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Trumps Triumph : Die verstümmelte Nation

  • -Aktualisiert am

Keine gemeinsamen Wahrheiten mehr

In dem Dauerstreit auf der politischen Bühne, in den ständigen Kabbeleien in der amerikanischen Gesellschaft, offenbart sich eine tiefer gehende Tragik. Sie war schon beim Brexit in Großbritannien zu beobachten und kennzeichnet zunehmend auch die deutschen Debatten: Die westlichen Gesellschaften schaffen es nicht mehr, sich auf gemeinsame Wahr­heiten zu einigen. Für Millionen sind die alten Gewissheiten zersplittert, gibt es keine Einigung mehr, was als objektive Tatsache gelten könnte. Allerorten wird mit der Wirklichkeit gehadert und zwar nicht nur in Podiumsdebatten, sondern bis hinein in die kleinsten gesellschaftlichen Einheiten, die Familien. Es wird gelogen, es wird verfälscht und getäuscht. Gefühl verdrängt Wahrheit, die Suche nach Zugehörigkeit den rationalen Blick.

Donald Trump ist der erste große westliche Politiker dieser neuen Gesellschaftsordnung. Einer Ordnung, in der das Wollen die Vernunft verdrängt. In der das Vorurteil gepflegt und das abgewogene Urteil missachtet wird. In der die Lüge als Waffe eingesetzt und in der Aufklärung weniger gilt als Propaganda. Nahezu alle etablierten amerikanischen Medien haben vor Donald Trump gewarnt, viele haben sich dezidiert gegen den Kandidaten ausgesprochen. Lagen sie mit ihrer Kritik wirklich alle daneben?

Die zwiespältige Rolle der sozialen Medien

So langsam muss man die großen Fragen stellen: Hat das digitale Netz, das jetzt in seiner populär zugänglichen Form des WWW mehr als zwanzig Jahre besteht, die Gesellschaft vorangebracht? Hat das Internet zu einem harmonischeren Zusammenleben geführt, hat es die Demokratie gestärkt, so wie die Protagonisten es einst erhofften?

Noch nie konnten sich Menschen ja so gut über die Hintergründe und auch Fakten der Politik und ihrer Akteure informieren. Noch nie gab es soviel Material, um eine abgewogene Entscheidung zu fällen. Noch nie war es so einfach, einen Kandidaten wie Donald Trump der Lüge zu überführen. Zumindest theoretisch. Doch gleichzeitig arbeiten viele Mechanismen der digitalen Kommunikation gegen Aufklärung und Verständigung. Noch nie zuvor wurde eine Wahl so sehr durch die Stimmung in den sozialen Medien beeinflusst.

Es mag später einmal wie einer dieser unglücklichen Zufälle der Weltgeschichte aussehen. Mit Facebook, Twitter, Snapchat und WhatsApp jedenfalls haben die Wut-Bewegungen dieser Welt eine nahezu perfekte Technologie an die Hand bekommen. Sie hat den Charakter des Internets zu einer Zeit grundlegend verändert, in der sich Empörung in politischen Bewegungen bündelt, die wiederum dankbar die Mechanismen der digitalen Laut-Verstärkung aufgreifen. Statt Wissen zu demokratisieren, dient das Netz mittlerweile vielen zuvörderst, um Emotionen zu vervielfältigen. Der Kitt von Facebook ist nicht der Zugang zur Erkenntnis, sondern das Schaffen von Identität, von Nähe, scheinbarer Heimat und Selbstvergewisserung. Es gibt kein besseres Tool, um das Gefühl von Zugehörigkeit zu stärken. Ich teile, also bin ich.

Welche Versprechen kann Trump verwirklichen?

Das fatale ist, dass der Aufstieg der sozialen Medien im Gleichschritt mit einer um sich greifenden Verunsicherung von historischer Dimension geschah. Für eine Gesellschaft, die an einer Überdosis von Wirklichkeit leidet, gibt es kein besseres Flucht-Werkzeug. Weil Identifikation so schwer fällt – Was ist Heimat? Was ist Zukunft? – ist Facebook so gnadenlos erfolgreich. Dort schaffen die digitalen Schwärme das Gefühl der Zugehörigkeit, das Politik, Unternehmen und gesellschaftliche Institutionen nicht mehr hinbekommen. Wahrheit ist bei alledem nicht entscheidend.

Noch ist nicht absehbar, welche seiner Versprechen Trump verwirklichen wird. Wird er die Mauer an der mexikanischen Grenze tatsächlich bauen? Wird er das Gehirn aus den Schädeln der IS-Anhänger bomben, wie er angekündigt hat? Und wird er tatsächlich dafür sorgen, dass seine Gegnerin ins Gefängnis geworfen wird?

Die digitale Sphäre wird kaum für Antworten taugen. Nach dieser Wahl gibt es eigentlich nur noch eine einzige Weisheit, die das Internet parat hält: Die scheinbare Erkenntnis, dass es nirgends mehr eine Wahrheit gibt.

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