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Amerika unter Trump : Das bedrohliche politische Genie des Steve Bannon

  • -Aktualisiert am

Stratege hinter Trumps Kampf gegen den „Sumpf“ in Washington: Steve Bannon Bild: AP

Man kann Donald Trump nicht ohne Steve Bannon verstehen. Der Ideologe hat verstanden, wie er dem politischen Gegner zusetzen kann – und der geht immer wieder in seine Falle. Ein Gastbeitrag.

          8 Min.

          In seinem verhängnisvollen Interview mit Robert Kuttner von „The American Prospect“ haben Steve Bannons Bemerkungen über eine härtere Haltung im Handelsstreit mit China, den Kampf gegen seine Feinde in der Regierung und die Sinnlosigkeit einer Militäraktion gegen Nordkorea für die größten Schlagzeilen gesorgt. Sein Kommentar zu Identitätspolitik wurde weithin übersehen – dabei eröffnete gerade er den wichtigsten Einblick in den brillanten – und zynischen – Geist von Präsident Trumps früherem Wahlkampfleiter und vor kurzem entlassenem Chefberater.

          „Je länger die Demokraten über Identitätspolitik sprechen, desto früher kriege ich sie“, spottete Bannon gegenüber Kuttner. „Ich will, dass sie jeden Tag über Rassismus sprechen. Wenn die Linke sich auf die Themen Rasse und Identität konzentriert und wir uns auf ökonomischen Nationalismus, dann können wir die Demokraten zermalmen.“

          Selten deckt ein politischer Stratege so offen seine Pläne auf. Und noch seltener scheitern seine Gegner so grundlegend daran, ihre Taktik im Gegenzug neu auszurichten. Von dem Tag an, an dem Trump seine Präsidentschaftskandidatur bekanntgab und Mexikaner böswillig als Vergewaltiger verleumdete bis zu der Veröffentlichung eines Videos, in dem er sich über das Befummeln von Frauen lustig machte, hat die amerikanische Linke vor allem mit solchen Slogans gegen Donald Trump gekämpft, die Identität betreffen: dass Trump ein Rassist sei, ein Frauenfeind, ein Fremdenfeind, ein islamophober Eiferer.

          Als Trump Bannon als Leiter seines Wahlkampfs anheuerte, stürzten Hillary Clinton und ihr Team sich mit großem Eifer auf ihn. Clinton ging sogar so weit, Bannon in einer Wahlkampfrede persönlich zu attackieren – ein seltenes Zeichen von Berühmtheit für einen Wahlkampfchef. Auch wenn diese Vorwürfe gegen Trump viel Gutes hatten (und ich ihnen zustimme), ist diese Strategie eindeutig gescheitert. Denn Trump gewann die Wahl nicht nur, sondern sogar mit einer höheren Quote bei den Schwarzen und den Latinos als sein republikanischer Vorgänger – und mit einer respektablen Quote von 42 Prozent bei Frauen.

          Trump war ein Schock für die politische Korrektheit

          Dieses Ergebnis war ein Schock für die Menschen, die in Festungen der Demokraten leben, in den Metropolregionen und College-Städten. Und es war besonders für die Medien ein Schock, die mit unerschütterlicher Gewissheit vorhergesagt hatten, dass Donald Trump nie zum Präsidenten gewählt werden könne. Sie konnten nicht ergründen, wie ein Mann, der Minderheiten so leichtfertig verunglimpfte und das Konzept der politischen Inkorrektheit in so erschreckende Abgründe führte, die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten hatte erreichen können.

          Doch lange, bevor irgendjemand Trump ernsthaft als möglichen Präsidentschaftskandidaten betrachtete, sah Steve Bannon in dem New Yorker Immobilienmagnaten einen möglichen Bannerträger für ein immer polarisierteres Amerika. Trump wurde das Gefährt, durch das Bannon eine Erkenntnis implementieren konnte, die sich in Amerika (und auch anderswo) als ziemlich verlässlich erwiesen hat: Wenn sie gezwungen werden, zwischen einem chauvinistischen, fremdenfeindlichen, mehrheitlerischen nationalistischem Rechten und einem selbstgefälligen, post-nationalistischen, von politischem Identitarismus besessenen Linken zu wählen, entscheiden sich die meisten für den Ersten.

          Während seiner kurzen, achtmonatigen Zeit im Weißen Haus hat sich Bannon – der als „Leninist“ beschrieben worden ist – der Verwirklichung dieser Dialektik verschrieben. Sein Einfluss lässt sich an drei politischen Schlachten ablesen, die er mit angestiftet hat und die alle darauf abzielten, Trumps politische Gegner und die Medien (von Bannon als „Opposition“ tituliert) auf ein politisches Terrain zu zwingen, auf dem die Rechte traditionell einen Heimvorteil hat: den so genannten „Einreisestopp für Muslime“, das hastig verkündete Verbot für Transgender beim Militär und der vor kurzem ausgebrochene Kampf um Denkmäler und historische Erinnerung. In jedem dieser Fälle hat Bannon Demokraten und Liberale durch einen Anschubser dazu gebracht, Positionen anzunehmen, die bei ihren Anhängern und der Medienelite gerade in Mode, für eine große Mehrheit der Amerikaner aber entweder unpopulär oder irrelevant sind. Indem sie seinen Köder immer wieder geschluckt hat, hat die amerikanische Linke Bannon erlaubt, sie zu definieren.

          Immer dabei: In den ersten Amtsmonaten von Trump wich Bannon dem Präsidenten nicht von der Seite

          Nehmen wir den Einreisestopp, der, so kontrovers und unmoralisch er sein mag, nur sieben mehrheitlich muslimische Länder betrifft. Der erste Fehler der Liberalen war es, die Präsidentenverfügung als „Einreisestopp für Muslime“ zu bezeichnen – und das nicht nur, weil diese Bezeichnung faktisch falsch ist, sondern weil die Amerikaner angesichts der Aussicht auf mehr muslimische Migranten ehrlich gesagt nicht gerade enthusiastisch sind. Laut Umfragen gibt es eine überwältigende Mehrheit für den Einreisestopp, 60 Prozent der Amerikaner sind dafür und nur 28 Prozent dagegen. 56 Prozent der Unabhängigen und 41 Prozent der Demokraten unterstützen Trumps Position.

          Bannon selbst hätte die Reaktion der Liberalen nicht besser planen können: In der Minute, in der der Stopp verkündet wurde, rannten die Demonstranten im ganzen Land zu den Flughafenterminals und verunglimpften Trump. Am New Yorker JFK-Flughafen schrien Hunderte „Keine Grenzen, keine Nationen, Fuck Deportationen“ – eine Botschaft, die bei jenen Wählern, die die Demokraten zurückgewinnen müssen, um bei den Wahlen 2018 und 2020 zu gewinnen, mit Sicherheit ganz toll ankommt. Trump, der Bannons strategischem Rat folgte, konnte sich als Mann präsentieren, der hart gegen den Terrorismus vorgeht, während seine Gegner für die Integration von Muslimen argumentierten.

          „Gebt mir mehr“, schwärmte Bannon

          Danach folgte das Verbot für Transgender im Militärdienst, zu dessen Verkündung auf Twitter Bannon angeblich Trump überredete und der die Miltärführung offenkundig kalt erwischte. Obwohl eine Mehrheit der Amerikaner es unterstützt, dass Transgender das Recht haben, im Militär zu dienen, ist es schwer vorstellbar, dass Trump wegen dieser Entscheidung irgendwelche Unterstützer verloren hat. Für seine Basis aber war das, was er damit anbot, rohes Fleisch. Außerdem ist es die Art von Modethema, die umso unmusikalischer klingen, je mehr die Demokraten darüber reden und absurde Behauptungen machen wie jene, 150.000 Transgender hätten im Militär gedient, was bedeuten würde, dass doppelt so viele angeworben worden wären wie aus der allgemeinen Bevölkerung.

          Damit kommen wir zum dritten belasteten Thema, den Bürgerkriegs-Denkmälern. Es war Bannon, isoliert unter den Beratern des Präsidenten, der Trump dazu riet, sowohl die Neonazis als auch die linken Demonstranten für die Gewalt in Charlottesville zu verurteilen. Und es war Bannon, der sich in einem Interview mit der „New York Times“ damit brüstete, Trump zu seiner aalglatten Erklärung zur Entfernung der Konföderierten-Denkmäler ermutigt zu haben, in der Trump das Land rhetorisch fragte, ob die Entfernung von Robert E. Lee auch zur Auslöschung von Washington und Jefferson führen werde. „Gebt mir noch mehr“, schwärmte Bannon in der „New York Times“ über die Reaktion der Liberalen auf Charlottesville. „Reißt noch mehr Denkmäler nieder. Erklärt, dass die Revolution kommt. Ich kann nicht genug davon bekommen.“

          Wie schon beim Reise- und Transgender-Verbot war die Reaktion des „Widerstands“ die eines Pawlowschen Hundes. In den vergangenen beiden Wochen haben Demonstranten Konföderiertendenkmäler niedergerissen, das Lincoln Memorial wurde mit Graffiti beschmiert und eine Lincoln-Büste in Chicago verunstaltet. Ein demokratischer CNN-Mitarbeiter forderte die Zerstörung der Denkmäler von Washington und Jefferson (was die Zerstörung zweier der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten in Washington bedeutet würde), und ein demokratischer Kongressführer schrieb einen Gesetzentwurf, in dem er die Entfernung der Konföderierten-Statuen vom Kapitol forderte. All dies geschieht vor dem Hintergrund von Umfragen, in denen 62 Prozent der Amerikaner sich für den Verbleib der Konföderierten-Denkmäler aussprechen – und darunter sind 44 Prozent Demokraten und, überraschender Weise, eine Mehrheit der Afroamerikaner.

          „Präsident Bannon“ – für manchen Trump-Anhänger wie hier in Palm Beach, Florida, ist das eine tolle Vorstellung

          Unter allen Schocks, die diese Trump-Präsidentschaft bereithält, ist es die öffentliche Reaktion – oder ihr Ausbleiben – auf Charlottesville und seine Nachwirkungen, die die größte Fassungslosigkeit bei den Eliten in Politik und Medien hervorgerufen haben. In all der Zeit, die ich Trumps Wahlkampf und seine Präsidentschaft schon begleite, kann ich mich nicht an ein einzelnes Vorkommnis erinnern, auf das es einen entsetzteren negativen Aufschrei der Medien gegeben hätte als nach den Geschehnissen in Charlottesville. Doch indem er Bannons Rat folgte, gelang es Trump, die Kontroverse über die Verurteilung von Gewalt hin zu einer Debatte über das politisch weitaus ungefährlichere Thema der Bilderstürmerei zu drehen, bei dem sich die öffentliche Meinung dramatisch von der der Medienelite unterscheidet. Und sogar in Bezug auf Trumps Bemerkung, „beide Seiten“ seien für die Gewalt in Charlottesville verantwortlich – eine Äußerung, die ihm heftigere und breitere Beschimpfungen einbrachten als alles, an das ich mich erinnern kann – stimmen 40 Prozent der Amerikaner ihm dahingehend zu, dass sie die äußerste Rechte und die äußerste Linke gleichermaßen verantwortlich machen.

          Ein großer Teil dieses Bruchs zwischen den Medien und der Öffentlichkeit hat mit dem Medium Twitter und einer Obsession für Kabelfernsehen zu tun. Twitter ist zu einer Echokammer für Reporter und politische Kommentatoren geworden, in der moralische Entrüstung die Währung ist und das Bedürfnis, dem anderen immer eine Nasenlänge voraus zu sein, ein Zeitvertreib ist. Jeder versucht den anderen mit seinen schnellen Seitenhieben auf das neueste scheußliche Verhalten des Präsidenten zu übertrumpfen. Das Kabelfernsehen wiederum wird nur von relativ wenigen Menschen gesehen (nicht mehr als ein paar Millionen in einem Land mit 320 Millionen Einwohnern), von denen viele politische Journalisten sind. Der 24-Stunden-Nachrichtenkreislauf und sein ständiges Bedürfnis nach Kontroverse, kombiniert mit der rasenden Inkompetenz der Trump-Regierung, verschärft das Problem der hysterischen Berichterstattung, indem es Journalisten dazu zwingt, selbst unwichtige Entwicklungen in atemlose Benommenheit zu kleiden.

          Die Verbundenheit der Medien zu Twitter und dem Kabelfernsehen macht sie blind dafür, was Bannon begreift: Dass die Demokratische Partei immer mehr eine Geisel ihrer aktivistischen, progressiven, von Identitätspolitik getriebenen Basis wird, die von Themen besessen ist, die für die große Mehrheit der Amerikaner nicht relevant sind, aber gut auf Twitter und MSNBC laufen. Die sozialen Netzwerke haben die Stimmen, die diese Themen vorantreiben, noch verstärkt – und auch ihren Einfluss auf die tagtägliche politische Entscheidungsfindung und die Nachrichtenauswahl. Schon bei Breitbart hat Bannon dieses Phänomen in der ersten Reihe beobachten können, wo sich der Fokus auf die Exzesse der politisch korrekten Linken bei den Lesern als ungemein erfolgreich erwiesen hat – und auch später in Trumps Wahlkampf, in dem sich das Schüren von Ressentiments gegen die herablassende liberalen Eliten als gewinnbringende Strategie erwies.

          Bannon will die Demokraten radikalisieren

          Bannon sieht seinen Job darin, die Radikalisierung der Demokratischen Partei weiter zu voranzutreiben; „die Widersprüche hervorzuheben“, wie ein Leninist sagen würde, und er scheut sich auch nicht, diese Strategie öffentlich zu verkünden.

          Das Bannon die Regierung verlassen hat, heißt nicht, dass sich diese Strategie ändern wird. Sein Abschied hat nichts mit Politik zu tun, in der seine Instinkte die von Trump spiegeln wie bei keinem anderen, der noch im Weißen Haus ist – sondern vielmehr damit, was jeder Entscheidung in Trump-Land zugrunde liegt: mit dem Narzissmus des Präsidenten. Trump hat entschieden, Bannon loszuwerden, weil es ihm missfiel, wie sein Untergebener die Aufmerksamkeit auf sich lenkte, als wäre er der Zauberer hinter dem Vorhang. Als Trump Bannon zum ersten Mal öffentlich kritisierte, nachdem dieser auf dem Cover des „Time“-Magazins erschienen war, war dies eine Antwort auf die Wahrnehmung, es sei „Präsident Bannon“, der eigentlich regiere. „Ein Kerl, der für mich arbeitet“, nannte Trump seinen Chefberater damals unmissverständlich. Als er letzte Woche bei seiner Pressekonferenz in Manhattan zu Bannon gefragt wurde, betonte Trump: „Ich habe 17 Senatoren und Gouverneure hinter mir gelassen und die Vorwahlen gewonnen. Mr. Bannon kam erst viel später.“ Die Botschaft hätte nicht klarer sein können: Es war Trump, und nur Trump allein, dem die Anerkennung für den Sieg bei der Präsidentenwahl gebührt.

          Einflüsterer im Hintergrund: Das Vermächtnis des Steve Bannon, so steht zu vermuten, wird bleiben – selbst wenn er das Weiße Haus mittlerweile verlassen hat

          Deshalb sollten wir damit rechnen, dass Trump die Bannonsche Strategie, die Rolle des obersten Kulturkämpfers zu spielen, fortsetzen wird. Diese Einschätzung von Bannons politischem Scharfsinn sollte nicht als moralisches Urteil über die politischen Vorschriften interpretiert werden, denen zu folgen er Trump angewiesen hat. Um es klar zu sagen: Ich stimme Bannon und Trump weder beim Einreisestopp zu, noch beim Verbot für Transgender im Militär oder in der Frage der Konföderierten-Denkmäler. Aber ich bin auch nicht die Sorte von Menschen, die die Demokraten brauchen, um künftige Wahlen zu gewinnen.

          Steve Bannon ist ein meisterhafter Märchenerzähler und Schöpfer von Geschichten; Fähigkeiten, die er als Autor politischer Dokumentationen geschliffen und, in einer eher lächerlichen Form, bei Breitbart weiter geschärft hat. In der großen Erzählung, die er in den letzten Jahren immer weiter verfeinert hat, werden die Demokraten immer mehr zu den Karikatur-Schurken in der Kommentarspalte von Breitbart: Sie werden zur Partei von Colin Kaepernick und Melissa Click; zur Partei des schreienden Mädchens von Yale und jener Menschen, die das Lincoln Memorial verwüsten und zur Partei der Fachleute, die einer Verurteilung der Antifa ausweichen und der Transgender-Aktivisten bei Youtube reden, der darauf besteht, dass „manche Frauen Penisse haben“.

          In diese Falle sollten die Demokraten nicht tappen.

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