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Erdogan bei Trump : Offene Worte an einen guten Freund?

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Bild: dpa

Trotz diplomatischer Reibereien dürfte Donald Trump den türkischen Präsidenten Erdogan in Washington herzlich empfangen. Aber bei dem Besuch könnte es auch um Menschenrechtsverletzungen gegen Kurden gehen, für die die Amerikaner Videobeweise haben sollen.

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          Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat in letzter Zeit eigentlich vieles getan, das die Amerikaner gegen ihn aufbrachte. Er kaufte Anfang des Jahres ein russisches Raketenabwehrsystem, distanzierte sich wiederholt von der Nato und benutzte antiamerikanische Ressentiments, um seine Basis aufzustacheln. Den Rückzug der amerikanischen Truppen aus Nordsyrien schließlich nutzt er für seinen Krieg gegen die Kurden. Trump wiederum geriet für die Entscheidung, die Soldaten abzuziehen, in der eigenen Partei so deutlich in die Kritik wie kaum jemals zuvor. Nun treffen sich die beiden Präsidenten im Weißen Haus – und trotz seiner jüngsten Drohungen, die Türkei wegen der Aggression gegen die Kurden wirtschaftlich zu ruinieren, dürfte Trump Erdogan am Mittwoch einen herzlichen Empfang bereiten.

          Denn die scharfe Rhetorik täuschte wieder einmal. Trumps freundlicher Umgang mit Erdogan sorgt in beiden Kongress-Parteien schon länger für Kritik. Die Entscheidung, die Truppen aus Nordsyrien abzuziehen, kam Anfang Oktober nach Telefonaten mit dem türkischen Präsidenten zustande, die Trump nicht mit seinen Beratern abgesprochen hatte. In der vergangenen Woche soll er Erdogan nun abermals einen Handels-Deal über 100 Milliarden Dollar angeboten haben – dies und die Vermeidung von Sanktionen seien immer noch möglich, signalisierte der amerikanische Präsident dem Amtskollegen in einem Brief. Der demokratische Senator Chris van Hollen, der gemeinsam mit sieben Parteikollegen und acht Republikanern im Senat Sanktionen gegen die Türkei beantragte, bezeichnete den Besuch und das Angebot als „beschämend“. Verteidiger Trumps gaben zu bedenken, dass der Präsident Erdogan so zu einem Rückzug in Nordsyrien bewegen könne, nachdem bereits ein Waffenstillstand erreicht worden war.

          Netzwerk der Schwiegersöhne

          Trump hatte Vertreter beider Parteien verärgert, in dem er Erdogan mehrfach einen „Freund“ und „starken Führer“ genannt hatte. Die Vorliebe für persönliche Beziehungen zu autoritären Herrschern ist ein bestimmendes Merkmal seiner Präsidentschaft. Er traf sich nicht nur mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un, er lobte auch den philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte und bereitete Ungarns Premier Viktor Orbán einen warmen Empfang in Washington. Hinter der Beziehung zu Erdogan stehen persönliche Kontakte und jahrelange Geschäftsbeziehungen der Trump-Organisation.

          Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, der für allerlei außenpolitische Sonder-Missionen zuständig ist, baute nicht nur gute Verbindungen zum türkischen Finanzminister Berat Albayrak auf, der seinerseits Schwiegersohn von Erdogan ist. Teil von Kushners Türkei-Netzwerk ist auch Mehmet Ali Yalcindag, ein Geschäftspartner der Familie Trump und Vorsitzender des türkischen Wirtschaftsrates. Wie Kushner und Albayrak heiratete auch Yalcindag in einen mächtigen Clan ein. Er ist der Schwiegersohn von Aydin Doğan, dem einflussreichsten Medienunternehmer der Türkei, und koordinierte für Doğan den Trump-Tower-Bau in Istanbul, der 2012 eröffnet wurde.

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          Albayrak und Yalcindag sollten über ihren Kontakt zu Kushner die Beziehungen zu den Amerikanern verbessern, wie Erdoğan selbst im Frühjahr sagte. „Diese Brücke funktioniert sehr gut auf diese Weise“, zitierte ihn die „New York Times“. Albayrak habe die Gespräche mit Trumps Schwiegersohn freimütig als „Diplomatie der Hintertür“ bezeichnet, so die Zeitung. Kritiker Trumps nennen diese Art des Präsidenten, Geschäft und Politik zu verbinden, unverhohlene Vorteilsnahme. Schließlich ist er nur auf dem Papier von allen Funktionen in seinem Familienunternehmen zurückgetreten. Es sei angesichts dieser weit zurück reichenden Verbindungen kaum möglich zu unterscheiden, wo Trump seine Türkei-Politik auf die Interessen der Vereinigten Staaten ausrichte und wo es ihm in erster Linie um die Interessen seiner Familie und des Unternehmens gehe, warnte der türkische Journalist Ilhan Tamir bereits vor drei Jahren. Diese Befürchtungen schienen sich durch Trumps Abzug aus Nordsyrien und seinen Widerstand gegen Sanktionen in den vergangenen Wochen zu bestätigen.

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