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Kommentar : Dann helfe uns Gott

Der erste Wutbürger im Oval Office: Donald Trump beim Gottesdienst am Samstag in der Washington National Cathedral. Bild: Reuters

Kann Trumps Triumph zu einem Vorbild werden? Die Gefahr besteht.

          Mehrfach hat Donald John Trump, der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, auf den Stufen des Kapitols Gott angerufen. Das ist in „God’s own country“ nicht ungewöhnlich. Wie seine Vorgänger beschloss auch Trump seinen Amtseid mit der Formel „So help me God“. Er aber schwor gleich auf zwei Bibeln; auf jene, die schon Abraham Lincoln benutzte, und auf seine eigene. Danach hielt er eine Rede, bei der seine Anhänger auch jenseits des amerikanischen „bible belt“ dem Himmel dafür gedankt haben werden, dass ihre Gebete erhört worden seien. Doch bekam der Herrgott während Trumps Ansprache aus Amerika und vor allem aus der übrigen Welt auch ein Aufstöhnen zu hören, das nicht nur Pfarrern und ihren Töchtern entwichen sein dürfte: Gott stehe uns bei.

          Denn Trump kündigte nicht weniger als einen „regime change“ an, für die Vereinigten Staaten wie für ihr künftiges Auftreten in der Welt. Das interventionsmüde Amerika wählte sich einen Präsidenten, der nun das eigene Land vom „Establishment“ befreien und die Macht an das angeblich entrechtete und enteignete Volk zurückgeben will. Er hätte auch von der „herrschenden Klasse“ sprechen können. Wer den Terminator Trump über das bisherige Amerika reden hörte, konnte glauben, er beschreibe einen autoritär regierten „failed state“ irgendwo in Afrika oder Asien, in dem eine „kleine Gruppe in der Hauptstadt“ sich auf Kosten des Volkes bereichert und die Bürger in die Verelendung getrieben habe. Trump zeichnete in seiner Inaugurationsrede, die als „philosophisch“ angekündigt worden war, ein Bild des Schreckens von seinem Land, in dem verrostete Fabriken wie Grabsteine von einer verantwortungslosen, ja geradezu verbrecherischen Wirtschafts- und Handelspolitik kündeten und dessen Jugend in einem „Blutbad“ versinke.

          Das alles sagte Trump nicht bei einem Wahlkampfauftritt irgendwo in South Dakota, sondern in seiner Antrittsrede als Präsident einer Supermacht, vor den Augen der Welt und im Angesicht von vier versteinernden Vorgängern sowie Hunderten von Abgeordneten und Senatoren, die sich vorkommen mussten wie in einem Revolutionstribunal. Es sprach nicht ein Versöhner, der das gespaltene Amerika wieder zusammenführen will, sondern ein Ankläger. Es redete ein politischer Novize, der offenbar noch nicht weiß, dass er, so er tatsächlich seinen Schwur halten und die Verfassung der Vereinigten Staaten „wahren, schützen und verteidigen“ will, zumindest Teile jenes „Establishments“ brauchen wird, denen er in dieser Rede nicht weniger als Hochverrat an den Interessen des amerikanischen Volkes vorwarf.

          Doch mehren sich mit jedem Satz, den der erste Wutbürger im Oval Office von sich gibt, auch die Indizien, dass da einer spricht, der gar nicht glaubt, dass er auf das Zusammenwirken mit den anderen Verfassungsorganen angewiesen ist. Oder der zumindest annimmt, dass sie sich ihm jedenfalls nicht widersetzen könnten. Er erwähnte sie mit keinem Wort. Trump tritt auf als klassischer Volkstribun, der behauptet, gleichsam die Verkörperung des Volkswillens zu sein: Das Volk bin ich. Und wer sollte es wagen, dieses großartige Volk und den großartigen Führer an seiner Spitze zu stoppen? Dass Gott als Dritter diesem Bund beisteht, steht für Trump außer Frage.

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