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„Flugzeug abgeschossen“ : Warum Trump Iran keinen Vorwurf macht

Sogar Pompeo gibt sich zahm

Sogar Außenminister Mike Pompeo, im Gegensatz zu Trump ein seit Jahrzehnten eingefleischter Falke aus der Anti-Iran-Fraktion, verzichtete am Donnerstag darauf, den Iranern wegen des Abschusses Vorwürfe zu machen. Obwohl der rechte Radiomoderator Ben Shapiro, der Pompeo interviewte, gewiss nichts gegen Pompeos Vision eines Regimewechsels in Teheran eingewendet hätte, wollte der Minister im Tod der 176 Menschen an Bord des Flugzeugs nur eine „enorme Tragödie“ sehen.

Gemessen an Pompeos üblichen Einlassungen zu Iran hätte man eher erwarten müssen, dass er in scharfen Tönen einen unverantwortlichen oder gar kriegerischen Akt beklagen würde, der die menschenverachtende Verkommenheit des iranischen Regimes abermals beweise. Immerhin ist es erst wenige Tage her, dass Vizepräsident Mike Pence noch versuchte, General Soleimani posthum zu einem Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 zu erklären – als wäre das tatsächliche Sündenregister des Kommandeurs der Quds-Brigaden nicht umfassend genug.

Hätte nur ein Amerikaner in dem Flugzeug gesessen, so wäre das politische Kalkül der Trump-Regierung wohl anders ausgefallen. Nun aber fällt ausgerechnet dem von Trump schon für seine sanftmütige Fassade verspotteten kanadischen Ministerpräsidenten die Rolle zu, Teheran verbal zur Rechenschaft zu ziehen. Auch Justin Trudeau fuhr zunächst allerdings kein allzu großes Geschütz auf und verzichtete auf eine moralische Bewertung des mutmaßlichen Fehlers der Iraner, den 63 seiner Landsleute mit dem Leben bezahlt haben. Für ihn hat das Ziel Vorrang, dass kanadische Ermittler Zugang zur Unglücksstelle erhalten und dass kanadische Diplomaten in die Lage kommen, die Hinterbliebenen der Opfer zum Beispiel bei der Überführung sterblicher Überreste zu unterstützen.

Das wird dadurch erschwert, dass auch Kanada keine diplomatischen Beziehungen zu Iran unterhält. In erster Linie liegt das gar nicht mehr daran, dass die Kanadier nach der Iranischen Revolution 1979 zwischen die iranisch-amerikanischen Fronten geraten waren, indem sie amerikanischen Botschaftsmitarbeitern Zuflucht gewährten, während deren Kollegen als Geiseln gehalten wurden. Schon 1990 entsandten die Kanadier wieder einen Botschafter nach Teheran. Doch Trudeaus konservativer Vorgänger Stephen Harper, der in seiner Anlehnung an amerikanische Neokonservative von Ottawas traditioneller Außenpolitik immer wieder abwich, brach die diplomatischen Beziehungen 2012 abermals ab. Er begründete das mit Menschenrechtsverletzungen, etwa in Syrien, und mit dem Bruch von UN-Resolutionen durch Irans heimliches Atomprogramm. Trudeaus Liberale hielten das für einen Fehler. Als Trudeau 2015 Harper ablöste, wollte er das Tauwetter nach der Aushandlung des Atomabkommens nutzen und die diplomatischen Beziehungen wiederaufnehmen. Daraus dürfte vorerst nichts werden.

Die verbale Zurückhaltung in Washington dürfte nicht allein darauf zurückgehen, dass Trump gleichsam brutalstmögliche Deeskalation angeordnet hat, um nicht doch noch in einen großen Golfkrieg verwickelt zu werden. Je lauter er den Iranern Vorwürfe machte, desto eifriger würden Trumps Gegner im In- und Ausland darauf hinweisen, dass es zu der „tragischen Sache“ wohl nie gekommen wäre, wenn Washington nicht die Spannungen durch Soleimanis Tötung angeheizt hätte.

Erste Demokraten und Leitartikler haben schon angefangen, dieses Argument in den Mittelpunkt zu rücken. Sollten Trumps innenpolitische Gegner diese Kritik weiter zuspitzen, könnte sich umgekehrt auch Trump genötigt sehen, Iran härter anzugreifen. An der Stelle hatte auch Pompeo keinen Zweifel gelassen: „Wie auch immer die Lage ist“, sagte er in seinem Interview mit Ben Shapiro: „Uns vorzuwerfen, dass die Maßnahmen, die Amerika ergriffen hat, um sich zu beschützen, um Amerika zu verteidigen und um in Bagdad einen Terroristen auszuschalten, irgendwelche Auswirkungen … auf das hatte, was sich die Iraner am Ende zu tun entschlossen haben, das wäre lächerlich, abstrus und eindeutig politisch.“

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