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Amerika unter Trump : Das bedrohliche politische Genie des Steve Bannon

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Damit kommen wir zum dritten belasteten Thema, den Bürgerkriegs-Denkmälern. Es war Bannon, isoliert unter den Beratern des Präsidenten, der Trump dazu riet, sowohl die Neonazis als auch die linken Demonstranten für die Gewalt in Charlottesville zu verurteilen. Und es war Bannon, der sich in einem Interview mit der „New York Times“ damit brüstete, Trump zu seiner aalglatten Erklärung zur Entfernung der Konföderierten-Denkmäler ermutigt zu haben, in der Trump das Land rhetorisch fragte, ob die Entfernung von Robert E. Lee auch zur Auslöschung von Washington und Jefferson führen werde. „Gebt mir noch mehr“, schwärmte Bannon in der „New York Times“ über die Reaktion der Liberalen auf Charlottesville. „Reißt noch mehr Denkmäler nieder. Erklärt, dass die Revolution kommt. Ich kann nicht genug davon bekommen.“

Wie schon beim Reise- und Transgender-Verbot war die Reaktion des „Widerstands“ die eines Pawlowschen Hundes. In den vergangenen beiden Wochen haben Demonstranten Konföderiertendenkmäler niedergerissen, das Lincoln Memorial wurde mit Graffiti beschmiert und eine Lincoln-Büste in Chicago verunstaltet. Ein demokratischer CNN-Mitarbeiter forderte die Zerstörung der Denkmäler von Washington und Jefferson (was die Zerstörung zweier der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten in Washington bedeutet würde), und ein demokratischer Kongressführer schrieb einen Gesetzentwurf, in dem er die Entfernung der Konföderierten-Statuen vom Kapitol forderte. All dies geschieht vor dem Hintergrund von Umfragen, in denen 62 Prozent der Amerikaner sich für den Verbleib der Konföderierten-Denkmäler aussprechen – und darunter sind 44 Prozent Demokraten und, überraschender Weise, eine Mehrheit der Afroamerikaner.

„Präsident Bannon“ – für manchen Trump-Anhänger wie hier in Palm Beach, Florida, ist das eine tolle Vorstellung

Unter allen Schocks, die diese Trump-Präsidentschaft bereithält, ist es die öffentliche Reaktion – oder ihr Ausbleiben – auf Charlottesville und seine Nachwirkungen, die die größte Fassungslosigkeit bei den Eliten in Politik und Medien hervorgerufen haben. In all der Zeit, die ich Trumps Wahlkampf und seine Präsidentschaft schon begleite, kann ich mich nicht an ein einzelnes Vorkommnis erinnern, auf das es einen entsetzteren negativen Aufschrei der Medien gegeben hätte als nach den Geschehnissen in Charlottesville. Doch indem er Bannons Rat folgte, gelang es Trump, die Kontroverse über die Verurteilung von Gewalt hin zu einer Debatte über das politisch weitaus ungefährlichere Thema der Bilderstürmerei zu drehen, bei dem sich die öffentliche Meinung dramatisch von der der Medienelite unterscheidet. Und sogar in Bezug auf Trumps Bemerkung, „beide Seiten“ seien für die Gewalt in Charlottesville verantwortlich – eine Äußerung, die ihm heftigere und breitere Beschimpfungen einbrachten als alles, an das ich mich erinnern kann – stimmen 40 Prozent der Amerikaner ihm dahingehend zu, dass sie die äußerste Rechte und die äußerste Linke gleichermaßen verantwortlich machen.

Ein großer Teil dieses Bruchs zwischen den Medien und der Öffentlichkeit hat mit dem Medium Twitter und einer Obsession für Kabelfernsehen zu tun. Twitter ist zu einer Echokammer für Reporter und politische Kommentatoren geworden, in der moralische Entrüstung die Währung ist und das Bedürfnis, dem anderen immer eine Nasenlänge voraus zu sein, ein Zeitvertreib ist. Jeder versucht den anderen mit seinen schnellen Seitenhieben auf das neueste scheußliche Verhalten des Präsidenten zu übertrumpfen. Das Kabelfernsehen wiederum wird nur von relativ wenigen Menschen gesehen (nicht mehr als ein paar Millionen in einem Land mit 320 Millionen Einwohnern), von denen viele politische Journalisten sind. Der 24-Stunden-Nachrichtenkreislauf und sein ständiges Bedürfnis nach Kontroverse, kombiniert mit der rasenden Inkompetenz der Trump-Regierung, verschärft das Problem der hysterischen Berichterstattung, indem es Journalisten dazu zwingt, selbst unwichtige Entwicklungen in atemlose Benommenheit zu kleiden.

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