https://www.faz.net/-gpf-95hwj

Ehemaliger Chefstratege : Der tiefe Fall des Steve Bannon

  • -Aktualisiert am

Der ehemals wichtigste Berater von Donald Trump, Steve Bannon, arbeitet jetzt gegen seinen früheren Chef. Bild: AFP

Donald Trump verstößt Steve Bannon – seinen Mann an der rechten Basis. Die könnte am Ende dennoch zum Präsidenten halten, denn nur mit ihm kann sie ihre Ziele verwirklichen.

          Loyalität ist Donald Trumps großes Thema – und Steve Bannon hat nun alle roten Linien überschritten. In einem neuen Buch des Journalisten Michael Wolff wirft Bannon der Kampagne von Donald Trump Verrat vor, weil sich Donald Trump Jr., Jared Kushner und Paul Manafort mit Russen trafen.

          Es dauerte nicht lange, bis das Weiße Haus auf die Vorabveröffentlichungen reagierte. „Steve Bannon hat nichts mit mir oder meiner Präsidentschaft zu tun. Als er gefeuert wurde, hat er nicht nur seinen Job verloren, sondern auch seinen Verstand,“ erklärte Donald Trump schriftlich. Deutlicher kann man jemanden kaum verstoßen.

          „Sofort das FBI anrufen“

          Wenn die Zitate in Wolffs Buch „Fire and Fury“ stimmen, dann hat Steve Bannon eine bemerkenswerte Kehrtwende vollzogen. Im vergangenen Jahr bezeichnete er die Vorwürfe, Trumps Team habe mit Russen zusammengearbeitet, noch als bösartige Erfindungen. Nun greift er Donald Trump Jr. scharf dafür an, dass der auf das Angebot der Russen einging, „Dreck“ über Hillary Clinton zu liefern. Das Treffen mit der Anwältin Natalia Wesselnitzkaja im Wahlkampf hätte nie stattfinden dürfen, meint Bannon nun. Mehr noch: es sei Verrat gewesen. „Auch wenn man nicht findet, dass das Verrat war, oder unpatriotisch, oder schlimmer Mist – und ich glaube zufällig, dass es all das war – hätte man sofort das FBI anrufen müssen,“ so Bannon in dem Buch. Ausserdem sei es unwahrscheinlich, dass der Kandidat Donald Trump nicht an dem Treffen beteiligt war.

          Die Ermittlungen in der Russland-Affäre hält Bannon laut dem Journalisten Wolff dementsprechend nun doch für gefährlich. „Sie werden Don Jr. im Fernsehen aufschlagen wie ein Ei“, sagte Bannon voraus. Die Untersuchung werde sich am Ende um Geldwäsche drehen, und das sei auch der Weg, Trump zu schaden. „Es geht um die Deutsche Bank und den ganzen Kushner-Mist. Der Kushner-Mist ist klebrig,“ wird Bannon zitiert.

          Donald Trump soll sich am Mittwoch mit wenig anderem als mit der neuen Krise befasst haben. Stundenlang soll er mit Vertrauten diskutiert und dann seine Erklärung diktiert haben. „Jetzt, wo Steve auf sich allein gestellt ist, merkt er, dass Gewinnen nicht so einfach ist, wie es bei mir aussieht“, hieß es darin – eine Anspielung auf die verlorene Wahl in Alabama, die Bannon geschwächt hat. „Steve hatte sehr wenig mit meinem historischen Sieg zu tun,“ erklärte Trump. „Steve repräsentiert nicht meine Basis, ihm geht es nur um sich selbst.“

          Vom Chefstrategen zum nachrangigen Mitarbeiter

          Bei Bannons Abgang aus dem Weißen Haus im August 2017 hatte sich das noch ganz anders angehört: beide Männer wollten den Eindruck erwecken, dass es sich um eine einvernehmliche Trennung handelte. Der „Breitbart“-Chef hatte zwar erst seit dem Sommer 2016 einen offiziellen Posten im Wahlkampfteam, galt aber schon länger als einer der einflussreichsten Männer um Trump. Im Weißen Haus wollte er sich vor allem um programmatische Arbeit im Interesse der rechten Basis kümmern.

          Nach seinem Abschied sagte Bannon, er werde ohne die Fesseln seines offiziellen Jobs nun viel schlagkräftiger sein und den Kampf gegen das Washingtoner Establishment führen. Zuletzt schwenkte Trump bei der Senats-Nachwahl in Alabama um und unterstützte Bannons Kandidaten Roy Moore. Nach Moores Wahlniederlage kühlte das Verhältnis zwar ab. Doch alles sah danach aus, als würde sich Trump bei passenden Gelegenheiten Bannons Unterstützung zunutze machen, aber im Interesse seiner Regierungsarbeit auch eine gewisse Distanz zu seinem ehemaligen Chefstrategen wahren können. Trump und Bannon hielten nach wie vor Kontakt.

          Das Weiße Haus hätte sich dazu entscheiden können, die Bannon-Zitate als Fake zu bezeichnen – wie so vieles. Stattdessen lässt der Präsident seinen Ex-Chefstrategen fallen, bezeichnete ihn nur noch als „Mitarbeiter“ mit geringem Einfluss. Am Mittwoch sagte Sprecherin Sarah Huckabee Sanders, Trump und Bannon hätten seit dessen Abschied nur zwölfmal miteinander gesprochen. Soweit man im Moment wisse, seien fast alle Kontakte von Bannon initiiert worden. Dabei ging Bannon bei Trump lange ein und aus. Allerdings war der Präsident in letzter Zeit häufig wütend auf seinen Vertrauten, weil der den Wahlsieg als sein eigenes Werk darstellte. In einem Interview mit „Vanity Fair“ sagte Bannon zudem kurz vor Weihnachten, Trump habe eine dreißigprozentige Chance, für die volle Amtszeit zu regieren.

          Am Neujahrstag veröffentlichte Bannons Magazin „Breitbart“ dann einen Artikel über „Jared Kushners schlimmste Momente 2017“: Unklar sei, warum Kushner überhaupt noch eine Sicherheitsfreigabe fürs Weiße Haus habe, nachdem er ins Visier der Russland-Ermittlungen geriet und viele seiner Kontakte erst nach und nach anzeigte. „Breitbart“, sonst kein Freund der Demokraten, zitierte Kongressabgeordnete, die mehr über Kushners Immobiliendeals und seine Kontakte nach Russland wissen wollen.

          Bannon glaubt laut dem Buch von Michael Wolff, dass Trump und sein Umfeld die Russland-Ermittlungen völlig falsch einschätzen. „Die sitzen an einem Strand und versuchen, einen Hurrikan der Kategorie 5 zu stoppen“, sagte er laut dem Journalisten. Einige Beobachter glauben nun, dass Bannon es selbst sein könnte, der diesen Sturm am Ende kräftig anfachen wird. In den sozialen Netzwerken spekuliert manch einer über einen möglichen Deal Bannons mit Robert Mueller – und auch, wenn das weit hergeholt erscheint, sehen viele in ihm zumindest eine Schlüsselfigur künftiger Ermittlungen.

          Rechte könnten sich von Bannon abwenden

          Der demokratische Kongressabgeordnete Ted Lieu aus Kalifornien forderte auf Twitter: „Angesichts der Äußerungen von Steve Bannon müssen die Ausschüsse des Kongresses ihn nun vorladen, um ihn zu den Russland-Ermittlungen zu befragen.“ Bannons Kehrtwende in Sachen Russland könnte ihm jedoch auch Schwierigkeiten bei seinen eigenen Leuten einbringen. Die interessieren sich bekanntlich weniger für die Russland-Verbindungen des Präsidenten, sondern mehr für mutmaßliche Vergehen von Hillary Clinton.

          Steve Bannon sieht sich nach wie vor als Sprachrohr dieser rechtsgerichteten Basis. Er wollte eigentlich dafür sorgen, dass rechte Kandidaten bei den Kongresswahlen in diesem Jahr etablierte Republikaner innerparteilich herausfordern. Bislang ist unklar, ob Bannon dieses Projekt nun weiter verfolgen wird. Kelli Ward, die Kandidatin, die Bannon in Arizona unterstützt, ging jedenfalls schon am Mittwochabend auf Nummer Sicher und erklärte, der „Breitbart“-Chef sei nur einer von vielen Unterstützern. Denn dass die rechte Basis der „Make America Great Again“-Enthusiasten weiter zu Bannon halten wird, ist keineswegs gesagt. Schließlich ist es letztlich Donald Trump, der ihre Ziele umsetzen muss – etwa eine schärfere Einwanderungspolitik und den Bau der Mauer zu Mexiko. Beides seien nach wie vor Top-Prioritäten des Präsidenten, stellte Sprecherin Sarah Huckabee Sanders am Mittwoch klar.

          Es gibt bereits Anzeichen dafür, dass sich einflussreiche Rechte von Bannon distanzieren, um weiter auf Trump zu setzen. So twitterte Matt Drudge vom „Drudge-Report“, Bannon sei „schizophren“ und es sei kein Wunder, dass er sich mit einer kleinen Armee von Bodyguards umgebe. Die ersten Twitter-Reaktionen der Protagonisten der „Alt-Right“ zeigen, dass sie um Orientierung ringen. Viele wollten erst einmal nicht glauben, dass Bannon tatsächlich richtig zitiert wurde.

          Jack Posobiec, einer der prominentesten Vertreter der „Alt-Right“, retweetete den ebenso bekannten Mike Cernovich: „Ich glaube nicht, dass Steve Bannon Don Juniors Treffen Verrat genannt hat. Bannon muss auf Periscope gehen und sich gegen diesen Schmutz verteidigen, der keinem hilft und allen schadet.“ Beide forderten also eine Ansprache Bannons via Livestream-Video im Netz – die blieb aus. Auch „Infowars“-Chef Alex Jones wurde am Mittwochabend unruhig: „Warum haben wir noch kein Statement von Steve Bannon gehört?“ Jones behalf sich erst einmal damit, die Glaubwürdigkeit des Buchautors Michael Wolff anzuzweifeln, womit er keineswegs der Einzige war. In seiner neuesten „Infowars“-Videoausgabe sagte Jones aber auch, Bannon wirke manches Mal durchaus „paranoid“.

          Innere Rivalitäten in der rechten Szene könnten sich nun schnell zu Ungunsten des „Breitbart“-Chefs verschärfen. Evan McLaren, Leiter des von dem Rechtsradikalen Richard Spencer gegründeten „National Policy Institute“, sagte laut „Vice“: „Bannon ist für uns als eine ideologische Größe schon lange erledigt. Er ist nur so lange relevant, wie er Geld einbringen kann, für die Sache und für Kandidaten.“ Spencer selbst twitterte: „Sich mit Russen zu treffen, um über Politik zu diskutieren, ist weder Verrat noch illegal, und Don Jr. hat nichts falsch gemacht. Bannon lebt in einem comicartigen Fiebertraum des Kalten Krieges, oder er erfindet Sündenböcke, um sein eigenes Versagen zu überdecken.“

          Wer bekommt „das Sorgerecht für die Nazis“?

          Das rechte Spektrum, von den „Alt-Right“-Anhängern bis zu den offen neonazistischen Propagandisten, verachtet „Verräter“ genauso sehr wie der Präsident das tut. Viele an der rechten Basis könnten zu dem Ergebnis kommen, dass Bannon der „Verräter“ ist, weil er sich gegen Trump und die gemeinsamen Ziele richtet. Wenn Bannon keine Siege einfährt, sondern Niederlagen wie zuletzt in Alabama, ist er nicht nützlich. „Im Scheidungskampf zwischen Donald Trump und Steve Bannon ist jetzt die Frage, wer das Sorgerecht für die Nazis bekommt“, witzelte Schauspielerin Patricia Arquette auf Twitter. Mit Stephen Miller sitzt im Weißen Haus immerhin noch ein rechter Berater, der die Verbindung zur Basis ebenso halten könnte wie Bannon das tat – Donald Trump könnte den Konflikt also durchaus für sich entscheiden, ohne zu viele Unterstützer zu verprellen.

          Trumps Bruch mit Bannon könnte allerdings auch in die andere Richtung wirken. Er könnte sich zumindest ein wenig von den Rechten distanzieren, denen erst einmal ihr sichtbarster Verbindungsmann zu ihm fehlt. Wahlforscher glauben, dass es Trump eher schadet, sich auf eine schmale rechte Basis zu verlassen – stattdessen müsse er sich mehr in die Mitte oder zumindest ins traditionell konservative Lager bewegen. Mehr Distanz zur „Alt-Right“, deren Größe und Relevanz ohnehin niemand so genau einschätzen kann, würde dem zugute kommen.

          Konservative applaudieren Trump jedenfalls bereits: das Magazin „National Review“ nannte seinen Bruch mit Bannon einen der besten Schritte seiner Amtszeit. Endlich sei Platz für vernünftigere Leute im Umfeld des Präsidenten. Wie unbeschadet Trump aus der Angelegenheit herauskommt, hängt aber letztlich davon ab, wie sich Steve Bannon in den kommenden Wochen verhält und ob er dem Präsidenten mit seinem Insider-Wissen noch mehr schaden will.

          Weitere Themen

          Lieblingsfeind Comey

          Russland-Ermittlungen : Lieblingsfeind Comey

          James Comey fordert die Amerikaner auf, den Präsidenten mit einem „Erdrutsch“ abzuwählen. Donald Trump macht sich unterdessen angeblich Sorgen wegen eines Amtsenthebungsverfahrens.

          Es klemmt beim Brexit Video-Seite öffnen

          May auf Europareise : Es klemmt beim Brexit

          Am Montag hatte May die geplante Brexit-Abstimmung im britischen Unterhaus vorerst abgesagt, da sie nicht mit der erforderlichen Mehrheit für die Austritts-Vereinbarung rechnen konnte.

          Topmeldungen

          Russische Bomber für Maduro : Kalter Krieg in Venezuela

          Russland hat zwei atomwaffenfähige Bomber nach Venezuela geschickt. Die Regierung in Washington ist empört. Venezuelas Verteidigungsminister versucht zu beschwichtigen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.