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Demos in Washington : „Ich bin mit der Wahrheit bewaffnet“

  • -Aktualisiert am

Laura Albinson und Christina Young protestieren vor dem Kapitol in Washington: „Trump, du bist gefeuert!“ Bild: Daniel C. Schmidt

„Hupen Sie, falls Sie glauben, dass er schuldig ist“: Während sich im Repräsentantenhaus die Debatte vor der Abstimmung über das Impeachment Trumps hinzieht, streiten draußen Gegner und Unterstützer des Präsidenten auf der Straße.

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          Vor dem Weißen Haus ist eine Wand aufgebaut. Ein Abschnitt vom Schutzzaun wird seit ein paar Wochen erneuert. Für die Touristen, die an diesem kalten, windigen Mittwochmorgen davorstehen und Fotos machen wollen, ist der Blick leicht versperrt. Obstruction of view, wenn man so will.

          Im Inneren hat der Präsident laut Pressemitteilung bis um 16:25 Uhr keine Termine. Seinem Twitter-Account nach sitzt er vorm Fernseher und guckt die Anhörung im Repräsentantenhaus, wo später über ein Impeachment gegen ihn abgestimmt wird. Es ist ein historischer Tag in Washington, erst zwei Präsidenten vor Trump mussten ein Amtsenthebungsverfahren über sich ergehen lassen. „Die Beweise müssen überwältigend sein, und sie sind es nicht. Nicht einmal annähernd”, schreibt Trump auf Twitter und zitiert dabei Kenneth Starr, den Sonderermittler, der damals den Fall Bill Clinton im Zuge der Lewinsky-Affäre untersuchte.

          Die Frage, an der sich das Land spaltet

          „Ich glaube, man bekommt, was man verdient“, sagt Linus. Er ist mit seiner Familie für ein paar Tage in Washington zu Besuch. Der Banker stammt aus Indien und wohnt in Hong Kong, seinen Nachnamen möchte er ungern in den Medien wiederfinden. Wen meint er genau mit diesem Satz? Bekommt Trump, was er verdient hat – oder die Amerikaner, weil sie ihn gewählt haben? Er lacht. Ach, so richtig mag er darauf nicht antworten, sagt nur: „In der Demokratie muss es möglich sein, Politiker zur Rechenschaft zu ziehen. Dieses Spektakel im Kongress ist schon in Ordnung, das Volk will wissen, was genau passiert ist.“

          Falls Trump abgewählt werden sollte, werde dieser die Entscheidung nicht akzeptieren, glaubt Linus. Seine beiden Kinder drängeln, die Familie zieht weiter. Vor der Absperrung am Weißen Haus steht auch Eyi Gautier und macht Fotos. Er kommt aus Gabon in Afrika, er ist zum ersten Mal in DC. Schön sei es, nur ein bisschen kalt. Über dem Pullover trägt er einen rot-weiß gestreiften Schal. Seine Schuhe sind blau, darauf große, weiße Sterne. Wenn man in Washington ist, sagt er, müsse man das Weiße Haus angucken, natürlich. Und was hält er vom Hausherren? „Der Präsident? Also, soweit ich weiß“, sagt er, „macht er eine ordentliche Figur. Der Wirtschaft geht es gut“. Dass er ein paar sehr markige Worte für diverse afrikanische Länder übrig hatte, hat Gautier mitbekommen. Andererseits, sagt er, mag er an ihm, dass er ausspricht, was andere nur denken. „Er verstellt sich nicht, wie die meisten Politiker.“

          Für den Mann, der keine hundert Meter vom Weißen Haus an einer dichtbefahrenen Kreuzung ausharrt, ist das kein Argument. Für ihn ist klar, dass Trump ein schlechter Politiker und ein schlechter Mensch ist. Julian, auch er mag seinen Nachnamen nicht preisgeben, steht bei zwei Grad Celsius seit Stunden im Wind und lässt sich von den vorbeifahrenden Autos anhupen. Neben einer Winterjacke, langen Unterhose und zwei Mützen trägt er ein Schild. Das ist so groß, dass er beinah dahinter verschwindet. Darauf steht ein einfacher Satz, dessen Auslegung Amerika zurzeit spaltet wie kaum etwas: „Honk if you think he's guilty – hupen Sie, falls Sie glauben, dass er schuldig ist“.

          Wer mit er gemeint ist, ist klar. Ob er schuldig ist, im politischen Sinne, darüber wird ein paar Kilometer weiter im Repräsentantenhaus debattiert. Julian steht dort fast jeden Tag, seit Wochen schon, genau genommen einen Tag nachdem die Whistleblower-Beschwerde in der Ukraine-Affäre publik wurde. Sie war der Auslöser für das Impeachment-Verfahren. Warum tut er sich das an, Stunden in der Kälte zu verbringen und aufs Hupen der Autos zu warten? „Diktatoren und Tyrannen wollen, dass die Menschen sich allein und hilflos fühlen“, sagt Julian, dessen weiße Haare unter der Mütze heruasschauen. „Sie wollen, dass sie ihre Hoffnung verlieren und in aller Stille leiden. Worte erlauben es ihnen, ihre Unzufriedenheit auszudrücken. Durchs Hupen gebe ich den Menschen eine andere Ausdrucksform, um zu artikulieren, dass ihnen nicht gefällt, was da im Weißen Haus vor sich hingeht.“

          Julian sagt, dass das Impeachment notwendig ist und es nicht allein reicht, dass die Wähler bei der Präsidentschaftswahl im kommenden November über Trump abstimmen. „Trump und die Republikaner unterdrücken weiterhin Wähler in bestimmten Staaten, und auch die Russen werden es wieder versuchen. Wir können ihm also nicht die Chance geben, noch einmal zu versuchen, eine Präsidentschaftswahl zu manipulieren.“

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