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Donald Trump : Der Held der Verbitterten

Ist Donald Trump tatsächlich der Reiche für die Armen? Bild: AFP

Die Begeisterung für Donald Trump ist Ausdruck des Zorns vieler Amerikaner über das politische Establishment. Dass die Republikaner angesichts seines Erfolgs in Panik ausbrechen, liegt vor allem an Trumps vollkommener Unbekümmertheit.

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          Die Führung der Republikanischen Partei ist mittlerweile im Stadium fortgeschrittener Panik: Wieder ein Vorwahltag, und wieder hat Donald Trump abgeräumt. Noch ist seine Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Partei nicht ausgemacht. Aber wenn Trump seinen Siegeszug in den nächsten zwei Wochen fortsetzt, dann müsste, aus Sicht des Partei-Establishments, schon ein Wunder geschehen – oder der Nominierungsparteitag zu einer Revolte ausarten –, damit ein anderer Kandidat für die Partei in die Präsidentenwahl am 8. November ziehen kann. Was also erklärt Trumps Anziehungskraft auf Wähler, von denen man vor allem sagen kann, dass sie weiß sind und in der Regel keinen College-Abschluss haben, also zu den weniger begüterten Schichten gehören? Was ist die Erklärung für den „Trumpismus“?

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Der Politikwissenschaftler Charles Murray hat neulich in einem Beitrag für das „Wall Street Journal“ diesen Trumpismus als Ausdruck eines „berechtigten Zorns“ vieler Amerikaner über die Entwicklung des Landes dargestellt. Eine zentrale Botschaft sei, dass die gesamte amerikanische Arbeiterklasse legitime Gründe habe, wütend auf die herrschende Klasse zu sein. Murray, eigentlich ein Konservativer, nennt unter anderem den Export industrieller Arbeitsplätze auf der einen und auf der anderen Seite den Import von Arbeitskräften – legal und illegal –, die um die verbliebenen Arbeitsplätze mit vergleichsweise geringen Qualifikationsanforderungen konkurrierten.

          Es seien die davon Betroffenen, die sich fragten, warum sie zurückgelassen würden, und die sich von Trump die Heilung ihrer Wunden versprächen. Es war übrigens der frühere demokratische Präsident Bill Clinton, der auf einer Wahlkampfveranstaltung für seine Frau mit Blick auf die steigende Todesrate weißer Amerikaner mittleren Alters das erschütternde Wort von „gebrochenen Herzen“ ausgesprochen hat, an dem diese Amerikaner stürben.

          Norman Ornstein, der wie Murray beim American Enterprise Institute arbeitet, das eher den Republikanern zuneigt, hat schon Anfang Januar einen Artikel über die „Acht Gründe des Trumpismus“ veröffentlicht. Auch darin spielen die Krisenerfahrungen der weißen Arbeiterklasse und das Gefühl, an den Rand gedrängt zu werden, eine wichtige Rolle.

          Die Frustrationen über eine Welt, in der durch dramatischen Werte- und Moralwandel die soziale Ordnung auf den Kopf gestellt sei, hätten nur darauf gewartet, von einem Mann wie Trump politisch ausgeschlachtet zu werden: Er ist der Profiteur des großen Zorns auf Washington, auf die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eliten, auf die Einwanderer – die Einwanderung, schreibt Ornstein, sei das Symbol all dieser als bedrohlich wahrgenommenen Veränderungsprozesse. Selbst wenn Trump der Griff nach der Macht verwehrt bliebe, so würde dadurch das Reservoir der Frustrierten nicht kleiner werden.

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          Warum das republikanische Establishment so fassungslos ist angesichts der Erfolge Trumps, der eben keine vorübergehende Erscheinung ist und nicht wieder in der Versenkung verschwinden will, hängt auch mit seiner programmatischen Unbekümmertheit zusammen. Er ist eben kein blaublütiger Konservativer und schon gar kein orthodoxer Republikaner. In der Wirtschafts- und in der Außenpolitik, stellte kürzlich die „Washington Post“ fest, vertrete Trump Positionen, die für die meisten konservativen Republikaner des Teufels seien: So sei er gegen Freihandelsabkommen, gegen Kürzungen in der Rentenversicherung und bei der Gesundheitsfürsorge; Bushs Irak-Krieg habe er vehementer kritisiert als viele Demokraten. Im Grund lehnt Trump die wirtschafts- und fiskalpolitische Orthodoxie der Republikaner ab. Von den Demokraten setzt er sich dadurch ab, dass er auf aufreizende bis aggressive Weise deren Haltung zu Multikulturalismus, „politischer Korrektheit“ und illegaler Einwanderung denunziert.

          Um das Phänomen Trump zu verstehen, um sich vorzustellen, was ein Populist wie Trump im Weißen Haus innen- und außenpolitisch bedeuten könnte, muss man sich eines vergegenwärtigen: Den größten Rückhalt hat er bei weißen Wählern am unteren Ende sozioökonomischer Skalen. Er ist der Held der kleinen Leute. Retten wird der Milliardär und Maestro der Angst die jedoch nicht.

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