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Trump und die Medien : Im Strudel des Show-Präsidenten

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Einen weiteren fragwürdigen Höhepunkt erleben die Anwesenden, als der Präsident die afroamerikanische Journalistin April Ryan auffordert, für ihn ein Treffen mit afroamerikanischen Kongressabgeordneten zu organisieren. „Sind das Ihre Freunde?“ fragt Trump. „Ich bin doch nur eine Reporterin“, erwidert Ryan überrascht. Dann ist die denkwürdige Pressekonferenz des Präsidenten ziemlich abrupt zu Ende. Im Saal und den zugeschalteten Fernsehstudios bleiben jede Menge verdutzte Beobachter zurück. Nicht, dass man nicht schon vorher bizarre Trump-Auftritte erlebt hätte, aber dass der 70-Jährige einen derart deutlichen Rückfall in Wahlkampf-Zeiten erleben würde, kam dann doch für viele überraschend.

Fox-Moderator an Trump: „Wir verlangen Antworten“

Selbst im erzkonservativen Sender Fox News, wo erwartungsgemäß viele Stimmen Trumps mutigen „Wrestling-Auftritt“ loben, gibt es Kritik. „Es ist völlig verrückt, was wir von ihm zu sehen bekommen“, empörte sich Moderator Shepard Smith. „Er wiederholt immer wieder dieselben kindischen Sätze, die einfach falsch sind.“ Trump winde sich um das Thema Russland herum und behandle die Journalisten „wie Dummköpfe“, weil sie Fragen stellten, ereiferte sich Smith in einem bemerkenswerten Ausbruch. Dann wandte sich Smith direkt an Trump: „Nein, Sir, wir sind keine Dummköpfe, weil wir diese Fragen stellen. Wir verlangen Antworten auf diese Fragen, und das schulden Sie dem amerikanischem Volk. Wir haben ein Recht darauf“

„Immer wieder aufs Neue wiederholt er seine leeren Slogans.“ „Das war besser als jede Seifenoper“, sagt auch CNN-Kommentator Brian Stelter. Moderator Jake Tapper findet ernstere Worte: Dieser Präsident wirke nicht, als würde er sich auf die Bedürfnisse von Soldaten, armen Kindern oder Arbeitslosen konzentrieren. Stattdessen kümmere er sich nur um seine Außendarstellung. „Präsident Trump, wenn Sie zuschauen: Sie sind der Präsident“, so Tapper. „Machen Sie sich ans Werk und hören Sie mit dem Jammern auf.“

Kritik von Abgeordneten

Auch auf dem Capitol Hill fällt das Fazit alles andere als positiv aus. Dass die Demokraten den Präsidenten als dünnhäutigen Provokateur darzustellen versuchen, der vor allem durch Lügen und Verschwörungstheorien auffalle, ist nichts Neues. Doch selbst viele Republikaner zeigen sich nach Trumps rabiatem Auftritt völlig irritiert. Es gebe „einen Kampagnenmodus und einen Regierungsmodus“, so der Abgeordnete Mike Simpson aus Idaho. Auf die Aktivierung des Letztgenannten warte man bei Trump bisher vergeblich. „Wir müssen ihm sagen, dass die Fernsehshow vorbei ist und er sich ändern muss“, ergänzt Paul LePage, Gouverneur des Bundesstaates Maine im Gespräch mit „Politico“.

Führende Republikaner, die gegenüber amerikanischen Medien anonym bleiben wollen, äußern sich noch deutlicher. Trumps Auftritt wäre „bei einem Therapeuten besser aufgehoben“ gewesen „als live im Fernsehen“, zitiert CNN-Moderator John King die SMS eines Senators. Trumps Art sei jetzt wohl einfach „die neue Normalität“, bilanziert ein weiteres Kongressmitglied konsterniert. „Die Menschen, die ihn mögen, werden ihn umso mehr mögen und die Menschen, die ihn hassen, werden ihn umso mehr hassen.“ Der Blick auf die eingangs erwähnten Reaktionen in den sozialen Netzwerken scheint diese Sichtweise zu bestätigen.

Auch andere Kommentatoren glauben, dass Trumps Auftritt vor allem eine Botschaft an die eigene Basis war. Er habe „seinen Unterstützern gezeigt, wer der Boss ist“, schreibt die „Washington Post“ in ihrer Freitagsausgabe. Die politische Analystin Ana Navarro, eine bekennende Republikanerin, aber auch eine entschiedene Trump-Gegnerin, geht einen Schritt weiter: Trumps scheinbar so konfuse Krawall-Pressekonferenz sei eine bewusste „Perfomance“ gewesen, um die amerikanische Öffentlichkeit „von den wirklich wichtigen Fragen abzulenken“.

Und in der Tat: Die in den letzten Tagen allgegenwärtigen Vorwürfe, wonach sein Wahlkampfteam engen Kontakt zu russischen Regierungs- und Geheimdienstbediensteten gehabt haben soll, waren zwar Thema im East Room, doch Trump schaffte es immer wieder, sich mit vagen Antworten aus der Sache herauszuwinden. Auch andere fragwürdige Statements („die Leaks sind echt, die Nachrichten aber falsch“) gingen im Trumpschen Strudel unter. Immerhin: Die Show war gut – findet auch der Präsident. Er habe sich in den 77 Minuten „gut unterhalten“ gefühlt, so Trump.

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