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TV-Duell : Es ist die Mimik, Dummkopf!

  • -Aktualisiert am

Entertainment-Highlight des Jahres: Voraussichtlich 80 Millionen Zuschauer werden erwartet. Bild: AFP

Wer hat im ersten Fernsehduell der Präsidentschaftskandidaten die besseren Karten? Hillary Clinton weiß, wie Washington funktioniert, aber Donald Trump begreift das Spiel des „Reality TV“ – und erwog, eine Ex-Geliebte von Bill Clinton in die erste Reihe zu setzen.

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          Es gibt gute Ratschläge, die niemand befolgen will. Vor dem ersten Fernsehduell zwischen Donald Trump und Hillary Clinton erklären Fachleute den Amerikanern wieder einmal, wie sie die Debatte gucken müssten, um zu beurteilen, wer die Bühne als Sieger verlässt: ohne Ton. Demnach können Kandidaten weniger durch Sachkenntnis oder Schlagfertigkeit punkten als durch totale Kontrolle über ihre Gesichtszüge und Gestik. Man muss zum Beleg dafür nicht bis zur ersten Fernsehdebatte von 1960 zurückgehen, als John F. Kennedy ganz entspannt Richard Nixon ins Schwitzen brachte. Im Jahr 2000 schnitt Al Gore Grimassen der Verzweiflung, während George W. Bush sprach, und wirkte wie ein Streber. Vor vier Jahren brachte Barack Obama in der ersten Debatte gegen Mitt Romney so wenig Körperspannung auf, dass ihm die einen Überheblichkeit und die anderen Resignation vorwarfen – unabhängig von seinen Argumenten.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Dennoch dürfte an diesem Montagabend kaum jemand den Ton abdrehen, wenn sich Clinton und Trump an der New Yorker Hofstra-Universität neunzig Minuten lang gegenüberstehen. Mit mehr als achtzig Millionen Zuschauern wird gerechnet. Damit wäre die Debatte ein Entertainment-Highlight des Jahres. Schließlich wäre Trump nicht Trump, wenn er seine Rivalin nicht mit deftigen Sprüchen bedächte. Allerdings ist unklar, ob Trump überhaupt Trump sein will. Viele Strategen sind sich einig, dass er sich endlich „präsidiabel“ zeigen müsse. Zum einen gelte es, die Skeptiker in der Republikanischen Partei zu besänftigen. Mit der Ankündigung seines früheren Rivalen Ted Cruz, auch er werde den Kandidaten wählen, den er unlängst als „pathologischen Lügner“ beschimpfte, fing das Wochenende gut an für Trump.

          Zum zweiten muss er es aber auch Wechselwählern aus der politischen Mitte leichter machen, sich einen Präsidenten und Oberbefehlshaber Trump vorzustellen. Allzu politikerhaft will der Unternehmer freilich nicht wirken. Er habe das Debattieren nicht geübt, heißt es aus seiner Kampagne, denn er wolle die Zuschauer nicht mit auswendig gelernten Phrasen anöden. Trump hat Fernsehdebatten bisher nur in größeren Runden absolviert. Im Vorwahlkampf konnte er sich leicht davor drücken, zu komplizierten Sachfragen Stellung zu nehmen. Je inhaltlicher die Debatte verlief, desto schweigsamer blieb Trump – um die erste Gelegenheit zu nutzen, mit einer persönlichen Attacke die Aufmerksamkeit weg von den Themen und auf sich zu lenken. Hillary Clinton dagegen hat zig Fernsehduelle hinter sich. Sie kennt die Details vieler Dossiers – und genau das könnte ihr zum Verhängnis werden. Denn niemand bezweifelt, dass sie sich in Washington besser auskennt als Trump. Sie hat also wenig zu gewinnen, wenn sie ihr Wissen unter Beweis stellt. Für die Demokratin besteht die größte Herausforderung darin, sympathisch und authentisch zu wirken. Dafür hat sie ausgiebig trainiert. Ob sie sich Zuneigung aber auf diese Weise erarbeiten kann, ist eine offene Frage.

          Fast gleichauf

          In den meisten Umfragen liegt Trump mit Clinton fast gleichauf. Der Republikaner hat allerdings fast keine Chance, wenn er nicht sowohl in Florida als auch in Ohio gewinnt, während Clinton auch auf anderen Wegen ins Weiße Haus gelangen könnte. Aber haben die Demokraten lernen müssen, dass Trumps Hang zur Lüge viele Wähler kaltlässt, weil die Republikaner Clinton erfolgreich als verlogenste Politikerin der Geschichte etikettiert haben. Die Zeitung „New York Times“ listete am Sonntag 31 eklatant falsche Behauptungen von Trump auf. Sie stammten alle aus der vorigen Woche. Eine bezog sich auf den Moderator des Fernsehduells, Lester Holt vom Sender NBC. Der sei ein Demokrat und werde ihn unfair behandeln, jammerte Trump. In Wahrheit hat sich Holt als Republikaner im Wählerverzeichnis registrieren lassen. Schon vor Wochen hatte Trump den Demokraten vorgeworfen, das System zu manipulieren und die drei Debatten auf Abende zu legen, an denen seine Anhänger lieber Football guckten. In Wahrheit hatte die unabhängige Kommission für Präsidentendebatten die Termine schon im vorigen Jahr festgelegt, als noch gar nicht absehbar war, wer sie bestreiten würde.

          Wie beim Football gehört psychologische Kriegsführung zum Wahlkampf. Natürlich habe Clinton es leichter, heißt es aus Trumps Stab, denn sie sei ja seit Jahrzehnten Berufspolitikerin und daher in ihrem Element. Doch Trump ist der Meister des „Reality TV“. Er versteht sich darauf, eine einfache Sprache zu sprechen – und er weiß, dass die Leute einen Kampf sehen wollen. Gern nahm er die Vorlage auf, als bekannt wurde, dass das Clinton-Team Trumps Milliardärs-Erzfeind Mark Cuban zu der Debatte einlud. Cuban ist ebenfalls mit Fernsehshows bekannt geworden und nennt Trump gern einen „Irren“. Der Republikaner reagierte mit der Drohung, Gennifer Flowers einen Platz in der ersten Reihe anzubieten. Flowers hatte 1992 den Wahlkampf aufgemischt, als sie behauptete, mit Bill Clinton eine lange Affäre gehabt zu haben. Clinton bestritt das damals, musste aber Jahre nach seiner Wahl zugeben, dass er Sex mit Flowers gehabt hatte. „Hillary Clinton hat vor, in der Debatte über Themen zu sprechen, die für das Leben der Leute eine Rolle spielen“, sagte ihre Sprecherin. „Wir sind nicht überrascht, dass Donald Trump einen anderen Weg wählt.“

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