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Parteitag der Demokraten : „Trump und Hillary sind beide böse“

  • -Aktualisiert am

Zum Schweigen gebracht? Eine junge Frau demonstriert auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten plakativ dagegen, dass Bernie Sanders im Vorwahlkampf noch das System verändern wollte und jetzt Hfür illary Clinton wirbt Bild: AFP

In einer furiosen Rede stellt sich Bernie Sanders auf dem Parteitag der Demokraten hinter Hillary Clinton. Die Wut mancher seiner Anhänger mildert das jedoch kaum. Sie fühlen sich von ihm betrogen.

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          Mary Ellen Bussino ist aus Albany im amerikanischen Bundesstaat New York nach Philadelphia gekommen, für die Übernachtung in einem der in dieser Woche völlig überteuerten Hotels zahlt die Krankenschwester mehrere hundert Dollar pro Nacht. Warum? „Weil ich meinem Ärger einfach Luft machen muss.“ Bussino ist eine von Tausenden Anhängern des in den Vorwahlen der Demokraten unterlegenen Senators Bernie Sanders, die am Rande des großen Nominierungsparteitags in Pennsylvania demonstrieren.

          Während in der Veranstaltungshalle nur die offiziellen Sanders-Delegierten zugelassen sind, versammelt sich in den Straßen und Parks um das „Wells Fargo Center“ die enttäuschte Basis der freiwilligen Aktivisten, die während des monatelangen Vorwahlkampfs für Sanders und dessen Agenda getrommelt haben und sich nun, angesichts der unmittelbar bevorstehenden Nominierung der unbeliebten Hillary Clinton, um ihren Einsatz und ihre Leidenschaft betrogen sehen. „Jeder weiß, dass das Clinton-Lager uns gezielt Stimmen geklaut hat, die ganze Vorwahl ist ein Betrug“, ruft Krankenschwester Bussino und bekommt zustimmenden Applaus.

          Sanders selbst versucht an diesem Eröffnungstag der insgesamt viertägigen Nominierungsshow alles, um diesen Aussagen seiner Unterstützer die Schärfe zu nehmen. „Wir haben sechsundvierzig Prozent der verpflichteten Delegierten gewonnen“, ruft er seinen Leuten mittags bei einer kurzen Ansprache zu, es habe also einfach nicht ganz gereicht zum Vorwahlsieg. Seine Zuhörer sehen das anders. „Wir wollen Bernie“, rufen sie. Als Sanders fordert, dass es jetzt vor allem darum gehe, Donald Trump im November zu schlagen, beklatschen nur wenige den Satz, der bei Sanders’ Auftritten im Vorwahlkampf noch regelmäßig Begeisterungsstürme ausgelöst hatte.

          Wütende Buhrufe, weil er für Clinton wirbt

          „Wir müssen Hillary Clinton und Tim Kaine wählen“, legt der 74-Jährige nach und erntet für diese Aussage jetzt sogar wütende Buhrufe. Nicht nur Clinton, sondern auch der von ihr Ende letzter Woche ausgewählte Vize-Präsidentschaftskandidat aus Virginia, der eher dem gemäßigten als dem linken Parteiflügel der Demokraten zuzurechnen ist, wird von eingefleischten Sanders-Anhängern angefeindet. Dass Sanders zudem seine versprochene „politische Revolution“ nun vor allem als langfristigen Prozess verkauft, in dem es darum gehe, Schritt für Schritt das Innenleben der demokratischen Partei zu verändern, etwa die Zahl der Superdelegierten auf Parteitagen zu reduzieren, ist für seine ungeduldigen Unterstützer zu wenig.

          85 Prozent der Menschen, die in den Vorwahlen Sanders ihre Stimme gegeben haben, sollen aktuellen Umfragen zufolge bei der Präsidentschaftswahl im November für Clinton stimmen wollen. Unter den Protestlern in Philadelphia finden sich allerdings nur ganz wenige, die das so klar sagen wollen. George Burton, ein junger Mann mit Bernie-Anstecker, sagt, er werde Clinton wählen, um Trump zu verhindern, wird allerdings umgehend von seinen Mitstreitern ausgebuht. „Trump und Hillary sind beide böse“, schreit ihn eine neben ihm stehende Demonstrantin mit verzerrtem Gesicht an.

          Doch nicht nur draußen auf der Straße, auch in der Halle ist die Stimmung rund um Sanders’ Rede am ersten Abend angespannt. Der Skandal um gehackte E-Mails, die unmittelbar vor Beginn des Nominierungskonvents auf der Plattform Wikileaks veröffentlicht wurden, haben im Sanders-Lager für viel böses Blut gesorgt. Aus einigen der Nachrichten, angeblich von russischen Cyberkriegern ausgespäht, geht offenbar hervor, wie Mitglieder der eigentlich zur Neutralität angehaltenen Parteispitze mit miesen Tricks versuchen wollten, Sanders in den Vorwahlen zu diskreditieren. Dass die Parteivorsitzende Debbie Wasserman Schultz, von deren Postfach aus einige der Mails gesendet worden sein sollen, bereits ihren Rücktritt erklärt hat und auf der Bühne in Philadelphia nicht mehr öffentlich in Erscheinung treten wird, beruhigt das aufgebrachte Sanders-Camp zunächst kaum.

          Dann glätten sich die Wogen doch noch – ein bisschen

          Schließlich braucht es eine erste große Entschuldigung der respektierten Interims-Parteichefin Donna Brazile, eine leidenschaftliche Rede von First Lady Michelle Obama („Wegen Hillary Clinton sehen es meine Töchter als gegeben an, dass eine Frau Präsidentin der Vereinigten Staaten werden kann“), zahlreiche Anti-Trump-Videospots, ein paar beruhigende Klänge von Musiker Paul Simon („Bridge Over Troubled Water“) sowie eine SMS von Sanders an seine Delegierten, doch bitte von offenen Protesten im Innenraum der Veranstaltungshalle abzusehen, um die Wogen zumindest ein wenig zu glätten. Als Sanders um kurz nach 22:30 Uhr Ortszeit ans Podium tritt und abermals eine Wahlempfehlung abgibt („Hillary Clinton muss die nächste Präsidentin der Vereinigten Staaten werden“), gibt es nur noch vereinzelte Pfiffe aus einer Sanders-Ecke. Eine Frau posiert mit zugeklebtem Mund, Kameramänner und Fotografen stürzen sich auf das Symbolbild.

          Vom Klimaschutz bis zum Mindestlohn: Wohl auch weil Sanders seine Anhänger in seiner Rede immer wieder daran erinnert, wie viele grundlegende Positionen er mit Clinton teile, bleibt das ganz große Chaos aus. Vom Motto des Tages („Miteinander vereint“) war über weite Strecken trotzdem eher wenig zu spüren. Für die gereizte Stimmung unter den Demokraten beziehungsweise den Gegenwind gegen Sanders machen nicht wenige Beobachter übrigens Sanders selbst verantwortlich. Nur weil er jetzt umgeschwenkt sei und als „fairer Verlierer“ das Partei-Establishment, gegen das er als erklärter Außenseiter im Vorwahlkampf so lange und intensiv gewettert hatte, unterstützt, müssten das seine Anhänger ja noch lange nicht genauso machen.

          „Bernie hat uns die ganze Zeit mit Mountain Dew gefüttert und will jetzt, dass wir brav schlafen gehen“, empört sich Chris Laursen, Sanders-Delegierter aus Iowa. Mountain Dew ist eine in den Vereinigten Staaten beliebte Limonade mit besonders hohem Koffeinanteil.

          Bernie Sanders, der zornige alte Mann, der bei jungen Wählern gut ankommt.

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