Ton die Menschen an die Wahlurne bringt. Ob es die Migranten sind, die zurzeit zu Fuß zur Südgrenze der Vereinigten Staaten gehen, oder ob es Migranten-Babies sind, die im Lande zur Welt kommen und bislang Bürger wurden – Trump hält Immigration eindeutig für ein Gewinnerthema für republikanische Kandidaten.

          Das Freund-Feind-Denken regierte aber nicht nur weiter gegen Einwanderer, sondern auch gegen Linke in dieser Woche. Ein klassischer Propaganda-Kurzfilm ist der frischeste Wahlwerbespot der Republikaner, den Trump in bewährter Großbuchstaben-Lautsprecherei bewirbt: “#JOBSNOTMOBS!” Zu dramatischer Musik werden da dynamische Wirtschafts-Themenbilder zu einer optimistischen Masse verquirlt, wie gehabt. Doch diesmal wird das gegenübergestellt mit Gewaltszenen, die eine Angst machende linke Alternative zum Wirtschaftsaufschwung illustrieren sollen. Der Schwarze Block schmeißt Scheiben ein, junge Demonstranten werfen Autos um. Letzteres geschah vereinzelt bei den Protesten gegen die Straflosigkeit tödlicher Polizeigewalt, als Wut und Verzweiflung in Orten wie Ferguson in Gewalt umschlugen. Aber was ist schon der Kontext gegen ein starkes Bild und aufpeitschende Musik.

          Wo die ideologischen Gräben so tief sind oder als solche inszeniert werden, kommt man kaum noch am Wahlkampf vorbei. Das geht in dieser letzten Woche vor dem Wahltag auch Kulturschaffenden, Stars und Helden des Alltags so. Der Posterboy der afroamerikanischen Republikaner, Kanye West, hat sich noch rechtzeitig aus dem Trump-Camp verabschiedet. Nachdem seine Auftritte mit MAGA-Käppi („Make America Great Again“) und relativierende Äußerungen zur Geschichte der Sklaverei wochenlang für Schlagzeilen und Lästereien sorgten, ließ West nun eine Serie von Tweets los, mit denen er sich von der Politik lossagen wollte. Er sei „benutzt worden für Botschaften, an die ich nicht glaube”, schreibt der Mann von Kim Kardashian jetzt.

          Unterdessen meldete sich noch jemand zu Wort, über dessen Abtrünnigkeit die Konservativen nicht glücklich sein können: Chesley „Sully“ Sullenberger, der frühere US-Airways-Pilot, der 2009 durch eine Notwasserung auf dem Hudson 155 Menschen das Leben rettete, war eigentlich stets ein treuer Republikaner. Doch nun ruft Sullenberger die Amerikaner dazu auf, ihnen die Stimme zu verweigern. Die Partei sei feige und helfe denjenigen, die gegen die Interessen Amerikas handelten: „Das ist nicht mehr das Amerika, das ich kenne“, beschwerte sich Sully.

          Die Demokraten können sich heute Ermutigung holen und blicken nach Miami: Dort tritt der ehemalige Präsident Barack Obama mit Floridas Gouverneurs-Kandidat Andrew Gillum auf. Donald Trump erwartet bei der nächsten Kundgebung in Huntington, West Virginia, ebenso ein warmer Empfang. Manche seiner Mitarbeiter hofften unterdessen darauf, dass er beim Thema Einwanderung wieder etwas weniger dramatisiert, berichtet „Politico“.

          Was denken junge Evangelikale?

          Und zum Schluss noch zwei interessante Perspektiven aus den amerikanischen Medien: Das Magazin „The Atlantic“ fragt sich angesichts der Polarisierung im Wahlkampf, ob „moderate“ Vertreter beider Parteien eine aussterbende Spezies sind, und stellt unter anderem Harley Rouda vor. Der 56 Jahre alte Immobilienmakler versucht im kalifornischen Orange County, dem Kreml-freundlichen Republikaner Dana Rohrabacher nach 28 Jahren seinen Sitz im Abgeordnetenhaus abzunehmen.

          Die „New York Times“ blickt auf eine besonders wichtige Wählergruppe, die öffentlich meist von alten weißen Männern vertreten werde. Deswegen richtete die Zeitung einen Aufruf an junge Evangelikale, ihre Ansichten über Politik und Religion zu teilen. Es meldeten sich 1500 junge Menschen bei der Zeitung. Viele finden, dass Donald Trump und die Republikaner ihr Leben verbessert hätten, aber sie berichten auch von Konflikten – und politisch folgen nicht alle unkritisch ihren Eltern. Ob manche von ihnen eines Tages auch anders wählen werden als die Alten?

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