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Amerikanischer Wahlkampf : Es geht um Richtig und Falsch

Hillary Clinton und Donald Trump während der zweiten Wahlkampf-Debatte in St. Louis Bild: AFP

Donald Trump verzichtet auf Werte wie Respekt, Anstand und Ehrlichkeit. Stattdessen steht er für das Recht des Stärkeren. Die Politik tritt beim Wahlkampf in den Hintergrund. Ein Kommentar.

          Es gab da diesen Witz, damals: Präsident Clinton fährt mit seiner Frau durch Arkansas. Sie kommen an einer Tankstelle vorbei. Bill sagt: „Siehst du den Tankwart, Hillary? Mit dem warst du mal zusammen. Was wäre wohl aus dir geworden, wenn du bei ihm geblieben wärest, statt mich zu heiraten?“ Hillary antwortet: „Die Frau des Präsidenten.“

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Den Witz konnte man damals noch machen, weil Hillary Clinton zwar die Frau des Präsidenten werden konnte, aber nicht die Präsidentin. Jetzt aber kann sie. Dazu hat dann einen entscheidenden Beitrag geleistet: die Frau des Präsidenten.

          Die First Lady macht Wahlkampf

          Michelle Obama hat in Manchester, New Hampshire, eine mitreißende Rede auf einer Wahlkundgebung für Hillary Clinton gehalten – im Netz wird sie schon als „epic speech“ bezeichnet; „episch“ bedeutet im Jargon der Jüngeren einfach höchstes Lob, und das hat Michelle Obama sich redlich verdient. Ihr Vortrag war ein Glanzstück der Redekunst. Leidenschaftlich, klug und im Kern eben auch: wahrhaftig.

          „Ich weiß selbst, dass Wahlkampf ist“, sagte sie. „Aber hierbei geht es nicht um Politik. Es geht um grundlegenden menschlichen Anstand. It’s about right and wrong.“

          Endlich sagt es mal einer, nein: eine. Es geht in diesem durch Donald Trump verwüsteten amerikanischen Wahlkampf schon längst nicht mehr um normale Politik, um ein bisschen mehr so oder ein bisschen mehr anders. Nein, es geht um Richtig und Falsch. Und das in geradezu lächerlich klischeehafter Weise verkörpert im Gegeneinander eines ätzenden „alten weißen Mannes“ und einer sehr klugen und gewinnenden afroamerikanischen Feministin. Das ist doch eigentlich so blöd, dass man es schlecht ausgedacht nennen würde, wenn es denn einer erfunden hätte.

          Der Umgang mit Frauen und Mädchen

          Aber es ist so, und es passt genau, und wenn man nur ein wenig darüber nachdenkt, wird einem klar, dass – ungeachtet noch so geschickter Wahlkampfführung der Clinton-Seite – es letztlich einer nachgerade zwingenden Logik gehorcht. Michelle Obama hat den Schlüssel dafür selbst geliefert mit ihrem Satz: „The measure of any society is how it treats its women and girls.“ Der Maßstab für jede Gesellschaft ist, wie sie ihre Frauen und Mädchen behandelt. So ist es. Überall, genau so.

          Warum nur? Weil immer schon und fast überall Männer und Jungs über Frauen und Mädchen geherrscht haben, weil sie mit ihnen ungefähr so umgegangen sind, wie Donald Trump es in seinen „Locker Room Talks“ und Aufzugattacken auf wildfremde Frauen beansprucht.

          Ungefähr so und noch viel schlimmer, der IS hat gerade erst ein Riesenprogramm zur Versklavung und Vergewaltigung von Frauen aufgelegt und damit junge Männer für sich gewonnen; es ist nicht anachronistisch, es ist jetzt. Warum ist das so? Warum ist der Umgang mit Mädchen und Frauen das Maß für eine Gesellschaft?

          Das Recht des Stärkeren

          Ich kenne mich, offen gestanden, nicht gut genug aus, um diese Frage sicher zu beantworten, und obendrein weiß ich nicht, ob man sie überhaupt zuverlässig beantworten kann, aber ich vermute dennoch, dass es schlicht und einfach an der überlegenen Körperkraft von Männern liegt, die ihnen von jeher ermöglicht hat, als „Recht“ durchzusetzen, was das Unrecht des Stärkeren ist.

          Mit Trump zu sprechen: Greif dir einfach die Pussy! Nimm sie dir, bestimme über ihren Körper und gleich ganz über ihr Leben. Es ist weniger wert. Sie ist weniger wert.

          In einer Gesellschaft, die das zulässt, herrscht das Recht des Stärkeren. Eine solche Gesellschaft ist ungerecht. Sie ist nicht richtig, sondern falsch. Darum ist der Umgang mit Mädchen und Frauen das Maß für jede Gesellschaft, universell gültig, zu jeder Zeit, überall. Denn es gibt keine Menschen, die weniger wert sind als andere, schon weil es keine Menschen geben kann, die darüber entscheiden dürften.

          Typen wie Trump wählen Trump

          Es hat also tiefen Sinn, worauf der amerikanische Wahlkampf sich auf seinen mutmaßlich letzten Metern zugespitzt hat. Wenn man First Ladies wie Hillary Clinton und Michelle Obama mit dem bis dahin stärksten „role model“ Jackie Kennedy vergleicht, erkennt man sofort, wie sich die Welt verändert hat.

          Wie wenig Möglichkeiten hatte Jackie Kennedy, welche Demütigungen musste sie ertragen! In diese Welt, in der Frauen bestenfalls treue Begleiterinnen waren, schlechterenfalls glänzende Schmuckstücke, wollen Typen wie Trump sie zurückstoßen; es ist überhaupt kein Geheimnis, es ist das Programm. Deshalb laufen ihm ja all die hinterher, die ebenso denken.

          Sie wollen sich die Pussy greifen. Sie wollen keinen Afroamerikaner als Präsidenten, sie wollen meinungsfrei entscheiden, wen sie Nigger nennen und wem sie Respekt entgegenbringen – und ob überhaupt irgendwem. Sie denunzieren normalen Anstand als politisch korrekt, weil sie ihn abschaffen wollen: Fairness, Besonnenheit, Achtung, Ehrlichkeit – all das, was gute Menschen ihren Kindern beibringen. Ja, es geht schon längst nicht mehr um Wahlkampf. Es geht um Richtig oder Falsch.

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