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Nordkorea-Krise : Wenn Trump in den Krieg ziehen will

Die nächste militärische Eskalationsstufe wäre es, eine ballistische Rakete Nordkoreas bereits am Boden zu zerstören. Würden die Startvorbereitungen rechtzeitig entdeckt, könnte Präsident Trump den Befehl für einen Luftangriff geben. Mit Marschflugkörpern, die von amerikanischen Kriegsschiffen oder U-Booten in der Region abgeschossen werden könnten, würde das Ziel binnen Minuten zerstört. Auch Kampfflugzeuge könnte die Aufgabe übernehmen, allerdings deutlich langsamer und mit der Gefahr eigener Verluste. Dieser Schritt böte in jedem Fall ein erheblich größeres Risiko, sollte Nordkoreas Machthaber ihn als Vorbereitung für einen breiter angelegten militärischen Angriff sehen. Militärexperten halten es für möglich, dass in diesem Fall Nordkoreas Streitkräfte den Befehl zum Beschuss von Seoul oder gar zum Überschreiten der demilitarisierten Zone geben würde. Ein neuer Korea-Krieg würde ausbrechen.

Jede weitere Eskalationsstufe würde die Kriegsgefahr auf der koreanischen Halbinsel weiter wachsen lassen. Dabei wäre es unerheblich, ob Präsident Trump die Zerschlagung des Atom- und Raketenprogramms oder die Absetzung des Kim-Regimes militärisch zu erreichen suchte. Am Ende wäre eine amerikanisch geführte Invasion Nordkoreas wohl unvermeidbar. Eine solche Operation könnten die amerikanischen Streitkräfte jedoch nicht aus dem Stand führen, selbst mit schlagkräftigen Verbündeten wie den südkoreanischen Streitkräften.

Nordkoreanische Artillerie im Manöver, auf einem Foto der Nachrichtenagentur KCNA

Das renommierte Londoner Institut für Strategische Studien (IISS) geht davon aus, dass das Pjöngjang-Regime rund 1,2 Millionen Soldaten unter Waffen hält. Hinzu kommt eine Reserve von 600.000 Frauen und Männern sowie 5,7 Millionen Paramilitärs. Auch wenn die konventionellen Waffensysteme Nordkoreas weitgehend veraltet sind, müssten sich die Amerikaner auf einen blutigen Konflikt einstellen. Besonders die Tausenden an der Grenze eingegrabenen Artilleriegeschütze könnten in den ersten Tagen für erhebliche Verluste sorgen.

Für eine Invasion müssten die amerikanischen Streitkräfte über längere Zeit umfangreiche Vorbereitungen treffen. Truppen müssten eingeschifft und stationiert, Munitionsbestände aufgefüllt, Panzer und Artillerie entladen – und vor allem die rund 250.000 in Südkorea lebenden Amerikaner in Sicherheit gebracht werden. All das würde Nordkorea kaum verborgen bleiben. Es ist nicht anzunehmen, dass Kim Jong-un diesen Bemühungen tatenlos zusehen würde. Sollte er seinerseits auf militärische Stärke setzen, würde er sein Land im günstigsten Fall auf eine Invasion vorbereiten und die Stellungen seiner Streitkräfte härten. Doch wäre nicht auszuschließen, dass er seinerseits zuerst losschlagen würde. Besonders im Raum der 10-Millionen-Metropole Seoul, die in Reichweite der nordkoreanischen Artillerie liegt, würde binnen kürzester Zeit Zehntausende Tote drohen.

Die größte Eskalationsstufe, über die Donald Trump verfügt, ist militärisch zugleich die einfachste. Ein präemptiver Einsatz von Atomwaffen ist im Pentagon nach allen vorliegenden Informationen nicht vorgesehen und dürfte selbst für Trump keine ernsthafte Option sein. Anders sieht es aus, sollte Kim Jong-un eine Atombombe gegen Amerika oder seine Verbündeten einsetzen, vor allem dann, wenn dabei zahlreiche Menschen ums Leben kommen. Es wäre wohl der letzte Befehl des jungen Diktators. Dann dürfte Amerikas Präsident zum atomaren Gegenschlag ausholen. Um die nötigen Befehle zu geben, bräuchte er nur wenige Minuten.

Von Begeisterung für solche Pläne ist in Washingtons Militärelite nichts zu spüren. Neben der üblichen Loyalitätsbekundungen gegenüber dem Präsidenten weist Verteidigungsminister James N. Mattis seit Wochen immer wieder darauf hin, welch schreckliche Folgen ein Krieg auf der koreanischen Halbinsel haben würde.

Der ehemalige Nato-Befehlshaber und Navy-Admiral James Stavridis brachte derweil am Freitagabend noch eine weitere Möglichkeit ins Spiel. Dem Fernsehsender NBC sagte er, im Konfliktfall käme auch eine Cyberoffensive in Betracht. Doch er empfahl dringend, dass die Regierung zuvor zehn Empfehlungen befolgen sollte. Die Erste richtete sich direkt an Donald Trump: Er solle rhetorisch abrüsten und improvisierte Äußerungen über „Feuer und Wut“ unterlassen – und weniger an „Game of Thrones“ denken.

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