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Shock and awe : Amerikas Abwendung von der Welt

Der Morgen danach mit Blick auf New York Bild: AP

Trumps Triumph erschüttert die europäische Politik in mehrfacher Weise. Das angeschlagene Bündnis- und Politiksystem des Westens könnte vor einer Revolution stehen.

          Die Amerikaner haben es tatsächlich getan: Sie wählten einen „Hassprediger“ zu ihrem Präsidenten. So hatte Außenminister Steinmeier den Kandidaten Trump in ungewohnter Schärfe und wohl in dem verbreiteten Glauben genannt, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Doch die Mehrheit der Amerikaner scherte sich nicht um die Warnungen aus Europa und die Empfehlungen aus Hollywood. Sie versetzten damit ganze Hauptstädte in den Schockzustand. Denn wenn Trump auch in der Außenpolitik wahrmacht, was er im Wahlkampf aus der Hüfte heraus versprach, dann stünde das ohnehin schon angeschlagene Bündnis- und Politiksystem des Westens vor einer Revolution.

          Trump hatte zu außenpolitischen Fragen viel Wirres und Widersprüchliches von sich gegeben, das jedoch einen gemeinsamen Nenner aufwies: die Rückbesinnung Amerikas auf sich selbst und den Rückzug aus den komplizierten Agenden der Weltpolitik, ob die Sicherheit, das Klima oder den Freihandel betreffend.

          In Amerika brachte ihm dieser Neoisolationismus nach dem Motto „Der Starke ist am mächtigsten allein“ den Zuspruch der wachsenden Schicht ein, die sich als Verlierer der Globalisierung sieht. Sie wird von der Sehnsucht nach einer guten alten Zeit getrieben und vom Hass auf jene, die für deren Untergang verantwortlich gemacht werden. Die Abwendung von der Welt erschüttert nicht nur die andere Hälfte der Amerikaner, sondern auch alle Politiker im Ausland, die Amerikas Engagement als Ordnungsmacht und Verbündeter im internationalen System für unverzichtbar halten.

          Zwar wird auch in der Suppenküche einer Supermacht nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird, selbst und gerade dann nicht, wenn an allen Herden Republikaner stehen, die nicht durchgängig Anhänger Trumps sind. Das amerikanische System der „Checks and balances“ wird ihn bremsen. Doch kann man nicht darauf setzen, dass es ihn vom Saulus zum Paulus macht, weswegen die Kanzlerin Bedingungen (!) nannte, unter denen sie mit ihm zusammenarbeiten werde.

          Europa muss damit rechnen, dass Trump jedenfalls der Grundlinie folgt, die ihn ins Weiße Haus führte. Die zerstrittenen Europäer werden in den wichtigen Fragen zusammenrücken und sich stärker selbst um ihre Belange kümmern müssen, wenn Amerika sich noch mehr aus Europa und dem Mittleren Osten zurückzieht. Das wird die Kalkulationen in vielen Hauptstädten verändern, von London über Berlin und Warschau bis nach Moskau und Peking.

          „Shock and awe“ verbreitete das Erdbeben in Amerika in den Regierungskanzleien Europas auch deshalb, weil befürchtet wird, dass Trumps Triumph dem Populismus weltweit Schub geben könnte getreu Frank Sinatras Weise „If I can make it there, I’ll make it anywhere.“

          Marine le Pen gratulierte Trump als eine der Ersten; der AfD-Sprecher Meuthen sprach von einem „guten Signal für die Welt“, das eine Zeitenwende markiere. Die ist längst da, wenn man sich vor Augen führt, wie schnell viele Europäer vom Glauben an den Nutzen der europäischen Einigung abfallen und jenen folgen, die den Alleingang als das Allheilmittel für alles verkaufen. Auch diesseits des Atlantiks trägt das politische „Establishment“ ein gerüttelt Maß Schuld daran.

          Den verhängnisvollen Irrglauben, dass eine Welt nach den Vorstellungen Putins, Erdogans, Trumps und Le Pens die bessere wäre, verbreiten freilich nicht die „Eurokraten“, sondern jene Demagogen, Lügner und Narzisse, die jetzt auf beiden Seiten des Atlantiks als Heilsbringer gefeiert werden.

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