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Vorwahlen der Demokraten : Bernie oder keiner

  • -Aktualisiert am

Joe Biden und Bernie Sanders im März bei einer Debatte in Washington Bild: AP

Bernie Sanders hat sich aus dem Vorwahlkampf der Demokraten zurückgezogen. Einige seiner Anhänger wollen aber nicht Joe Biden wählen. Donald Trump umwirbt sie gezielt.

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          2016 wollten viele Arbeiter Donald Trump glauben, dass er Industriejobs zurück in die Vereinigten Staaten holen würde. Eine Abschottungspolitik mit Zöllen versprach er den Wählern und warb damit auch um Unterstützer der Demokraten.

          Auch, wenn das nicht klappte, die Idee hat immer noch eine hohe Anziehungskraft, auch bei Teilen der Linken. Und so wandte sich Trump am Mittwoch bei Twitter an die von dessen Rückzug enttäuschten Unterstützer von Bernie Sanders: „Die Bernie-Leute sollten zur republikanischen Partei kommen. HANDEL!“

          Er erinnerte die trauernden Linken daran, dass die von ihnen favorisierten Abgeordneten keine Biden-Freundinnen seien: „Ich kann mit nicht vorstellen, dass AOC plus 3 den schläfrigen Joe unterstützen werden!“ Gemeint war das Politikerinnen-Quartett um die Linke Alexandria Ocasio-Cortez aus New York, das sich den Spitznamen „The Squad“ gab, sonst ein Slang-Wort für eingeschworene Freundinnen-Gruppen. Wieder einmal streute Trump gezielt Falschinformationen: Ocasio-Cortez hatte längst erklärt, dass sie Biden unterstützt. Trump nahm mit seinen Tweets diejenigen Sanders-Fans ins Visier, die tatsächlich empfänglich für seine populistischen Angebote sind.

          Joe Rogan, einer der erfolgreichsten amerikanischen Podcaster mit 1,5 Milliarden Einzelabrufen im Jahr, hatte erst kürzlich verkündet, Sanders wählen zu wollen. Dass der diese Fürsprache begrüßte, hing vor allem damit zusammen, dass Rogan als Amerikas „Männerversteher“ Nummer Eins gilt. Mit seinen meist weißen, männlichen Gästen und Witzen über Frauen, Transgender und angebliche „politische Korrektheit“ hat er sich eine große Anhängerschaft quer durchs politische Spektrum erarbeitet. Manche Fachleute aus dem Umfeld der Sanders-Kampagne hatten den Senator davor gewarnt, dem Podcaster zu nahe zu kommen. Und Rogans Flirt mit der Linken endete nun auch abrupt, als er zur Kandidatur Bidens verkündete: „Ich würde lieber Trump wählen.“ Mit der Nominierung des ehemaligen Vizepräsidenten habe die demokratische Partei „uns alle zu Idioten gemacht“, so Rogan.

          Gefahr durch Drittparteien

          Manche Kommentatoren befürchten ohnehin schon, dass sich die Unterstützer von Sanders nicht hinter Biden stellen werden. Die Wahlbeteiligung der jungen Generation ist sowieso niedrig – viele von ihnen könnten nun erst recht zu Hause bleiben. Sanders-Anhänger verweigerten Hillary Clinton 2016 in relevanter Zahl die Stimme – und zwar vor allem zugunsten von Trump.

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          Laut einer „FiveThirtyEight“-Auswertung, wählten um die 25 Prozent derjenigen, die in der Vorwahl Sanders unterstützt hatten, nicht Clinton. Stattdessen gaben 12 Prozent ihre Stimme Donald Trump, 4,5 Prozent entschieden sich für die Grüne Jill Stein und 3,2 Prozent für Gary Johnson, den Kandidaten der Libertären. Der Rest gab an, für andere Kandidaten oder gar nicht abgestimmt zu haben.

          Das zeigt, dass es durchaus ein Potential von Sanders-Fans gibt, die bereit sein könnten, Trump zu wählen – und dass Drittkandidaten kleiner Parteien eine Gefahr für die Demokraten sein können. Joe Biden ist allerdings nicht Hillary Clinton – manche Beobachter gehen davon aus, dass sie als Frau, vormalige Außenministerin und als First Lady des ehemaligen Präsidenten Bill Clinton besonders viel Ablehnung erfuhr.

          Die Sanders-Ultras machen ihrem Ärger unterdessen mit Twitter-Hashtags wie #BernieOrBust, #NeverBiden oder #DemExit2020 Luft. Auch, wenn auffällt, dass unter anderem Troll-Accounts diese Schlachtrufe benutzen, gibt es doch viele bekennende „Bernie or Bust“-Anhänger. Ihre Helden sind weniger Spätberufene wie Joe Rogan, sondern eher die Macher von linken Podcasts wie „Chapo Trap House“ oder „Red Scare“. Die New Yorker Lokalberühmtheiten hinter diesen Shows werden gelegentlich als „Dirtbag Left“ bezeichnet, weil sie es etwa für ein Zeichen intellektueller Unabhängigkeit halten, sexistische Witze zu machen.

          Sanders verdammt Flirt mit Rechten

          Die Macher von „Chapo“ twitterten nach Sanders' Rückzug, man werde wohl nun noch viel über die Geschäfte von Joe Bidens Sohn Hunter in China hören. Anna Khachiyan, eine der beiden Gastgeberinnen von „Red Scare“, vergleicht gern Biden und Trump – der ehemalige Vizepräsident sei „Trump für Arme“, twitterte sie im vergangenen Sommer. Man solle nicht um Sanders trauern, schrieb Khachiyan jetzt nach dessen Ausscheiden. Hätte sich der Senator nur selbst mehr an seine progressive Botschaft gehalten, statt Dialogbereitschaft zu signalisieren, wäre er auch besser gefahren, so lautete ihre Analyse. Khachiyan, die gern verkündet, dass struktureller Rassismus und die Ideologie der weißen Vorherrschaft Dinge aus der Vergangenheit seien, lud sich vor Kurzem Trumps ehemaligen Chefstrategen Steve Bannon als Interviewgast ein.

          Die ideologischen Flirts mancher Linker mit den Rechtspopulisten hat Sanders selbst stets verdammt – und im Gegensatz zu ihnen betonte er in diesem Präsidentschaftswahlkampf öfter als 2016, dass der Kampf gegen Ausbeutung und gegen strukturellen Rassismus zusammen gehörten. Viele seiner Wähler sind da auf seiner Seite. Aber sie sind auch überzeugt davon, dass die Partei ihre Stimmen für garantiert halte.

          So wie Doug, ein New Yorker Bibliothekar Anfang Vierzig, der seinen Nachnamen nicht öffentlich genannt sehen möchte. „Biden teilt keinen einzigen meiner politischen Werte“, sagt er. Da der Staat New York ohnehin mit großer Mehrheit für Biden stimmen werde, könne er es sich leisten, mit seinem Gewissen zu wählen. Er werde wegen der Abstimmung über den Kongress natürlich zur Wahl gehen, aber nicht für Biden als Präsidenten stimmen. Ob er das anders sehen würde, wenn er in einem anderen Bundesstaat leben würde? „In einem Swing State würde ich darüber vielleicht noch einmal nachdenken. Aber es geht um so kleine Krumen, die sie uns hinwerfen, die Plätze am Obersten Gerichtshof, eine marginal bessere Einwanderungspolitik. Ich weiß, wie das klingt, aber ich bin weder eine Frau, der Trump das Recht auf körperliche Selbstbestimmung wegnehmen will, noch ein Einwanderer.“

          Ihm seien deren Probleme wichtig, aber das Partei-Establishment sei sich seiner Stimme zu sicher und mache zu wenige Zugeständnisse. Wie viele Anhänger von Bernie Sanders würde er aber nie so weit gehen, Donald Trump zu wählen. „Der teilt ja ebenfalls keinen einzigen meiner Werte“, sagt Doug. Es gehe ihm nicht darum, Menschen davon abzubringen, für Biden zu stimmen – er werde nur niemanden ermutigen, das zu tun.

          Die Kampagne von Joe Biden weiß, dass er viele solche Wähler für sich gewinnen muss, die begeistert von Sanders sind. Inzwischen ist er etwas auf sie zugegangen: das Zugangsalter zur öffentlichen Medicare-Krankenversicherung für Rentner will er von 65 auf 60 senken. Und Schulden von öffentlichen Universitäten sollen unter bestimmten Umständen erlassen werden. Die jungen Akademiker, die für Sanders Wahlkampf gemacht haben, sind aber oft bei privaten Hochschulen verschuldet – sie setzen ihre Hoffnungen nun darauf, dass Sanders auf dem Vorwahl-Zettel bleibt. Dann würde er weiter Delegierte und damit politische Manövriermasse sammeln. Die könnte er dann bis zum Nominierungsparteitag im August einsetzen, um noch deutlichere Zugeständnisse zu erreichen.

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