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Faktencheck zur TV-Debatte : Trumps Märchenkiste und Clintons Halbwahrheiten

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Wer hält es genauer mit der Wahrheit? Donald Trump und Hillary Clinton vor Beginn der zweiten TV-Debatte. Bild: dpa

Auch beim zweiten TV-Duell hat sich Donald Trump, was den Wahrheitsgehalt seiner Aussagen angeht, nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Aber auch Clinton hat eine wunde Stelle, bei der sie sich gerne um die Wahrheit drückt. Der FAZ.NET-Faktencheck.

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          Immer wieder bezichtigten sich der Republikaner Donald Trump und seine demokratische Gegenkandidatin, Hillary Clinton, in ihrer zweiten Fernsehdebatte gegenseitig der Lüge. „Schauen sie sich die Faktenchecks an,“ forderte Clinton das Publikum wiederholt auf. Trump dagegen konnte sich auch dieses Mal mit seinen „Falsch!“-Zwischenrufen nicht zurückhalten. Doch während Clinton versuchte, sich mit der ein oder anderen Halbwahrheit durchzumogeln, griff Trump tief in die Märchenkiste – und bestritt selbst einfach Widerlegbares, wie den Inhalt einer seiner Kommentare auf Twitter.

          FAZ.NET hat auch während dieser Debatte die wichtigsten Aussagen der Präsidentschaftskandidaten nach dem Vorbild amerikanischer Faktenchecks auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Dabei zeigt sich wieder einmal, dass Trump sich nicht zurückhalten kann, wenn es um seine teilweise maßlosen Übertreibungen wie die angeblich „Hunderttausende“ syrische Flüchtlinge in Amerika geht. Auch Clinton hat aber nach wie vor eine wunde Stelle, bei der sie sich gerne um die Wahrheit drückt: ihre Email-Affäre.

          Trump: „Und jetzt ist [der „Islamische Staat“] in 32 Ländern. Glückwunsch, großartige Arbeit.

          Stimmt: Trump bezieht sich wahrscheinlich auf eine Analyse des „Long War Journals“, einer Onlineseite, die sich auf Nachrichten zum „globalen Krieg gegen den Terror“ spezialisiert hat. Eine Recherche der Seite ergab, dass sich seit 2013 in 32 Ländern Unterstützer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) aufhalten oder aufgehalten haben. Die Journalisten des Artikels berufen sich dabei auf Nachrichtenberichte und Regierungsangaben. Der Text wurde allerdings bereits im September 2014 veröffentlicht und ist damit ziemlich veraltet –  das Terrornetz könnte sich inzwischen sogar noch weiter ausgebreitet haben. Dennoch hat Trump hier Recht.

          Trump: „All diese Probleme, sie passieren, weil Hunderttausende Menschen aus Syrien reinkommen, obwohl wir nichts über sie wissen.

          Stimmt nicht: Erst Ende August haben die Vereinigten Staaten Präsident Barack Obamas Ziel, 10.000 syrische Flüchtlinge anzunehmen, erreicht. Trumps Schätzungen von „Hunderttausenden“ liegen also weit daneben, obwohl die Zahl inzwischen verschiedenen Nachrichtenberichten zufolge auf 12.000 bis 13.000 angestiegen ist. Bevor Flüchtlinge aus Syrien jedoch überhaupt in Flugzeuge nach Amerika steigen dürfen, müssen sie einen ausführlichen Prüfungsprozess durchlaufen, der bis zu zwei Jahre dauern kann. Eine Übersicht zu den zahlreichen Kontrollen und Anforderungen gibt es auf der Internetseite des Weißen Hauses zum Nachlesen. Von „überhaupt nichts wissen“ kann also nicht die Rede sein.

          Trump: „Du kannst es sagen, wie du willst, aber Bill Clinton hat Frauen missbraucht.

          Nicht nachweisbar: Der Gegenangriff Trumps, der zu Beginn der Debatte wegen des veröffentlichten Videomitschnitts aus dem Jahr 2005, in dem er sich abfällig und vulgär zu Frauen äußert, unter Druck geriet, ist nicht gerade hieb- und stichfest. Zwar behauptet Juanita Broaddrick, die vor der Debatte gemeinsam mit Trump bei einer Pressekonferenz erschien, von Bill Clinton im Jahr 1978 vergewaltigt worden zu sein. Clinton, damals Generalstaatsanwalt von Arkansas, bestritt die Vorwürfe jedoch. Auch kam es nie zu einer Anklage gegen den ehemaligen Präsidenten.

          Wie belastbar sind Clintons Aussagen zur E-Mail-Affäre? Wie stichhaltig sind Trumps Vorwürfe?

          Neben Broaddrick sprachen auf Trumps Pressekonferenz zwei weitere Frauen, die Clinton in der Vergangenheit sexuelle Belästigung vorwarfen. Auch in ihren Fällen kam es jedoch nicht zu einem Prozess oder gar einem Schuldgeständnis. Ob Bill Clinton tatsächlich Frauen missbraucht hat, ist also nicht nachzuweisen. Trump spielen jedoch allein die Vorwürfe in die Karten, um von seinem eigenen Skandal abzulenken.

          Trump: „Hillary Clinton erhöht die Steuern für jeden auf massive Art und Weise.

          Stimmt nicht: Eine massive Steuererhöhung für Amerikaner aller Einkommensklassen sieht der Steuerplan Clintons nicht vor. Eine Analyse des „Tax Policy Center“ Instituts hat ergeben, dass Steuerzahler, die nicht zu den Top-Fünf-Prozent-Verdienern gehören, unter einer Präsidentin Clinton nur wenige Änderungen bei ihren Steuerabgaben sehen werden, sollte sich die Demokratin an ihren Plan halten. Und obwohl es für Letzteres natürlich keine Garantie gibt, ist Trumps Prognose nicht fun­diert.

          Trump: „Wir haben das geringste Wachstum seit 1929. […] Es gibt kein Wachstum in unserem Land. Es gibt kein Wachstum.

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