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Treffen in Washington : Trumps Lob und Erdogans Tadel

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Der Versuch des amerikanischen Präsidenten, die Probleme mit der Türkei wegzulächeln, misslingt. Der Gast aus Ankara zeigt in Washington kein Entgegenkommen – und führt Trump zuweilen vor.

          3 Min.

          Donald Trumps Terminplanung folgt häufig einem taktischen Kalkül. Droht ihm in Washington Ungemach, haben seine Leute nicht selten eine Kundgebung irgendwo in der amerikanischen Provinz eingeplant, die für andere Schlagzeilen sorgen soll. Planen die Demokraten im Kongress einen großen Aufschlag gegen den Präsidenten, kontert das Weiße Haus mit einem Empfang eines ausländischen Gastes.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Sollte der Besuch Recep Tayyip Erdogans am Mittwoch in Washington der Logik geschuldet gewesen sein, von den Impeachment-Ermittlungen im Kapitol abzulenken, ging der Schuss jedoch nach hinten los.

          Ein einziges Mal reagiert Trump barsch

          Der türkische Staatspräsident führte seinen Gastgeber im Weißen Haus zuweilen vor – nicht demonstrativ, sondern dezent. Doch musste Trump spätestens während der Pressekonferenz im East Room bewusst geworden sein, welchen Preis der innenpolitisch motivierte Rückzug von der Weltbühne für ihn hat. Ganz gleich um welchen Konflikt es in den komplizierten türkisch-amerikanischen Beziehungen ging – Raketenprogramm, Syrien-Politik, Fetullah Gülen –, Erdogan hielt dagegen.

          Trump, der eine ganze Zeit lang versucht hatte, Erdogans ebenso ruhiges wie bestimmtes Auftrumpfen wegzulächeln, reagierte nur ein einziges Mal barsch. Ziel seines Spotts wurde freilich nicht der Gast aus Ankara, sondern ein Mitglied der türkischen Begleitpresse. Die Dame hatte eine Frage gestellt, die tatsächlich klang wie – von Erdogan – bestellt: Er, Trump, habe ja die Last der fehlerhaften Politik seines Vorgängers Barack Obama geerbt, darunter die Allianz mit der syrisch-kurdischen Terrororganisation YPG. Auch wenn er nun versuche, den Schaden, den dies für die Beziehungen zu Ankara bedeutet habe, zu reparieren, habe er den Führer der Organisation, Mazlum Kobani, ins Weiße Haus eingeladen, was für die Türkei sehr verletzend sei.

          Trump antwortete zunächst ganz ruhig: Mazlum und er arbeiteten eng zusammen und es gebe viele positive Entwicklungen. Man werde sehen, was sich ergebe. Dann, als er der Frau nahelegte, sie könne nun auch eine Frage an ihren Präsidenten richten, konnte er sich eine sarkastische Bemerkung nicht verkneifen: Ob sie denn wirklich eine Reporterin sei? Oder arbeitete sie nicht eigentlich für den türkischen Staat?

          Erdogan, gegen den diese Stichelei ebenso gerichtet war wie gegen die Frau, ignorierte dies und widmete sich dem Problem des Gründers der Gülen-Bewegung, der im Exil in Pennsylvania lebt. Es handle sich bei der Bewegung um eine Terrororganisation, die für den Putschversuch in seinem Land verantwortlich sei, bei dem 251 Personen getötet worden seien. Er betreibe von Amerika aus ein weltweites Netzwerk. Das sei inakzeptabel.

          Erdogan zeigt demonstrative Gelassenheit

          So ging das bei Erdogan in einem fort: Wenn Trump den Konflikt über das russische Raketenabwehrsystem, das der „großartige Nato-Bündnispartner“ erworben hatte, nur mit der Bemerkung streifte, die Außenminister beider Länder sprächen darüber, erwiderte der Gast aus Ankara: Nur durch Dialog könne man die Hürde überwinden, die das S-400-System für die Beteiligung der türkischen Industrie am F-35-Kampffliegerprogramm darstelle.

          Wenn Trump die weiter funktionierende Waffenstillstandsvereinbarung zwischen Türken und Kurden in Syrien lobte, die auf amerikanische Vermittlung zustande gekommen sei, ergänzte Erdogan: Die kurdischen YPG und die PKK griffen türkische Soldaten und Zivilisten in provokativer Weise an, um gegen das Memorandum zu verstoßen.

          Und als Erdogan auf den Brief Trumps angesprochen wurde, in dem der amerikanische Präsident ihm geraten hatte, nicht den harten Kerl zu spielen und „kein Narr“ zu sein, berichtete er mit demonstrativer Gelassenheit: Man habe den Brief dem Gastgeber zuvor „vorgelegt“, also zurückgegeben – eine Geste, die, wie es später von türkischer Seite hieß, Trump bedeuten sollte: Diese Sprache akzeptiere man nicht. 

          Erdogan präsentierte sich selbstbewusst. Die Lobpreisungen Trumps ließen ihn unbeeindruckt. „Wir sind seit langer Zeit Freunde, fast vom ersten Tag an“, hatte der amerikanische Präsident gesagt. Und auch: „Ich bin ein großer Fan des Präsidenten. Wir haben eine großartige Beziehung.“ Hier schien der Schwanz mit dem Hund zu wackeln.

          Ganz so, wie vor Beginn der türkischen Militäroffensive in Syrien, die Trumps Rückzug ermöglicht hatte. Vergessen ist Trumps Drohung, die türkische Wirtschaft durch Sanktionen zu zerstören. Die kurzzeitig verhängten Strafmaßnahmen hatte Trump nach der Waffenstillstandsvereinbarung wieder zurückgenommen. Und jene schärferen Strafen, die Republikaner und Demokraten im Kongress verhängen und notfalls gegen ein präsidentielles Veto durchsetzen wollen, wurden vom Senat noch nicht gebilligt.

          Trump hatte am Mittwoch gewiss nicht zufällig eine Reihe von Senatoren zum Treffen mit Erdogan ins Weiße Haus geladen, darunter die außenpolitischen Falken Lindsey Graham und Ted Cruz. Graham äußerte später: Es habe sich um eine offene Begegnung gehandelt, die sich, wie er hoffe, mit der Zeit als produktiv erweisen werde.

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