https://www.faz.net/-gpf-9g6zj

Wahlkampf-Endspurt mit Obama : „So funktioniert unsere Demokratie nicht!“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Der Demokrat Andrew Gillum will der erste schwarze Gouverneur von Florida werden – und wird von Donald Trump als „Dieb“ beschimpft. Wie aufgeheizt die Stimmung ist, wird bei einem Obama-Auftritt in Miami deutlich.

          3 Min.

          Weißes Oberhemd, aufgekrempelte Ärmel, so sprintet Barack Obama an diesem feuchtheißen Freitag auf die Bühne in Miami. Ice Palace, Eispalast, heißt das Filmstudio, in dem er heute beim Wahlkampfendspurt spricht. Der Empfang ist warm – Hunderte sind stundenlang angestanden, um den Mann zu sehen, den viele immer noch „my president“, ihren Präsidenten, nennen. Befreit von der Bürde des Amtes und den Limits des Machbaren gibt Obama ihnen mehr denn je, was das progressive Herz erwärmt. Nichts weniger als der amerikanische Traum selbst sei in Gefahr – und der Kampf darum wird auch bei der Gouverneurswahl in Florida geführt, lautet die Botschaft.

          „Jedes Mal, wenn man versucht, mehr Menschen an diesem Traum teilhaben zu lassen, dann gibt es Gegenwehr“, ruft der ehemalige Präsident den jubelnden Menschen in der Halle zu. „Der Status Quo schlägt zurück. Ihr erstreitet das Recht, eine Gewerkschaft zu gründen? Dann kommt einer und versucht, die Gewerkschaft zu zerschlagen. Ihr erringt einen höheren Mindestlohn – dann beschließt der Kongress, den Mindestlohn für ein Jahrzehnt nicht zu erhöhen. Ihr gewinnt das Wahlrecht? Sie machen es Euch schwer, zu wählen. Dieses Land besser zu machen, war nie einfach!“ erklärt Obama. „Ich liebe dich!“ ruft jemand. „Ich liebe dich auch, Mann,“ sagt Obama mit einem Augenzwinkern, hebt den Zeigefinger, spricht weiter. Vor zehn Jahren, als er Präsident werden wollte, hätten die Republikaner auch gerade die Steuern für die Reichen gesenkt. Der Kampf sei niemals vorbei, doch das sei kein Grund, aufzugeben.

          Andrew Gillum will Gouverneur werden: Der Bürgermeister von Tallahassee wäre der erste schwarze Landeschef von Florida.

          Selbst jetzt nicht, wo so viele Menschen auf die Botschaften von Donald Trump anspringen. Obama nennt seinen Nachfolger nicht beim Namen, aber das muss er auch nicht. Die Republikaner machten Wahlkampf damit, andere Menschen herabzusetzen und gegen sie zu hetzen. Nichts weniger als die amerikanische Demokratie sei in Gefahr. „Und dann beklagen sie sich anschließend über einen Mangel an Anständigkeit?“ Obama schimpft auch über die neuen Pläne zum Staatsbürgerschaftsrecht. „Der Präsident entscheidet nicht allein, wer Bürger dieses Landes ist. So funktioniert dieses Land nicht und so funktioniert unsere Demokratie nicht!“

          Krankenversicherung für alle und schärfere Waffengesetze

          Obama ist vor allem seinetwegen gekommen: Andrew Gillum will Gouverneur werden. Der 39 Jahre alte Bürgermeister von Tallahassee wäre der erste schwarze Landeschef von Florida und der dritte Afroamerikaner, der je zum Gouverneur gewählt wurde (zwei weitere ehemalige Amtsinhaber wurden aus der Stellvertreterfunktion ernannt). Der Kandidat gilt als progressiv, der linke Senator Bernie Sanders aus Vermont war in dieser Woche auch schon hier in Miami. Die Krankenversicherung für alle, schärfere Waffengesetze und ein besserer Zugang zu Bildung sind die wichtigen Themen in Gillums Wahlkampf, und viele in Florida nehmen sie ihm ab. Gillum wuchs als Kind eines Bauarbeiters und einer Busfahrerin auf. „Ich habe phantastische Chancen bekommen von meinem Land und ich will, dass jedes Kind in Florida diese Chancen bekommt. Gebt mir die Chance, Euer Gouverneur zu sein”, ruft er den Menschen in Miami zu.

          Manch einer hält das Rennen zwischen Gillum und Konkurrent Ron DeSantis für eine Art Kleinversion des Kampfes zwischen Obama und Trump – auch, weil DeSantis viele in Botschaft und Auftreten an Trump erinnert. Ana Navarro, eine republikanische Politikberaterin und Kommentatorin, die bei CNN bekannte, Gillum gewählt zu haben, nannte DeSantis einen „Mini-Me“ und eine „Echo-Kammer“ des Präsidenten. Gillum zog in letzter Zeit immer Mal wieder die Aufmerksamkeit von Donald Trump auf sich – im negativen Sinne: „In Florida haben die Leute die Wahl zwischen einem in Harvard/Yale ausgebildeten Mann namens @RonDeSantisFL, der ein großartiger Kongressabgeordneter war und ein großartiger Gouverneur sein wird, und einem Demokraten, der ein Dieb ist und der Bürgermeister des schlecht regierten Tallahassee ist, von dem man sagt. es sei eine der korruptesten Städte Amerikas.“

          Mehrmals wird Obama unterbrochen

          Tatsächlich läuft in Tallahassee eine Untersuchung wegen Korruption, dem Bürgermeister persönlich wird aber bislang vor allem angelastet, dass er zwei geschenkte Musicaltickets annahm. Belege dafür, dass Gillum „ein Dieb“ sei, lieferte Trump wie gewohnt nicht. Aus dem Umfeld des Präsidenten hieß es, es ärgere ihn, dass das Rennen in Florida so knapp sei. Gillum liegt gegen Konkurrent Ron DeSantis derzeit dünn mit 49 zu 48 Prozent vorn. Auch Bill Nelson tritt wieder an, der amtierende demokratische Senator neben Republikaner Marco Rubio. Nelson führt laut CNN gegen Rick Scott mit 49 zu 47 Prozentpunkten Vorsprung.

          Wie aufgeheizt der Wahlkampf ist, ist am Freitag in der „Ice Palace”- Halle nur am Rande zu sehen. Mehrmals wird Obama unterbrochen – im Publikum gibt es auch solche, die stundenlang Schlange gestanden haben, um zu protestieren. Es sind zwar wenige, aber sie schreien laut genug, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Obama hält inne und sagt: „Eins verstehe ich immer nicht, wenn ihr für den anderen Kandidaten sein wollt, dann geht doch den anderen Kandidaten unterstützen.”

          Ein paar junge Männer zetteln im Gedränge eine Rempelei an, einer hat ein DeSantis-Transparent dabei, zwei Ordner begleiten ihn hinaus. Sonst bleibt es friedlich an diesem feuchtheißen Tag in Miami. Als alles vorbei ist, sind sie vor der Halle noch ganz euphorisiert. „Das war phantastisch, ich bin noch auf Adrenalin”, lacht ein junger Mann. Und Trump? Der lästert über Obamas Anziehungskraft. Ein ganz schön kleines Publikum habe sein Vorgänger bei seinen Auftritten in Atlanta und Miami angezogen, spottet er.

          Weitere Themen

          Obama ist wieder da

          FAZ Plus Artikel: Trumps Gegner : Obama ist wieder da

          Viele vermissen einen Staatsmann wie Barack Obama. Im Zuge der Unruhen gilt das umso mehr. Der frühere Präsident steht für ein anderes Amerika und teilt gegen seinen Nachfolger Donald Trump aus. Kann das gutgehen?

          Topmeldungen

          Schulen und Kindergarten virenfrei? Kurz vor Pfingsten wurden in einem Kindergarten in Athen die Lockerungsmaßnahmen aus dem Lockdown vorbereitet.

          Verbesserte Drosten-Studie : Kein bisschen Rückzieher

          Es darf weiter gestritten werden, ob Kinder so ansteckend sind wie Erwachsene. Eins haben die gescholtenen Charité-Forscher um Christian Drosten mit ihrer umgearbeiteten Viruslast-Studie gezeigt: Gute Kritik ist die beste Medizin.
          Wenn Flieger stillstehen, hilft der Staat.

          Hilfen für die Industrie : „Peinlich und rückwärtsgewandt“

          Die Förderung einzelner Branchen wie der Autoindustrie und von Fluggesellschaften führt zu wettbewerbsrechtlichen Problemen. Daniel Zimmer, früherer Chef der Monopolkommission, kritisiert das deutsche Konjunkturpaket.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.